Viel guter Wille, doch wenig Kompetenz

Wer nichts hört, muss im Alltag Barrieren überwinden, von denen Hörende keine Ahnung haben. Deshalb muss man Gehörlose – und Menschen mit anderen Behinderungen – befähigen, ihre Angelegenheiten möglichst selbst zu regeln. In der Entwicklungszusammenarbeit ist man davon noch weit entfernt.

Was bedeutet es, als Gehörloser in der Entwicklungszusammenarbeit tätig zu sein? Aus der Erfahrung mit der von mir geleiteten Behindertenorganisation „ZUSAMMEN – Hamhung“ für gehörlose, blinde und nichtbehinderte Kinder in Nordkorea kann ich sagen, dass die Zugangsbedingungen für Behinderte um ein Vielfaches schwerer sind als für nicht Behinderte. Meine Barriere ist die Sprache in Wort und Schrift, als Gehörloser brauche ich eine Arbeitsassistenz für die Kommunikation. Nach deutschem Recht steht sie mir nur zu, wenn ich einen Arbeitsvertrag mit einem Arbeitgeber vorlegen kann. Wir betreiben unsere Organisation aber ehrenamtlich. Ich habe einen langen Kampf mit Behörden und Parteien hinter mir, um eine bezahlte Arbeitsassistenz dafür gestellt zu bekommen. Nach fünf Jahren habe ich im Auswärtigen Amt dieses Jahr das erste Mal einen Gebärdensprachdolmetscher bekommen. Eine Stunde kostete bis vor kurzem 55 Euro, jetzt 75 Euro Honorar. Das habe ich über viele Jahre, auch für unsere Organisation, immer selbst bezahlen müssen.

Für mich als Gehörlosen ist es sehr schwer und aufwendig, einen Projektantrag zum Beispiel an die Europäische Union zu verfassen. Und wenn er dann endlich fertig ist, gelangt er in die Hände von Gutachtern, die keine Ahnung haben. Die Chancen für einen Gehörlosen sind unter diesen Bedingungen gleich Null, das habe ich schmerzhaft erfahren müssen. Das Thema Behinderung beziehungsweise Gehörlosigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit haben in der Regel Hörende besetzt, die sicher mit viel gutem Willen, aber allzu oft mit genauso viel Inkompetenz ihre gut gemeinten Ideen umsetzen dürfen.

„Gehörlose empfinden sich als Weltgemeinschaft“

Die UN-Behindertenrechtskonvention dringt ausdrücklich darauf, dass Behinderte ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen. Insofern liegen Projekte zu Gehörlosigkeit, solange sie in den Händen von Hörenden liegen, weit unter dem von der Konvention geforderten Standard. Um das zu ändern, schlage ich  Tandem-Projekte vor: Gehörlose bekommen Zugangsbedingungen, die ihrer Behinderung entsprechen, das heißt bezahlte Arbeitsassistenz und Dolmetscher, genauso wie ein Rollstuhlfahrer seinen Rollstuhl gestellt bekommt und ein Blinder seine Braille-Computer und einen weißen Stock. Ein Gehörloser ohne Arbeitsassistenz ist wie ein Rollstuhlfahrer ohne Rollstuhl.

Wo soll man anfangen? Hier und jetzt: Gehörlose können schon im eigenen Land lernen, wie man Themen findet, Ziele formuliert, Projekte aufbaut. Es gibt großen Bedarf an einer Infrastruktur, die es den Gehörlosen ermöglicht, sich zu finden und sich untereinander auszutauschen. Das ist ein wichtiger Schritt aus der sozialen Isolation. Mit Arbeitsassistenz und unter Anleitung von projekterfahrenen Trainern ist schnell ein Anfang möglich. Es gibt gehörlose junge Leute, die sich sozial engagieren möchten. In ein paar Jahren sind dann Kandidaten da, die in die internationale Entwicklungszusammenarbeit einsteigen können. In Deutschland gibt es übrigens auch eine erhebliche Anzahl von Gehörlosen mit Migrationshintergrund. Da haben wir bereits im eigenen Land die Welt in einer Nussschale.

Wir Gehörlosen empfinden uns als eine Weltgemeinschaft und haben bereits viele internationale Verbindungen untereinander. Wir begrüßen uns mit Umarmungen, wenn wir uns erkennen. Wenn wir die Möglichkeit bekommen, auf Augenhöhe mitzumachen in der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit, dann werden wir das ernsthaft tun, und die Behinderung Gehörlosigkeit wird auf der Aufmerksamkeitsskala schon bald ein Stück nach oben klettern. 

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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