Mutter Erde hilft beim Lernen

Kleinbauern im Hochland Perus entdecken alte Kenntnisse über Handwerk, Landbau und Kleinbewässerung neu. Das bringt ihnen gute Ernten – und fördert den Zusammenhalt.

Früher habe man aus dem Totora-Schilf am Ufer noch Boote gefertigt, erzählt sie. Damals gab es bis zum See hinab Terrassen. Doch davon ist kaum mehr als ein Abhang voller Geröll zu erkennen. Die Erde ist weggeschwemmt. Zwischen den Steinen der zerfallenen Mauern wächst neben Blumen, deren Blüten Auskunft über das Wetter oder die Bodenbeschaffenheit geben, auch der Muña-Strauch, ein Heilmittel.

„Hier gibt es eine Menge zu tun“, bemerkt Walter Chambi trocken. Gilma lächelt nur. Sie hat das bereits in die Wege geleitet. 25 Familien haben sich bereit erklärt, die Terrasse wiederherzustellen. Künftig soll dort unter der strahlenden Sonne wieder eine Vielfalt von Kartoffel- und Quinoasorten wachsen, die auch bei schwierigen Wetterbedingungen eine sichere Mindesternte garantieren soll.

Der Himmel ist nur leicht bewölkt und der See unter dem Hügel liegt in tiefem dunklen Blau. Bei diesem Anblick gerät leicht in Vergessenheit, dass das Wasser auf Quecksilber aus Goldbergwerken untersucht wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Forellen, die in den künstlichen Gehegen in dem paradiesisch erscheinenden See heranwachsen, mit Schwermetallen belastet sind. Langzeitschäden des Immun-, des Herz-Kreislauf- und des Nervensystems, die vor allem die Entwicklung der Hirnfunktion bei Kindern beeinträchtigen, sind nicht auszuschließen.

Die bolivianisch-peruanische Seebehörde hat zudem versucht, das Sinken des Wasserspiegels infolge der Klimawandels durch eine Staumauer am Abfluss des Sees auszugleichen. Die Folge: Die Fäkalien aus der Stadt Puno verfaulen jetzt im Wasser, erklärt Agraringenieur Walter Chambi, statt in der Trockenzeit am Flussufer getrocknet und von der Sonne desinfiziert zu werden. Auch können die Bauern während der Trockenzeit, wenn die Erntevorräte knapp werden, keine anderen Produkte mehr auf diesen Flächen anbauen, die dann unter Wasser stehen. Da ist es umso wichtiger, dass die Familien mit Gilma durch die Terrassierung neues Ackerland gewinnen.

Erfolgversprechender als den See zu stauen ist das, was die Mitarbeiter von Chuyma Aru „Wasser­ernte“ nennen. Das Prinzip ist einfach: In den Hochlagen der Anden wird der Regen, der zunehmend sturzbachartig vom Himmel fällt, in Teichen gesammelt. Er sickert in den Boden und tritt weiter unten, wo die Äcker liegen, in Form von neu entstehenden Quellen wieder zu Tage. Sie füllen kleine Tümpel, mit denen das Vieh getränkt und die umliegenden Weiden oder Äcker bewässert werden können.

In den Tümpeln können Fische – ohne Quecksilber – aufgezogen werden. Mit der Zeit siedeln sich Frösche an, die auch in den Anden Wetterhinweise geben. Wild lebende Vögel bekommen eine Heimstatt und können im Schutz kleiner Sträucher oder der Heilkräuter, mit denen die Ränder der Tümpel bepflanzt werden, brüten.

Natürlich nur, wenn alles gut geht – und das heißt auch: wenn die Bergbauunternehmen halt vor den kleinbäuerlichen Gemeinden machen. Walter Chambi führt uns in entgegengesetzter Richtung zum See ein kurzes Stück weiter, hoch auf einen Berggipfel. Ein Unternehmen soll Hinweise auf Erdölvorkommen in der Region gefunden haben, berichtet er. In der sauerstoffarmen Höhe ist er etwas kurzatmig geworden. Als der Bürgermeister von Moho mit der argentinischen Delegation verhandeln wollte, hätten sich die Bauern auf dem Hauptplatz der Provinzstadt zum Protest versammelt. Das Ölunternehmen sei danach erst einmal nicht mehr gesehen worden.

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

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