In Gaddafis Falle

Im umkämpften Libyen befinden sich fast anderthalb Millionen Menschen zwischen den Fronten. Die meisten von ihnen sind mehr oder weniger illegale Gastarbeiter aus Afrika, darunter eine nie registrierte Zahl von nicht anerkannten Flüchtlingen. Sie haben kaum eine Chance, das Land zu verlassen – und wenn, würden sie an Europas Grenzen mit großer Wahrscheinlichkeit abgewiesen.

Den Alarmruf des jesuitischen Flüchtlingsdienstes auf Malta im Februar, schon bald nach Beginn der heißen Phase des Aufstands in Libyen, bürstete die Bürokratie des EU-Ministerrats kalt weg: Die Mehrheit der Migranten, die derzeit aus Nordafrika kämen, suchten kein Asyl, weshalb die internationalen Schutzgarantien auf sie nicht anwendbar seien, entgegnete die ungarische EU-Präsidentschaft dem Hilferuf der Jesuiten für zweitausend Flüchtlinge aus Eritrea, die sich in Tripolis in einer aussichtslosen Lage befänden. Und die für Justiz und Rechtsangelegenheiten zuständige EU-Kommissarin Cecilia Malmström mochte Anfang März „überhaupt keine Flüchtlinge“ aus Libyen in dem auf Malta sowie an den italienischen und spanischen Stränden ankommenden Zustrom aus Nordafrika erkennen.

Autor

Heimo Claasen

ist freier Journalist in Brüssel und ständiger Mitarbeiter von "welt-sichten".

Während die EU-Staaten ihre Geschäftsleute und Montagetechniker aus dem Konfliktgebiet evakuierten, schaffte es kein einziger der afrikanischen Flüchtlinge, die in Gaddafis Reich gestrandet sind, an Bord der Flieger oder Schiffe nach Europa. Und nur die wenigsten haben Mittel und Möglichkeiten wie die Viertelmillion Gastarbeiter aus den arabischen Nachbarländern, über die Grenzen nach Tunesien oder Ägypten zu fliehen. Ende Februar richteten Hilfswerke deshalb dringliche Appelle an die Justiz- und Innenminister der EU-Staaten: Europa müsse das Recht der Flüchtlinge auf Zugang achten und dürfe Asylsuchende nicht abweisen.

Afrikaner werden in Libyen von beiden Seiten verdächtigt

Für die libyschen Behörden waren die Zuwanderer aus Eritrea Illegale – so wie viele andere Migranten aus Konfliktgebieten südlich der Sahara, die in der vergleichsweise florierenden Wirtschaft Libyens als Bauarbeiter, Hausangestellte oder billige Hilfskräfte beschäftigt waren. Nach dem Ausbruch der Unruhen wurden Afrikaner von beiden Seiten pauschal verdächtigt und verfolgt: von Gaddafis Sicherheitsdiensten als „Spione“, von den Aufständischen im Osten des Landes als „Gaddafis Söldner“. Der Diktator hatte Milizen aus den Bürgerkriegen in Sierra Leone, Mali, Niger und Tschad jahrelang gefördert und jetzt im Kampf gegen die Opposition eingesetzt. Eine niederländische Journalistin, die im chaotischen Bengasi mit dem Kommandanten eines Gefängnisses sprechen konnte und ihn fragte, warum dort gut drei dutzend Afrikaner eingesperrt seien, bekam zur Antwort, die Männer würden sofort gelyncht, wenn man sie freilasse.

Bislang haben es deshalb nur wenige Afrikaner aus Libyen in die Auffanglager des UN-Flüchtlingskommissariats jenseits der Grenzen in Ägypten und Tunesien geschafft. Ihre Aussagen deuten darauf hin, dass sich ihre Leidensgenossen im Lande verstecken und um ihr Leben fürchten. Mitte März verweigerte die italienische Regierung einer mit fast zweitausend Flüchtlingen aus Libyen besetzten Fähre, anzulegen und Treibstoff zu tanken. Das Schiff hatte vorher versucht, Malta anzulaufen, und war auch dort abgewiesen worden.

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