Altes Recht im jungen Staat

Überlieferte Werte und Schlichtungs­verfahren prägen die sozialen Beziehungen unter Paschtunen in Pakistan und Afghanistan. Die Regeln sind flexibel und wandeln sich, nicht zuletzt infolge des langjährigen Krieges. Doch für den Aufbau eines Staates kann Afghanistan nicht auf den paschtunischen Moralkodex zurückgreifen: Er ist mit modernen Rechtsgrundsätzen unvereinbar.

Der Begriff Paschtunwali stellt unter den Paschtunen in Afghanistan und Pakistan sofort ein gemeinsames Verständnis her und wird mit beifälligem Nicken aufgenommen. Er verweist auf das gemeinsame paschtunische Erbe. Tatsächlich bedeutet das paschtunische Wort pukhtunwaalay „Paschtune sein“ oder „Paschtunentum“ und vermittelt eine umfassende Vorstellung der Zusammengehörigkeit. So wird es von den meisten Paschtunen in Afghanistan und Pakistan verstanden. Daher benutzen die Mitglieder dieser Volksgruppe das Wort im Alltag nicht häufig; offenbar gilt das gemeinsame Erbe als selbstverständlich und muss nicht besonders betont werden. Ausländer aus dem Westen sprechen häufiger davon als die Paschtunen selbst.

Die 35 bis 40 Millionen Paschtunen, die heute in Afghanistan und Pakistan leben, gelten als die größte in „Stämmen“ organisierte Volksgruppe der Welt. Sie teilen neben der Sprache und der Religion einen gemeinsamen Moralkodex, ein System sozialer Normen und Verhaltensregeln, an denen das private und öffentliche Leben sich orientiert – oder zumindest gehen die Paschtunen davon aus, dass das Paschtunwali für sie alle gilt. In Wirklichkeit ist dieser Kodex weder schriftlich fixiert noch unveränderlich, und viele seiner Grundsätze gelten in Südasien über die Paschtunen hinaus. Die Vorstellung, dass ihm quasi Gesetzeskraft zukommt, geht auf die Deutung von britischen Kolonialbeamten zurück, die bei der ersten Begegnung der beiden Völker Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von den Paschtunen fasziniert waren.

Autor

Andrea Chiovenda

ist Althistoriker, Politikwissenschaftler und Ethnologe. Als Offizier der italienischen Armee war er von 1999 bis 2004 in Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan und im Irak im Einsatz und hat als Journalist von dort berichtet. Derzeit promoviert er über paschtunische Bräuche und ihr Verhältnis zum modernen Recht.

Die ersten britischen Forschungsreisenden und nach ihnen die Offiziere des Empire waren tief beeindruckt von der scheinbaren Isolierung der Paschtunenstämme und dem Widerstand, den sie ihren Eroberungsbemühungen entgegensetzten. So zeichneten sie ein attraktives Bild von ihnen, das romantischen und orientalisch-exotischen Klischees entsprach. Einige Normen und Bräuche wurden berühmt und blieben das auch unter heutigen Ethnologen: Bei den Paschtunen muss der Mann aufs Äußerste darauf bedacht sein, seine Ehre und die seiner Familie zu bewahren (izzat). Er muss bereit sein, jedes Unrecht zu vergelten (ghairat), das seine Ehre oder die Familienehre mindern könnte. Das kann ihn dazu verpflichten, gewaltsam Rache (badal) an denen zu üben, die ihn oder seine Familie entehrt haben. Die Vergeltung kann auch ein Mitglied der eigenen Familie treffen, wobei in diesem Falle nicht von Rache gesprochen wird.

Ein rechtschaffener Paschtune muss gegenüber jedem Gast großzügige Gastfreundschaft (melmastia) üben und jedem, der in seinem Haus Schutz sucht, Schutz bieten – selbst einem Feind. Häufig wird dazu eine Zeremonie (nanawatay) abgehalten, mit der sich der Bittsteller unter die Schirmherrschaft des Schutzgebers begibt. Streitigkeiten und Konflikte in der Gemeinschaft werden oft auf diese Weise gelöst: Eine Partei „geht nanawatay“ zum Haus der anderen. Theoretisch ist die Gegenseite dann verpflichtet, darauf einzugehen und die Auseinandersetzung als endgültig beigelegt zu behandeln. Die älteren Männer (die Weißbärte, spin giri) haben im Prinzip die unangefochtene Autorität innerhalb eines Haushalts, und in einer Gemeinde wendet man sich an sie, wenn einem ein Schaden zugefügt wurde und man zu seinem Recht kommen will. In einem solchen Falle berufen die Ältesten eine Versammlung (jirga) ein, die dann von beiden Konfliktparteien die Befugnis erhält, den Sachverhalt zu klären und eine angemessene Lösung zu finden.

Unfair, aber zugänglich: Frauen gehen eher zum Dorfgericht

Hohe Kosten, weite Wege, keine Rechtskenntnisse, Angst vor sozialer Ausgrenzung oder schlicht keine Zeit: Es gibt viele Gründe für Frauen in armen Ländern, in Streitfällen den Gang vor…

Diese Werte und das entsprechende Verhalten sind Bestandteil des Weltbilds der Paschtunen in Afghanistan und Pakistan – von Nord bis Süd. Doch sie stellen ein Idealmodell dar, das nicht immer befolgt wird. Auch wenn diese Normen ernst genommen werden und auf das Sozialverhalten durchschlagen, werden sie in einem ständigen Aushandlungsprozess auf die Umstände und die Interessen der Beteiligten abgestimmt. Manche traditionellen Gepflogenheiten werden den Gegebenheiten entsprechend neu interpretiert. Andere werden völlig aufgegeben und gelten nicht mehr als Teil der Sitten.

In der stark patriarchalischen Gesellschaft der Paschtunen spielen die Frauen praktisch keine öffentliche oder politische Rolle. Doch zum Unglück der Frauen hängt die Familienehre weitgehend gerade von ihrem Verhalten ab. Damit eine Familie als „ehrenhaft“ gilt, muss sie vor allem eine strenge Aufsicht über ihre weiblichen Mitglieder ausüben. Die Mädchen werden sehr früh verheiratet oder „versprochen“, meist schon im Alter von elf oder zwölf Jahren. Den Jungen geschieht dasselbe, jedoch etwas später.

Bis zum Alter von etwa zwölf oder 13 Jahren wird den Mädchen ein gewisser Freiraum außerhalb des Hauses zugestanden und manche dürfen die Grundschule besuchen. Doch wenn sie verheiratet oder im heiratsfähigen Alter sind, verschwinden sie aus der Öffentlichkeit. Sie beginnen das Leben einer erwachsenen Frau, und das heißt sie müssen zuhause bleiben und sich um die Hausarbeit kümmern. Nur in Begleitung eines erwachsenen männlichen Angehörigen und verhüllt von einer Burka dürfen sie jetzt noch das Haus verlassen, und auch das nur zu besonderen Anlässen. Das Gesellschaftssystem der Paschtunen ist patrilokal, das heißt Ehefrauen ziehen zum Mann. Verheiratete Frauen leben bei der Familie des Ehemannes und unterstehen dort der Aufsicht der ältesten Frau im Haus – in der Regel der Mutter oder Großmutter des Ehemannes. Sie haben nur Kontakt zur eigenen Familie, wenn die Familie des Mannes das ausdrücklich genehmigt. Eine Scheidung ist auf Wunsch des Mannes möglich, doch Frauen können sich nicht scheiden lassen. Junge Ehefrauen werden von der Frau, die im Haus des Mannes das Sagen hat, oft sehr schlecht behandelt. Ihre Sittsamkeit ist der wichtigste Maßstab, an dem die Ehre der gesamten Familie gemessen wird. Ein „Fehltritt“ einer jungen Frau – wenn sie zum Beispiel allein im Basar Lebensmittel einkauft oder beobachtet wird, wie sie außerhalb des Hauses mit einem fremden Mann spricht –, und der gute Ruf der Familie kann für immer dahin sein. Dafür wird die Frau dann bestraft. Die scharfe Überwachung der Frauen – mit den entsprechenden Folgen – gilt als Teil des Paschtunwali und als besonders typisch für die Paschtunen; dies entspricht auch ihrer eigenen Einschätzung.

Doch das Paschtunwali ist keine Sammlung von Normen, die in Stein gemeißelt, in einem Gesetzbuch niedergelegt sind und buchstabengetreu eingehalten werden müssen. Im Rahmen der wichtigsten Prinzipien des Paschtunwali finden vielfältige pragmatische Aushandlungen entsprechend der jeweiligen Umstände statt. Was vor 30 Jahren für einen sittenstrengen Paschtunen als inakzeptabel galt, kann heute als richtig oder sogar notwendig angesehen werden. Das soziale Gefüge einer Ethnie verändert sich ständig und passt sich neuen Gegebenheiten an.

In Städten etwa gibt es stärkere Einflüsse von außen, die – wenn auch schwache – Autorität des Staates ist stärker fühlbar als auf dem Land und die Bildungsmöglichkeiten sind besser. Hier wird von einem respektablen Paschtunen erwartet, dass er sein Leben und das seiner Familie auf eine Weise organisiert, die ein Paschtune auf dem Land für falsch oder zu freizügig halten würde. Er kann seinen Töchtern den Schulbesuch gestatten, sogar über das fünfte oder sechste Schuljahr hinaus; seine Söhne können studieren, vielleicht sogar in einer anderen Stadt.

Im Falle eines Konflikts kann er sich an die Polizei oder die Gerichte wenden statt an die Versammlung der Ältesten. Er muss seine Töchter nicht so früh wie möglich verheiraten und der Schwiegersohn muss nicht zu seinen engeren Verwandten gehören. Paschtunen, die sich für eine solche Lebensweise entscheiden, haben nicht das Gefühl, dem Paschtunentum weniger treu zu sein als andere. Vielleicht halten sie sogar die Paschtunen vom Land, die sich nach strengeren Normen richten, für unwissend, rückständig und „unzivilisiert“. Die Vorstellung davon, was ein guter Paschtune zu tun und zu lassen hat, verändert sich je nach Ort und Zeit.

Deshalb ist es kaum möglich, dass der Staat die Regeln des Paschtunwali in Gesetzen niederlegt oder sie in die Verfahren und Grundsätze der staatlichen Justiz integriert. Das Paschtunwali wird zuweilen als eine Art ungeschriebenes Strafgesetzbuch mit spezifischen Verfahrensregeln angesehen. Doch der Vergleich ist irreführend. Früher gestalteten die Paschtunen in Afghanistan ihr Leben im Wesentlichen ohne Eingriffe irgendeines Staates, und sie haben auch keine echte Kolonialherrschaft erlebt. Deshalb konnten sie lange Zeit ein unabhängiges System der sozialen Kontrolle aufrechterhalten, das sich auf die Autorität der Ältesten sowie auf kulturelle Werte stützte. Sie beruhten auf allgemeinen moralischen Geboten, die vor allem die Beziehung zwischen den Geschlechtern betrafen. Sie entsprangen zum größten Teil der eigenen kulturellen Überlieferung der Volksgruppe und wurden mit einer vagen Legitimierung aus dem Islam versehen, obwohl viele paschtunische Bräuche islamischen Vorschriften widersprechen.

Es stimmt zwar, dass das System der „jirga“ ziemlich ausgefeilte Verfahrensregeln beinhaltet. Aber es weist auch unzählige regionale Varianten auf, die auf die historischen Umstände und die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppierungen zurückgehen, die sie geschaffen haben. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Rechts- und Schlichtungsverfahren der lokalen und regionalen Untergruppen eigenständig fortentwickelt – wenn auch auf der Grundlage derselben allgemeinen ethischen Werte und moralischen Gebote.

Zum Beispiel mag unter einem Stamm in einem Teil der Provinz Paktia die Regel gelten, dass auf Beschluss der „jirga“ ein Mädchen an eine andere Familie abgetreten wird, um ein Unrecht wiedergutzumachen. Dasselbe Unrecht kann dagegen in einem Teil der Provinz Nangarhar mit einer Geldzahlung gesühnt werden, und die Abtretung von Töchtern wird als unverzeihliche Sünde angesehen. In Nangarhar ist es aber mancherorts möglich, aus einem beliebigen Grund die eigene Ehefrau an einen anderen Mann zu verkaufen; in den meisten anderen Provinzen würde das aufs Schärfste missbilligt. Das Entscheidende sind die moralischen Werte, auf denen sowohl die gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Paschtunen als auch ihr Systeme der Konfliktregulierung beruhen.

Und die sind mit einem Rechtswesen westlicher Prägung unvereinbar. Die Beziehung der Geschlechter wird bei den Paschtunen streng patriarchalisch aufgefasst, daher haben Frauen den Männern gegenüber keinerlei Rechte. Das passt nicht in das Rechtswesen eines modernen Staates, der die Menschen- und Bürgerrechte aller gewährleisten muss, unabhängig von Alter und Geschlecht. Große Bedeutung hat für Paschtunen auch, ein „männliches“ Auftreten zu zeigen, das häufig aggressiv und gewalttätig ist; das Ergebnis sind Praktiken wie persönliche Racheakte und blutige Familienfehden. Das kann im staatlichen Rechtswesen nicht geduldet werden – der Staat beansprucht per definitionem das Gewaltmonopol und das Recht auf Bestrafung für sich allein. Sicher zögern die meisten Paschtunen nicht, pragmatisch auf staatliche Rechtsorgane zurückzugreifen, wie mangelhaft und ineffizient die auch sein mögen, wenn das ihren Interessen dient. Doch darüber entscheiden sie eigenmächtig und von Fall zu Fall.

Was vor dreißig Jahren für einen sittenstrengen Paschtunen inakzeptabel war, kann heute als richtig oder sogar notwendig gelten

Einer Kodifizierung des Paschtunwali oder seiner Einbeziehung in das staatliche Rechtswesen stehen auch andere Hindernisse entgegen. Das Paschtunwali ist kein statischer Prinzipienkanon, sondern lebendig, es entwickelt sich dynamisch. Die vergangenen 35 Jahre eines anhaltenden und verheerenden Krieges in Afghanistan haben auch im Paschtunwali dauerhafte Spuren hinterlassen Der Krieg gehört wohl zu den mächtigsten Einflüssen, die ständig Veränderungen in den Verhaltensweisen der Paschtunen und den zugrunde liegenden moralischen Werten hervorrufen. Tatsächlich ist deutlich zu erkennen, dass die paschtunische Gesellschaft in Afghanistan sich in den vergangenen drei Jahrzehnten dramatisch verändert hat. Jahrhundertelang war die Autorität der Ältesten allgemein verbindlich, doch der andauernde Ausnahmezustand und die ständigen gewaltsamen Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass sich ihre Autorität auf eine andere Gruppe verlagert hat: auf die militärischen Führer.

Die „kumandanaan“ (Kommandanten) sind zu einer eigenen sozialen Klasse geworden. Während des Krieges haben ihre Anordnungen, ihr Ansehen und ihre Macht häufig die der Ältesten in den Schatten gestellt, und so ist es bis heute geblieben. Wichtiger noch: Die „kumandanaan“ sind zu Rollenvorbildern für mindestens zwei Generationen junger Paschtunen geworden. Ihr Auftreten und ihr Verhalten, die oft auf die gewaltsame Selbstbehauptung gegenüber traditionellen Sitten hinauslaufen, sowie ihre Missachtung der traditionellen Autorität der Ältesten haben „neue Werte“ geschaffen, die zu den traditionellen im Widerspruch stehen. Danach genügt die Willenskraft eines einzelnen, der eine Gruppe von bewaffneten Gleichgesinnten um sich scharen kann, um Gewalttaten und Misshandlungen zu rechtfertigen, die früher von den Weißbärten in einer „jirga“ verurteilt worden wären.

Wo es so weit kommt, verliert das Konzept der „jirga“ seine Bedeutung. Ihre ausgleichende Funktion geht ebenso verloren wie das Gefühl von sozialer Gleichheit und Kontrolle, für das die „jirgas“ früher gesorgt haben. Manche Paschtunen, mit denen ich zu tun hatte, erklärten, sie hätten das Gefühl, im „Wilden Westen“ zu leben, wo es keine Gewissheiten in Bezug auf Sicherheit und persönlichen Schutz gebe.

Das hat auch zur Folge, dass viele traditionelle Praktiken verloren gehen, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhen. „Melmastia“ zum Beispiel, die Gastfreundschaft gegenüber jedem, der ins Haus kommt, wird natürlich behindert, wenn ungewiss ist, ob man die Sicherheit des Gastes im eigenen Haus tatsächlich gewährleisten kann. Sie wird auch dadurch geschmälert, dass die Familie mit Racheakten rechnen muss, wenn sie den falschen Gast aufnimmt – zum Beispiel einen Ausländer. Weil Gewalttäter selbst nach den haarsträubendsten Verbrechen nur selten bestraft werden, werden solche Gewaltakte immer häufiger. Der Mangel an Sicherheit wird nun auch als Grund dafür angegeben, dass die Frauen von ihren Familien immer stärker überwacht werden.

Das Paschtunwali ist kein festes und einheitliches System von Rechtsnormen und Verhaltensregeln. Eher sollte man es als eine dynamische und veränderbare Sammlung moralischer Grundsätze betrachten, die jede paschtunische Gemeinschaft auf der Grundlage kulturell vorgegebener Prinzipien und ererbter Gebräuche für sich zusammenstellt. Afghanistan ist heute bestrebt, einen modernen und an westlichen Vorstellungen orientierten Staatsapparat aufzubauen. Es kann schwerlich gelingen, die im Paschtunwali zusammengefassten Normen und Bräuche schriftlich zu fixieren oder in das neue Rechtswesen aufzunehmen. Wenn die Werte, die bestimmten sozialen und „rechtlichen“ Gepflogenheiten zugrunde liegen, dem ideologischen Modell widersprechen, das der Staat vorantreibt, dann ist es unmöglich, diese Praktiken mit dem Staat zu versöhnen.

Aus dem Englischen von Anna Latz

erschienen in Ausgabe 5 / 2013: Wer spricht Recht?

Neuen Kommentar schreiben