Befreiung oder „Blut und Boden“?

Der palästinensische Theologe Mitri Raheb hat Ende Februar den Deutschen Medienpreis erhalten. Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs sowie der deutsch-israelischen Beziehungen hatten die Nominierung scharf kritisiert. Sie werfen dem Bethlehemer Pfarrer Antisemitismus und Rassismus vor.

Bereits kurz nach Bekanntgabe der Nominierung von Mitri Raheb im Januar gingen im Büro des Deutschen Medienpreises in Baden-Baden zahlreiche Protestbriefe ein. Sowohl die Deutsch-Israelische Gesellschaft als auch der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlichjüdische Zusammenarbeit, der rund 80 jüdisch-christliche Dialoggruppen vertritt, forderten die Rücknahme der Entscheidung. Raheb ist für sie ein fragwürdiger Theologe mit antisemitischen und rassistischen Ansichten.

Autorin

Katja Dorothea Buck

ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.

Rahebs Kritiker beziehen sich auf eine Rede, die der promovierte Theologe 2010 bei einer friedlichen Demonstration vor der Trennmauer in Bethlehem gehalten hat. Darin hatte er trotzig darauf hingewiesen, dass seine Vorfahren seit Generationen in Bethlehem leben, während etwa Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu einer polnischen Einwandererfamilie entstamme. Seither wird Raheb aus den Reihen deutscher Israelfreunde Rassismus vorgeworfen. Seine Befreiungstheologie sei in Wirklichkeit eine „Blut-und-Boden-Theologie“.

Mitri Raheb hat in Deutschland aber auch viele Freunde und Unterstützer. Entsprechend zahlreich gingen in Baden-Baden Stellungnahmen und offene Briefe ein, die die Verdienste des evangelischen Pfarrers für den Frieden zwischen Israel und Palästina sowie sein soziales Engagement hervorhoben. Raheb ist Gründer und Präsident der Dar al-Kalima-Hochschule in Bethlehem, die in traditionellem Kunsthandwerk und moderner Kunst, Theater und Filmgestaltung ausbildet. Ihr Kulturzentrum ist ein Forum für lokalen und internationalen Austausch.

Der Pfarrer der Weihnachtskirche in Bethlehem gehört außerdem zu den Autoren des Kairos-Palästina-Dokuments vom Dezember 2009, das von allen Kirchen in Palästina mitgetragen wird. Der Text ist der Versuch, eine christliche Antwort auf die jahrzehntelange Besatzung zu geben. Demnach kann Widerstand nur gewaltfrei sein. International hat das Dokument großen Anklang gefunden. Auch in Palästina sind die Kernaussagen des Dokuments auf fruchtbaren Boden gefallen. Neben christlichen Gruppen beschäftigen sich auch Muslime mit dem Text und arbeiten an einer islamischen Version. In Deutschland hingegen reißt die Kritik an Kairos-Palästina nicht ab. Wieder lautet der offene oder unterschwellige Vorwurf: Rassismus und Antisemitismus.

In seiner Laudatio ging Ex-Bundespräsident Roman Herzog nicht auf die Vorwürfe gegen Raheb ein, sondern würdigte ihn für sein Engagement. Gemeinsam mit dem 52-jährigen Theologen wurden der kongolesische Arzt Denis Mukwege, die afghanische Menschenrechtsaktivistin Sakena Yacoobi sowie der russische Oberstleutnant Stanislaw Petrow geehrt.

erschienen in Ausgabe 4 / 2012: China: Alles unter Kontrolle?

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