Neuer Ansatz, enttäuschendes Fazit

Dominic Johnson
Afrika vor dem großen Sprung
Wagenbach Verlag, Berlin 2011,
108 Seiten, 9,90 Euro


„Alles wird anders“ in Afrika – so lautet die mutige These des Afrika-Kenners Dominic Johnson, der die Geschichte des postkolonialen Afrika als Generationengeschichte zu beschreiben versucht. Danach ist heute der „demographische Ausnahmezustand der vergangenen 500 Jahre“ beendet: In Afrika leben wieder so viele Menschen wie vor dem Sklavenhandel. Und sie werden immer jünger. Die neuen „afrikanischen Löwen“ eifern fern aller Ideologien den „asiatischen Tigern“ nach, eine dynamische, unternehmerische, mit der Welt vernetzte Schicht, die sich der „Erblasten“ des Kolonialismus und der postkolonialen Diktaturen entledigt hat.

Den ersten Präsidenten afrikanischer Staaten wurde in den 1960er Jahren die Unabhängigkeit „auf dem Silbertablett“ präsentiert, so Johnson. Diese Generation brachte Diktatoren hervor, etwa in Nigeria, Zaire, Uganda und Zentralafrika. Die Visionäre dieser Zeit wie etwa den afrikanischen Sozialisten Julius Nyerere oder Kwame Nkrumah aus Ghana ordnet Johnson schwer verständlich der zweiten Befreiung zu. Die datiert er auf 1979, als tansanische Truppen Yoweri Museveni dabei halfen, Idi Amin aus Uganda zu vertreiben, „der erste erfolgreiche Guerillakrieg zum Sturz einer afrikanischen Regierung ohne Zutun von außerhalb“. Die Guerillas in Südafrika, Angola, Mosambik und Rhodesien passen allerdings nicht in Johnsons Bild: Sie kämpf- ten noch in den 1980er Jahren gegen die Kolonial- mächte – mit ausländischer Hilfe.

1994, das Jahr der ersten allgemeinen Wahlen in Südafrika und des Genozids an den Tutsi in Ruanda, ist für Johnson „die zweite entscheidende Gründungsstunde des neuen Afrika“. Denn die Rückkehr der Tutsi (deren Armee den Genozid beendete) und der Sieg des Afrikanischen Nationalkongresses ANC seien ohne fremde Hilfe geschehen. Zugleich weist er auf Ambivalenzen dieser Entwicklung hin, etwa die Ermordung des „einzigen erfolgreichen Revolutionärs“ in Westafrika, Thomas Sankara, und die „zwiespältigen“ Regime in Äthiopien und Somalia.

Trotz der merkwürdigen Periodisierung folgt man Dominic Johnson neugierig auf seinem Flug in großer Höhe über den afrikanischen Kontinent, auch wenn er Einzelheiten ausblendet, die nicht ins Bild passen: Ist zum Beispiel die Ära der „big men“ tatsächlich zu Ende, solange in Simbabwe, Kamerun oder im Tschad noch Diktatoren herrschen? Mit der „Afrikanischen Renaissance“ ab 1996 habe die neue Generation afrikanischer Politiker die „Ideologie des erhobenen Hauptes“ entwickelt, so Johnson weiter. Sie entlarve die Doppelmoral der Mahner aus dem Norden zum Beispiel beim Naturschutz und bei der Korruption. Damit einher gehe aber ein knallhartes Streben nach Macht und Geld. Der Staat werde wie ein Familienunternehmen geführt, auch in Ländern mit „guter Regierungsführung“ wie Südafrika.

Ist das wirklich neu? Johnson sieht einen Unterschied zur Kleptokratie der Gründerväter: Die Idee der demokratischen Partizipation sei in Afrika inzwischen so tief verankert, dass die neuen Führer solch „plumpen Absolutismus“ nicht mehr durchsetzen könnten. Das liege vor allem an den neuen Managern auf dem Kontinent. Das letzte Kapitel des Buches beschreibt voller Bewunderung die neu- en Mogule von Kongo bis Südafrika, die mit und ohne staatliche Förderung afrikanische Konzerne in Telekommunikation, Ölförderung, Bergbau und im Fernhandel aufgebaut haben. Schade: Johnsons neuer Ansatz landet ganz konventionell beim Credo von der freien und globalisierten Marktwirtschaft als Bedingung für Demokratie und afrikanische Einheit. Hohe Wachstumsraten, ausländische Investitionen und Kapitalströme seien Indizien für den beginnenden „großen Sprung“ Afrikas. 40 Jahre Diskussion über die Gefahren der kapitalistischen Wirtschaftsweise sind an Johnson offenbar spurlos vorübergegangen. Von den Opfern dieser „Modernisierung“ ist an keiner Stelle die Rede. Erst am Schluss werden „ethnisch gefärbte Sozialproteste“ und die Möglichkeit, „in Krisen und Problemen zu versinken“, erwähnt.

Folglich lautet das Fazit: „Die Zukunft ist offen“. „Afrika vor dem großen Sprung“ aber will positiv auf den Kontinent schauen. Der Untertitel „Ein Essay“ hätte den Leser besser auf die Thesenhaftigkeit des Buches vorbereitet.


Birgit Morgenrath

 

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