Wege ins Niemandsland

Mehr als 40 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr auf der Flucht – entweder im eigenen Land oder über Grenzen hinweg. Die meisten von ihnen fliehen vor Gewaltkonflikten. In ihre Heimat können sie oft nicht zurück, aber nur wenige Länder sind bereit, ihnen eine dauerhafte Perspektive zu bieten. Die Ursachen für Flucht werden vielfältiger und die internationale Gemeinschaft muss sich darauf einstellen.

Nicht jeder Geburtstag bietet Anlass zum Feiern – manche stimmen einfach nur nachdenklich. Ein solches Jubiläum steht 2012 auch für das kenianische Flüchtlingscamp Dadaab auf dem Kalender: Es wird in diesem Jahr 20. Zwei lange Jahrzehnte, in denen sich aus einem Lager, das für 90.000 Menschen gedacht war, eine Art Großstadt mit knapp 500.000 Einwohnern entwickelt hat. Zahlenmäßig ist Dadaab vergleichbar mit Stuttgart, sonst ähnelt es wohl eher einem „Freiluftgefängnis“, wie ein Helfer kürzlich urteilte: Die Flüchtlinge dürfen das Lager nicht verlassen. Sie sind gefangen auf einem Gelände, das etwa 100 Kilometer von der somalischen Grenze mitten im Nirgendwo liegt. Trotz der Enge und der Entbehrungen in Dadaab zieht es seit 20 Jahren Menschen dorthin, mal sind es mehr, mal weniger. Fast alle stammen aus dem benachbarten Somalia, das in Bürgerkrieg und Anarchie versunken ist. Zu den politischen Wirren kam im vergangenen Jahr eine schwere Dürre, die wieder Tausende Menschen über die Grenze nach Kenia getrieben hat.

Stundenlang müssen die Neuankömmlinge in Yida warten, bis sie registriert sind. Sie finden notdürftig Schutz in Hütten mit Plastikplanen. Paula Bronstein/Getty Images

„Stadt der Hoffnungslosen“ wurde Dadaab schon genannt, weil aus einem vorübergehenden Refugium längst ein Dauerzustand geworden ist. Zwar finden die Flüchtlinge dort Schutz in Notunterkünften wie Zelten und Hütten. Sie erhalten Wasser und Nahrung; es gibt Krankenstationen, auch Schulen, selbst Restaurants und Märkte – aber keinerlei Perspektive.

An eine Rückkehr nach Somalia ist wegen der andauernden Konflikte nicht zu denken. Kenia möchte nicht mehrere Hunderttausend Menschen zusätzlich ins Land lassen, weil es in der Vergangenheit schon viele Flüchtlinge aufgenommen hat und auf eine andere endgültige Lösung dringt. Und Drittstaaten, die Menschen aus Dadaab aufnehmen würden, finden sich nur vereinzelt. „Die Lage ist äußerst vertrackt“, urteilt Eberhard Hitzler vom Lutherischen Weltbund, der seit 1947 Flüchtlinge und Vertriebene in aller Welt betreut und auch in Dadaab mit etwa 200 Mitarbeitern hilft. Vor allem für Jugendliche sei die Situation „dramatisch“.

Dadaab ist ein besonders deprimierender Fall, aber leider keine Ausnahme. Flüchtlinge gibt es in vielen Regionen der Welt. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) waren 2011 rund 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht – entweder als Binnenvertriebene oder über Grenzen hinweg. Nachdem die Zahlen in der Mitte des Jahrzehnts gefallen waren, stieg die „Fieberkurve“ zuletzt wieder an und brach zum ersten Mal seit dem Jahrtausendwechsel neue Negativrekorde. Die meisten Flüchtlinge kamen dem UNHCR zufolge im vergangenen Jahr aus Afghanistan (2,7 Millionen), aus dem Irak (1,4 Millionen), aus Somalia (1,1 Millionen), aus dem Sudan (500.000) und der Demokratischen Republik Kongo (knapp 500.000). Etwa 60 Prozent aller Flüchtlinge stammten aus diesen fünf Ländern. Fast immer suchen die Entwurzelten Schutz in der eigenen Weltregion; die überwiegende Mehrzahl flieht in ein Nachbarland: Somalier nach Kenia, Afghanen nach Pakistan oder – ganz aktuell – Malier nach Burkina Faso, Niger oder Mauretanien. Dass es Millionen von Menschen nach Europa ziehen würde, entspricht im Moment nicht der Wirklichkeit, sondern entspringt eher diffusen Ängsten.

Autorin

Friederike Bauer

arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Sie lebt in Frankfurt am Main und schreibt hauptsächlich über Außen- und Entwicklungspolitik.

Im Jahr 2011 haben, in absoluten Zahlen gerechnet, Pakistan, Iran und Syrien die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Unter den zehn wichtigsten Aufnahmeländern waren nur zwei Industriestaaten, Deutschland und die USA. Im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftsleistung nehmen die Industrieländer im Vergleich zu ärmeren Ländern sehr wenige Flüchtlinge auf. In der DR Kongo etwa kamen im vergangenen Jahr auf jeden US-Dollar Bruttosozialprodukt pro Kopf 399 Flüchtlinge, in Deutschland waren es nur 15. Vier Fünftel aller Flüchtlinge suchen in Entwicklungsländern Zuflucht. Mit anderen Worten: Die größte Bürde tragen derzeit vor allem solche Länder, die selbst arm sind und Mühe haben, ihre eigene Bevölkerung zu versorgen. Von einer „gerechten Lastenteilung“, sagt der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, könne deshalb keine Rede sein. Und noch etwas zeigen die Zahlen: Die meisten Menschen fliehen vor Gewaltkonflikten. Ob in Afghanistan, Somalia, Irak oder jetzt Syrien und Mali – fast immer verlassen Menschen ihr gewohntes Umfeld, weil sie Kämpfen und Aggression entkommen, weil sie ihr nacktes Leben retten wollen. Oft gehen Konflikte mit einer ganzen Reihe von weiteren Faktoren einher, die Fluchtbewegungen zusätzlich verstärken: schwache Regierungen, Verlust an Lebensraum, Mangel am Gütern des täglichen Bedarfs und Naturkatastrophen.

„Klimaflüchtlinge“ spielen bisher noch eine untergeordnete Rolle, doch das könnte sich ändern. Umfassende Erkenntnisse dazu gibt es noch nicht. Eine UNHCR-Befragung von Flüchtlingen am Horn von Afrika, einer Region, die laut Weltklimarat mit am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden wird, liefert erste Ergebnisse: Demnach registrierten die Befragten zwar  Wetterveränderungen, die sie mehr als nur sporadisch nannten. Sie nahmen deshalb auch wahr, dass sich ihre Lebensumstände verschlechtert hatten, zumal wenn sie vom Land kamen. Für die wenigsten allerdings war das die eigentliche Fluchtursache, meistens bildeten auch hier Konflikte und Gewalt das Hauptmotiv. Allerdings rechnet der UNHCR bei dauerhaft höheren Temperaturen mit steigenden Zahlen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2012: Auf der Flucht

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