Sprachverwirrung in Kirgistan

Das Parlament in Bischkek will per Gesetz die kirgisische Sprache aufwerten. Wer bei offiziellen Sitzungen russisch spricht, muss möglicherweise bald eine Strafe zahlen. Noch sind die Regelungen nicht in Kraft. Aber die Empörung darüber ist groß.

Während sie das Abendessen für ihre Familie kocht, schaltet Nazira den Fernseher ein, um sich die Abendnachrichten anzuschauen. Zügig zappt sie sich durch die kirgisischen Sender; sie sucht ein russisches Nachrichtenprogramm, denn wie viele ethnische Kirgisen beherrscht sie die kirgisische Sprache so gut wie gar nicht. „Es ist eine Schande, dass ich meine Muttersprache nicht spreche, aber was soll ich machen?“, sagt 38-Jährige. „Ich bin mit Russisch aufgewachsen und habe bei der Arbeit mein Leben lang russisch gesprochen. Wer konnte wissen, dass ich deshalb eines Tages abserviert werden soll?”

Nazira, die eigentlich anders heißt, arbeitet in einer guten Position auf mittlerer Ebene in einer staatlichen Behörde. Zehn Jahre lang gab es keinerlei Beanstandungen. Doch nun ist ihre Stellung in Gefahr, weil das Parlament seit kurzem fordert, die Regierung solle der kirgisischen Sprache mehr Raum geben. Der gesamte Schriftverkehr müsse auf  Kirgisisch stattfinden. „Seither machen mir manche Kollegen Vorwürfe, weil ich nicht kirgisisch spreche und offizielle Papiere auf Russisch schreibe“, beklagt sie.

Autorin

Asel Kalybekova

ist freie Journalistin in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Sie schreibt vor allem über ihr Heimatland, beschäftigt sich aber auch mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Themen aus anderen Ländern Zentralasiens.

Naziras größte Sorge gilt einer Gesetzesvorlage, laut der nicht nur der Schriftverkehr auf Kirgisisch stattfinden soll, sondern auch bei offiziellen Sitzungen nur noch kirgisisch gesprochen werden darf. Wenn das Gesetz verabschiedet wird, werden bei Verstößen Geldstrafen von 20 bis 420 US-Dollar fällig. Noch ist allerdings unklar, welche Behörde die Umsetzung der Vorschriften überwachen soll. Bei vielen Vertretern der Zivilgesellschaft stößt der Gesetzentwurf auf entrüstete Ablehnung. Sie verweisen darauf, dass Kirgisisch zwar die Nationalsprache, Russisch jedoch die Amtssprache sei, und dass die Verabschiedung eines derartigen Gesetzes gegen die Verfassung verstoße.

Trotzdem wurde es bei drei Lesungen im Parlament mit einer überwältigenden Mehrheit von – zuletzt – 83 zu vier Stimmen gebilligt. Präsident Almasbek Atambajew unterzeichnete den Entwurf allerdings nicht und verwies ihn mit der Begründung, er schränke die Rechte und Freiheiten der Bürger ein, ans Parlament zurück. Das neue Gesetz sei so allgemein formuliert, dass es mit Sicherheit ständige Auseinandersetzungen über seine Umsetzung provozieren würde, heißt es in einer Mitteilung des Präsidenten. Atambajew schlug eine Arbeitsgruppe vor, die eine langfristige Strategie zur Förderung des Gebrauchs der Landessprache entwickeln soll. Ferner versprach er, die finanzielle Unterstützung entsprechender Maßnahmen zu verdoppeln.

„Wenn das Gesetz in Kraft tritt, verliere ich meinen Job. Das kann ich mir nicht leisten. Und was soll aus meinen russischen Kollegen werden? Was sollen sie tun?“, fragt Nazira. In Kirgisien leben laut der jüngsten Volkszählung von 2009 mehr als 70 ethnische Minderheiten, die zusammen ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Ein Gesetz, das den Gebrauch des Kirgisischen verbindlich vorschreibt, würde das Land spalten, meint der Zentralasien-Experte Mars Sariev. „Manche Abgeordnete ignorieren schlicht die Realität. Das Gesetz würde zu einer enormen Abwanderung der russischsprachigen Bevölkerung führen und hätte fatale wirtschaftliche Konsequenzen“, sagt er.

„In den Schulen, die auf Kirgisisch unterrichten, lernt man nichts Gescheites“

Die Abgeordneten wollten sich offenbar die Sympathien der kirgisisch sprechenden Mitbürger sichern, erklärt Sariev. Ein großer Teil der gebildeten Kirgisen spreche jedoch hauptsächlich russisch. Außerdem diene das Russische als wichtige Verkehrssprache für das multiethnische Land.

Die Abgeordnete Urmat Amanbaeva, die zu den Initiatoren der Gesetzesinitiative gehört, begegnet dem Vorwurf, die Rechte der ethnischen Minderheiten würden verletzt,  mit dem Einwand, es handle sich dabei um „negative Stimmungsmache“ und den „Hass auf das Kirgisische“. Sie betont, man wolle durch das neue Gesetz nicht das Russische verdrängen oder die Minderheiten unterdrücken, sondern die Nationalsprache fördern. Das Gesetz werde angenommen, sobald alle vom Präsidenten vorgeschlagenen Ergänzungen diskutiert wären. „Dass er den Gesetzentwurf nicht unterzeichnet hat, bedeutet nicht, dass er dagegen ist. Er ist dafür. Wir haben uns geeinigt, wir müssen nur noch ein paar Korrekturen anbringen“, sagt sie. Während die Abgeordneten sich mit der rechtlichen Seite des Problems beschäftigen, befürchten diejenigen, die in ihrer täglichen Praxis mit dem Sprachproblem zu tun haben, dass es sehr schwierig werden könnte, den gesamten Schriftverkehr auf Kirgisisch abzuwickeln. Laut einem Mitarbeiter des Präsidenten, der sich nur anonym äußern wollte, sprechen viele, die im Verwaltungsapparat der Regierung arbeiten, von Kündigung, sobald das Sprachproblem thematisiert wird.

Die staatlichen Angestellten hätten zwar Kirgisisch-Kurse besucht, doch das habe auf Dauer nicht viel gebracht, sagte er. Viele Stellen seien inzwischen neu besetzt worden; andere hätten das Gelernte vergessen, weil sie bislang selten Unterlagen in kirgisischer Sprache bearbeiten mussten. „Deshalb bestehen wir auch nicht auf dem Kirgisischen, sondern machen Kompromisse“, sagte er als Erklärung dafür, warum viele Schriftstücke immer noch auf Russisch abgefasst werden.

Auch Nazira hat sich bei solchen Kursen weitergebildet. Der Unterricht tauge jedoch nicht viel, sagt sie, unter anderem deshalb, weil die Teilnehmer sehr unterschiedliche Vorkenntnisse mitbringen. Doch Nazira gibt nicht auf. Da sie fürchtet, das Gesetz könnte trotz aller Proteste verabschiedet werden, nimmt sie nach der Arbeit drei Mal die Woche Privatstunden in Kirgisisch. Nach Meinung von Kunduz Juzupekova ist das allerdings reichlich spät. Die Regierung müsse bereits in den Kindergärten anfangen, die Landessprache aufzuwerten, meint die Professorin, die das Institut für Natur- und Gesellschaftswissenschaften an der International Ataturk Alatoo Universität leitet. Sie unterrichtet seit mehr als zehn Jahren Kirgisisch, aber sie muss feststellen, dass ihre Schüler sich eigentlich nicht dafür interessieren.

„Es ist richtig, dass wir unsere Sprache erhalten müssen, aber wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass es in der Bevölkerung dafür noch gar kein Bewusstsein gibt“, findet Kunduz Juzupekova. „Selbst diejenigen, die in der Schule auf Kirgisisch unterrichtet werden, sprechen außerhalb der Schule russisch.“ Und obwohl Nazira Nachteile hinnehmen muss, weil sie kein Kirgisisch spricht, legt sie trotzdem Wert darauf, dass ihre Kinder eine Schule besuchen, in der auf Russisch unterrichtet wird. „In den Schulen, die auf Kirgisisch unterrichten, lernt man nichts Gescheites. Ich möchte, das meine Kinder die beste Bildung bekommen“, sagt sie, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen. „Wenn es in meiner Stadt eine gute Schule gäbe, wo der Unterricht auf Kirgisisch gehalten wird, würde ich sie natürlich dorthin schicken. Aber so, wie die Dinge zurzeit liegen, habe ich mich anders entschieden.“

Aus dem Englischen von Anna Latz

erschienen in Ausgabe 8 / 2013: Zentralasien – Als Partner umworben

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