Idealistisch, aber auch nüchtern

Radical. USA 2023, Regie: Christopher Zalla, 122 Minuten, Kinostart: 8. Februar 2024

Das Schuldrama von Christopher Zalla erzählt – ausgehend von einem wahren Fall – die Geschichte eines jungen Lehrers aus Mexiko, der an einer Problemschule eine leistungsschwache Klasse übernimmt. Statt auf sture Disziplin und Frontalunterricht setzt er auf unkonventionelle Methoden.

In der Grundschule José Urbina López in der Stadt Matamoros an der Grenze zu den USA tritt Sergio Juárez Correa 2011 eine neue Stelle an. Die sechste Klasse liegt mit ihren Leistungen weit unter dem Landesschnitt. Die Schülerinnen und Schüler haben es schwer in einer verarmten Region, in der Drogenbanden großen Einfluss haben. Die Grundschule wird von den Behörden vernachlässigt, ihr Direktor Chucho hat resigniert. Der Computerraum ist seit vier Jahren abgeschlossen, nachdem die wenigen Computer gestohlen worden sind. Wer die Schulbibliothek nutzen will, muss sich einen Tag vorher anmelden. Der Unterricht ist geprägt von konventionellem Frontalunterricht. Ein korrupter Lehrer erklärt pädagogisches Prinzip: „Stille ist die Grundlage von Gehorsam. Gehorsam ist die Grundlage von Disziplin und die ist Grundlage des Lernens.“

Sergio schlägt sofort ganz andere Töne an. Er weigert sich, den Zwölfjährigen gewöhnliches Schulwissen beizubringen, und ermuntert sie stattdessen, selbst zu denken und aus ihren Fehlern zu lernen. „Es liegt an euch, euer Potenzial zu nutzen“, sagt er den Kindern. 

Klar, dass er mit solch revolutionären Methoden bei den Kollegen, dem Direktor und dem Schulinspektor aneckt. Dagegen finden die Schülerinnen und Schüler Gefallen an dem innovativen Ansatz und machen fleißig mit. So entdeckt Lupe, die ständig auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen muss, während ihre Mutter Nachtschichten schiebt, für sich die Philosophie. Der Klassenclown Nico, dessen älterer Bruder Chepe ihn bereits als Drogenkurier einsetzt, beginnt den Unterricht ernst zu nehmen. Und das Mathe-Genie Paloma, die ihrem alleinerziehenden Vater, einem Schrottsammler, auf der Müllhalde zur Hand geht, träumt davon, Raumfahrtingenieurin zu werden. 

Starke Identifikationsfiguren

Der 1974 in Kenia geborene Drehbuchautor und Regisseur Christopher Zalla stützt sich auf den realen Fall des Pädagogen Sergio Juárez Correa, dem es 2011/2012 mit innovativen Ideen gelang, seine Schüler so zu motivieren, dass sie beim nationalen Leistungstest Enlace am Ende des Schuljahres binnen kurzer Zeit deutlich besser abschnitten. Seine Filmerzählung will vor allem Mut machen und wandelt dabei hin und wieder auf den ausgetretenen Pfaden klassischer Lehrerfilme wie „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ (2004) oder „Der Club der toten Dichter“ (1989), deren Protagonisten von Barmherzigkeit und Idealismus getrieben sind. Auf dem Weg zur kindlichen Selbstermächtigung nimmt Zalla eine gewisse Vorsehbarkeit der Stationendramaturgie in Kauf und erlaubt sich im letzten Drittel auch Ausflüge ins allzu Melodramatische. Dafür bietet die geradlinige Inszenierung starke Identifikationsfiguren, zumal Sergio von dem spielfreudigen mexikanischen Star Eugenio Derbez und die drei Kinder von souverän agierenden Nachwuchsdarstellern verkörpert werden. 

Geschickt bettet die Regie die schulischen Irrungen und Wirrungen in eine nüchterne Milieubeschreibung ein. Auf dem Heimweg gehen Lupe und ihre Geschwister ohne mit der Wimper zu zucken an den Leichen zweier erschossener Männer vorbei, die von der Polizei bewacht werden. Gelder für die Schulausstattung versickern in dunklen Korruptionskanälen. Und Paloma versteckt die heimlich gesammelten Bücher in ihrer baufälligen Hütte vor dem bildungsfernen Vater, der es für unrealistisch hält, dass seine begabte Tochter einmal ein besseres Leben führen könnte. Trotz den gezeigten Fortschritten in Sachen Ermutigung bleibt die bittere Erkenntnis: Ein so rückständiges Bildungssystem kann nicht allen Minderjährigen die Chance zum sozialen Aufstieg durch Bildung geben. 

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