Masengos Heimkehr

Ildefonse Masengo aus Burundi hat mehr als die Hälfte seines Lebens als Flüchtling in Tansania verbracht. Vor vier Jahren kehrte er in die Colline Mugara auf sein angestammtes Land zurück, das inzwischen andere besetzt hatten. Mit 55 Jahren musste Masengo mit seiner Familie noch einmal von vorne beginnen.

Je höher man die Colline Mugara in der Provinz Bururi im Süden Burundis hinauffährt, desto glücklicher scheinen die Bewohner zu sein. Im Tal am Tanganjikasee, dessen silbrig schimmernde Oberfläche allmählich hinter Wäldern und Bergvorsprüngen verschwindet, waren noch reiche Plantagen mit Ölpalmen zu sehen gewesen. Aber in den Dörfern dort halten sich auch Kriegsversehrte auf und heimgekehrte Flüchtlinge, die ihren Acker, das Haus, die Arbeit und oft ihr Selbstwertgefühl verloren haben. Anders in Mugara. Die Berge erheben sich hier bis 1700 Meter über die Seeoberfläche. Vielleicht liegt es daran, dass der Ackerbau schwerer ist und sich die Bauern nicht auf die Füße treten wie im Tal, vielleicht ist es die Höhenluft. Die Bergleute von Mugara machen einen zuversichtlichen Eindruck.


Ildefonse Masengo sitzt oben auf seinem Hügel vor dem einfachen Haus, das er aus Holzpfeilern und Lehmziegeln gebaut hat. Vor vier Jahren ist der heute 55-jährige Vater von acht Kindern aus einem Flüchtlingslager in Tansania nach Hause zurückgekehrt. Die Mauern seines Hauses sind vom Regen ausgewaschen und müssen bald erneuert werden. Das Dach ist immerhin solide. Die Balken und das Wellblech hatte das UN-Flüchtlingshilfswerk Masengo mit auf den Weg in die Heimat gegeben, dazu zwei Türen und vier Fensterrahmen mit Läden.

Im Jahr 1972 hatten Offiziere der ethnischen Hutu-Mehrheit versucht, die durch Tutsi vertretene Armeeführung zu stürzen. Der Aufstand misslang und zog Pogrome gegen vermeintliche Sympathisanten der Verschwörer nach sich. In der Südprovinz Bururi ging die von Tutsi beherrschte Armee besonders blutig vor. Bei den Massakern wurden bis zu 200.000 Hutu getötet. Masengos Eltern flüchteten, wie Hunderttausende von anderen Hutu, mit den Kindern über die Grenze nach Tansania.


36 Jahre später kehrte Masengo zurück – ohne die Eltern, die gestorben sind, aber mit der eigenen großen Familie. Die Kinder sind zwischen zehn und 27 Jahre alt. Sie einzugliedern bereitet besonders Mühe und fordert Geduld. Die Schulen in den Flüchtlingslagern gehörten zum Schulsystem des Gastlandes Tansania. Die Lehrer unterrichteten auf Swahili, dazu lernten die Kinder Englisch. Nach der Rückkehr mussten sie plötzlich auf Kirundu und Französisch umstellen.

Autor

Markus M. Haefliger

ist Afrika-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und lebt in Nairobi.


Dazu kommt, dass nicht genügend Schulplätze zur Verfügung stehen. Seit dem Abschluss des Friedensabkommens von Arusha unter verschiedenen burundischen Bürgerkriegsparteien im Jahr 2002 kamen über eine halbe Million Burundier aus Tansania (und in geringerer Zahl aus Kongo-Kinshasa) nach Hause. Die Regierung in Bujumbura hatte ihnen Schulplätze versprochen, aber die Erweiterung des Angebots hielt mit den Bedürfnissen nicht Schritt. Mittlerweile sind viele ausländische Hilfsprogramme zur Unterstützung der Friedensbemühungen versiegt. Laut einer Umfrage des Hilfswerkes Rema Ministries beklagen sich je nach Kommune zwischen einem Viertel und zwei Dritteln der Rückkehrer über überbelegte Klassenzimmer, mangelnde Hilfe beim Kauf von Schulmaterial und Schuluniformen sowie über sprachliche und schulische Anpassungsprobleme.


Ildefonse Masengo verneint nicht, dass die Eingliederung der Kinder schwierig gewesen sei. Aber er ist keiner von denen, die der Regierung Wortbruch vorwerfen. Er ist stolz auf die Kinder. Deo, der zweitälteste, besucht das Gymnasium. Auf einem Regal stapeln sich Hefte mit handschriftlichen Einträgen auf Französisch. Der 25-Jährige hat unzählige Nachhilfestunden hinter sich und macht in drei Jahren das Abitur; danach will er in Bujumbura Sprachen und Literatur studieren. Auch die anderen Kinder peilen laut dem Vater Universitätskarrieren an. Masengo wünscht sich, dass ein Sprössling Medizin, ein anderer Recht studiert. „Fast hundertprozentig“ werde die Rechnung aufgehen, meint er, und nur ein verlegenes Schmunzeln lässt einen möglichen Zweifel ahnen. Wunsch und Möglichkeit – die Unterscheidung fällt Burundiern (und Afrikanern) häufig schwer.


Masengo ist strebsam und bereit, seinen Teil der Verantwortung wahrzunehmen. Er behauptet, die Familie habe früher in der Gegend acht Hektar Land besessen, und er lässt nichts unversucht, den Besitz zu erstreiten. Nach der Massenflucht von 1972 hatten kommunale Beamte zurückgelassene Grundstücke mit Billigung der Regierung an Bauern verteilt, die geblieben waren. Später wurden die Äcker häufig von zugezogenen Interessenten erworben, manchmal in gutem Glauben an die Rechtmäßigkeit, manchmal im Wissen um die wirklichen Besitzverhältnisse. Es kam zu Erbteilungen nach traditionellem Recht, und auch unter den rechtmäßigen Besitzern sind die Ansprüche eine Generation später oft strittig. Das Recht von Heimkehrern auf ihr Land ist im Abkommen von Arusha festgeschrieben. Wenn eine Rückgabe unmöglich ist, sollen die Benachteiligten vom Staat entschädigt werden. So lautet die Theorie. Tatsächlich komplizieren Tausende von Streitigkeiten über Landbesitz die Repatriierung burundischer Flüchtlinge mehr als alles andere.

Besonders betroffen sind Flüchtlinge von 1972 wie Masengo. Rückkehrer, die erst in den 1990er Jahren Opfer einer neuerlichen Gewaltwelle geworden waren und flüchteten, haben es leichter. In ihrem Fall behinderte die Regierung Umverteilungen eher, als dass sie dazu anspornte. Außerdem leben Betroffene meist noch, ebenso Nachbarn und Zeugen, die zur Klärung von Streitfällen beitragen. Die für die Schlichtung der Landkonflikte zuständige Commission nationale des terres et autres biens (CNTB) klärte laut eigenen Angaben seit 2006 über 18.000 Streitfälle; etwa 10.000 Händel bleiben vorläufig ungelöst.


Die Statistik sieht besser aus als die Wirklichkeit. Bei der Umfrage von Rema Ministries gab in der dicht bevölkerten Provinz Bururi lediglich ein Sechstel der Befragten an, dass sie mindestens einen Teil ihres Grundstücks erfolgreich erstritten hätten. Die übrigen hatten das Nachsehen oder gaben die Anstrengungen auf, weil sie ihren Anspruch nicht genügend hatten belegen können. Wer leer ausgeht, pachtet oder kauft nach Möglichkeit ein Stück Land. Viele fühlen sich um die versprochene Unterstützung betrogen, andere bleiben landlos.


Masengos Fall liegt irgendwo zwischen Enttäuschung und Zufriedenheit – was schwerer wiegt, ist nicht zu ergründen. Zehn Besetzer hätten sich auf seinem Land breit gemacht, erzählt er. Einer von ihnen sei zu einer gütlichen Einigung bereit gewesen und habe ihm nach Vermittlung der CNTB ein Grundstück von einem halben Hektar überlassen. Die übrigen Besetzer behaupteten, sie hätten den Boden redlich erworben. Die örtliche Vertretung der CNTB habe 25 Sitzungen in seiner Sache einberufen, aber die gegnerischen Parteien seien den Vorladungen stets unentschuldigt ferngeblieben.


Aufgeben will Masengo nicht. Vor zwei Jahren ließ er sich in Mugara zum stellvertretenden Chef der Colline (Hügel) wählen, der untersten Verwaltungsstufe. Er übe keinerlei Einfluss auf die Landverteilungen aus, schwindelt Masengo, aber natürlich ist es umgekehrt. Bei den nächsten Wahlen kann er damit rechnen, Chef zu werden. Vor den Toren des Flüchtlingslagers hätten er und seine Söhne zwölf Hektar bebauen können. Nun sei der Besitz auf das erstrittene Grundstück und einen Flecken Pachtland zusammengeschrumpft, auf dem Masengo Maniok, Bananen und Gemüse anbaut.


Früher sei es ihm zwar materiell besser gegangen, sagt Masengo, aber dafür sei er in Tansania das Gefühl, ein Fremder zu sein, nie losgeworden. Er setzt auf die Kinder und hofft auf ein paar Siege bei den Landdisputen. Wenn dies gelingt, will er ein anständiges Haus aus Backsteinen bauen.

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