Das gute Leben im schlechten

Bolivien und Ecuador verkaufen seit jeher Rohstoffe – auf Kosten der Umwelt. Ein neuer Exportartikel dieser beiden Länder ist weniger schädlich: indigene Konzepte vom guten Leben. Die werden in den westlichen Wohlstandsgesellschaften mit Interesse studiert. Aber verstehen wir sie auch richtig?

„No queremos desarrollo – Nein, Entwicklung wollen wir nicht.“ Diesen Satz bekam ich auf unserer Konsultationstagung in La Paz zum Thema „Entwicklung auf dem Prüfstand“ nicht selten zu hören. Eine überraschende, ja paradoxe Aussage, insbesondere aus indigenem Mund. Hat sich in Bolivien nicht gerade in jüngster Zeit sehr viel geändert und entwickelt? Hier ist doch ein höchst bemerkenswerter Umbruch im Gang. Sichtbar wird er in der Wahl eines indigenen Präsidenten, Evo Morales, vor acht Jahren, aber auch in der neuen Verfassung, die Bolivien als plurinationalen Staat definiert und zentrale ethische Prinzipien aus der andinen Tradition aufnimmt. Dazu gehört das Konzept des „suma qamaña“ oder „Vivir bien“, das auf gutes Zusammenleben in der Gemeinschaft und mit der Natur abzielt. War es noch vor wenigen Jahren ein Makel, in Aussehen, Kleidung oder Sprache indianisch zu sein, so gehören heute indigene Werte ganz selbstverständlich zum öffentlichen Diskurs – auch wenn Diskriminierung und Rassismus noch längst nicht überwunden sind.

Autor

Beat Dietschy

ist Zentralsekretär von "Brot für alle" in Bern.

Verständlich wird die Ablehnung von „Entwicklung“ vor dem Hintergrund der Geschichte des Andenstaats. Hat nicht der „Cerro Rico“ – der „Reiche Berg“ von Potosí – das Land erst richtig arm und Europa wohlhabend gemacht? Haben nicht Regierung um Regierung in nachkolonialer Zeit die Ressourcen weiter geplündert und an ausländische Konzerne verkauft? Beruht nicht die westliche Konsummaschine auf dem Prinzip „Rohstoffe für die Reichen, bezahlt durch die Armen und die Umwelt“? So gesehen will der eingangs zitierte Satz ganz einfach sagen: „Eure Entwicklung wollen wir nicht!“ Handelt es sich beim „vivir bien“ also um einen Gegenentwurf zum westlichen Wachstums- und Entwicklungsmodell, um einen Vorschlag gar für einen globalen Paradigmenwechsel? In der Tat hat das Konzept des „guten Lebens“ weit über Bolivien und Ecuador hinaus Einzug gehalten in die Suche nach alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen. Doch wirft die große Nachfrage nach diesem neuen „Exportartikel“ auch Fragen auf. Zum einen wird das Modell in beiden Ländern keineswegs konsequent verwirklicht. Obgleich sie „vivir bien“ beziehungsweise „buen vivir“ in Ecuador in ihren Verfassungen mit Rechten der Mutter Erde verbinden, setzen die Regierungen weiter auf Rohstoffexporte und Kooperation mit den Multis, um ihre Sozialpolitik finanzieren zu können. Verträgt sich der „Neo-Extraktivismus“ (Eduardo Gudynas) mit dem Prinzip des harmonischen Zusammenlebens mit allem, was lebt? Wie ist ein gerechtes Zusammenleben in Gesellschaften zu organisieren, die sich zu diesem Prinzip bekennen, aber von den globalen Marktkräften abhängig sind?

Gut zu leben ist  „nichts, was man konsumiert, um sich besser zu fühlen“

Zum andern verkürzt die gierige Aufnahme des Konzepts vom „guten Leben“ die Idee dahinter: Die Kritik am westlichen Wachstumsfetischismus droht zu verschwinden. Gut zu leben im Sinne des Aymara-Ausdrucks „suma qamaña“ ist jedoch keine „dolce vita“, kein individualistisches Rezept für Wohlstandsmehrung oder Wellness. „Es ist im Alltagsleben der andinen Menschen verankert und verbindet uns mit allem, was uns umgibt“, betont der Chilene Diego Irarrazaval. „Es ist aber nichts, was man konsumiert, um sich besser zu fühlen, und kein esoterisches Element für Indio-Kultmarketing.“

Es ist also Vorsicht geboten mit der Vermarktung der Ideen vom „guten Leben“. Dennoch machen die Debatten um „suma qamaña“ – oder im fernöstlichen Kontext „sansaeng“ und in Afrika „ubuntu“ – Sinn. Sie machen auf eine große Lücke in der Debatte um neue Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele für die Zeit nach 2015 aufmerksam: Auch wenn es dabei um soziale und ökologische, nicht nur um ökonomische Nachhaltigkeit geht, bleiben die kulturellen, ethischen und religiösen Aspekte und Voraussetzungen weitgehend ausgespart. Nachhaltige Entwicklung werde bloß mehr vom gleichen Fortschritts- und Entwicklungsmuster bringen, befürchten indigene Kritiker. Solange Entwicklungsdiskurse kulturblind verlaufen, ist dieser Verdacht nicht unbegründet. Die Suche nach globalen Zielen braucht den Dialog auf lokaler Ebene und den Zugang zu alternativen und marginalisierten Wissensarten und Weisheitstraditionen.

Letztlich geht es darum, das gute Zusammenleben inmitten des schlechten aufzuspüren und möglich zu machen – auf lokaler wie auf globaler Ebene. Ist das nicht genau das, was wir „Entwicklung“ nennen? 

erschienen in Ausgabe 8 / 2013: Zentralasien – Als Partner umworben

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