Chronik der Bedrohungen

Herz des Himmels, Herz der Erde
Deutschland 2011
Regie: Frauke Sandig, Eric Black
97 Minuten
Kinostart: 1. Dezember 2011


Was hat es mit dem angeblichen Ende des Maya-Kalenders auf sich? Und wie beeinflussen die Mythen und religiösen Überzeugungen den Alltag der Maya? Wie können sie sich gegen Ausgrenzung und Ausbeutung in Mexiko und Guatemala behaupten? Mit diesen Fragen befassen sich Frauke Sandig und Eric Black in ihrem neuen Dokumentarfilm. Die Autoren schlagen einen weiten Bogen vom Popul Vuh, der legendären Mythensammlung der Quiché-Indios über die Erschaffung der Welt, bis zum aktuellen Widerstand der Indigenen in Guatemala gegen die rücksichtslose Zerstörung ihrer Umwelt. Sie stellen sechs junge Maya vor, die Einblicke gewähren in ihren Alltag, ihre Zeremonien und ihre Weltsicht.

Ein zentraler Ansatzpunkt sind die Spekulationen über den Untergang der Welt, den der am 21. Dezember 2012 endende Kalender der alten Maya angeblich vorhersagt. Esoterikbücher und Katastrophenfilme wie Roland Emmerichs „2012“ (2009) heizen diese Mutmaßungen schon seit Jahren an. Im Film macht ein Maya deutlich, dass an diesem Datum einfach der nächste Zyklus der Zeit beginnt. „Wir haben keinen wirklichen Beweis, dass die alten Mayas dachten, dass dies das Ende der Welt sei oder das Ende der Menschheit.“ Allerdings sieht er Parallelen zwischen dem Untergang der klassischen Maya-Zivilisation und der heutigen Krise, die durch das Ausbeuten der natürlichen Ressourcen entstanden sei.

Ein weiterer Erzählstrang widmet sich der Beschreibung der Kosmovision und spirituellen Traditionen der Indigenas. So schildert ein Maya anhand des heiligen Ceiba-Baumes die Götter seines Volkes, die das Wurzelwerk ebenso bewohnen wie die Baumwipfel. „Diese Bäume halten auch die Sterne am Himmel. Wenn eine Ceiba fällt, fällt ein Stern herab.“ Die Maya verstehen die Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt als Einheit, in der alles miteinander in Verbindung steht. Ein angehender Schamane beklagt aber auch, dass in der modernen Zivilisation viele Indigene ihren Glauben verloren hätten.

Das dritte Hauptthema ist der Raubbau an der Natur, der die Lebensgrundlagen der bäuerlichen Bevölkerung untergräbt. Ein Maya aus Chiapas berichtet: „Hier sind in den letzten 30 Jahren mehr als zwei Drittel des Regenwaldes zerstört worden. In einem Meer von Viehweiden sind nur grüne Inseln geblieben.“ Die stärksten Momente entfaltet der Film in Guatemala, wo Dorfgemeinden sich gegen die Betreiber einer Mine zur Wehr setzen, die zur Gewinnung von Gold Zyanid einsetzen. Die Anwohner beklagen, dass ihre Kinder rote Flecken bekommen und die Brunnen austrocknen. Eine Aktivistin wirft den Industrieländern wie Kanada vor, nichts gegen die anhaltende Ausbeutung der Indigenen durch multinationale Konzerne und die eigene Regierung zu tun.

Verknüpft werden die Statements mit imposanten Impressionen der geschundenen Landschaften und Bilder verbliebener Naturschönheiten, die oft einen meditative Ruhe ausstrahlen. Der eindringliche Erzählduktus spiegelt zugleich die universelle Kraft der Maya-Gemeinschaft, die ihre Lebenswelt als Teil eines mystischen Naturkosmos begreift.


Reinhard Kleber

 

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