Pachamama
Pachamama

Gesichter einer Göttin

Viele Lateinamerikaner bitten die Pachamama um ihren Segen und drücken damit Respekt vor der Natur aus. Doch das religiöse Konzept wird zunehmend von der Politik missbraucht.

Zeremonie in der Stadt: Erzieher und Jugendliche mit ­Behinderung vollziehen in der Metropole Córdoba in Argentinien ein Ritual für die „heilige Erde“. Martin Passini/APADIM
Fanny Liquin hat mit dafür gesorgt, dass Pachamama auch im Viertel „El Libertador“ der argentinischen Millionenstadt Córdoba ihren Platz hat. Hinter dem Schulgebäude von APADIM, einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, sind Steine zu einem kleinen Haufen aufgeschichtet. In den Anden markieren solche Steinhaufen Territorien und dienen als Wegmarke, an denen die Reisenden innehalten und Mutter Erde Opfer bringen. Hier, in dem von Ärmeren und Migranten bevölkerten Randviertel, vollziehen die Jugendlichen und ihre Erzieher jährlich in der Trockenzeit im August vor der Saatperiode ein Ritual für die „heilige Erde“. Getränke und Speisen werden ausgebreitet, Kokablätter und Zigaretten verbrannt und anschließend mit Bohnen- und Maissamen in der Erde vergraben. Es wird gesungen und getanzt.

Fanny Liquin kommt aus einem Dorf im Norden Argentiniens. Sie hat eine Tochter im ersten Schuljahr bei APADIM und das Ritual in der Einrichtung eingeführt. Die Menschen dankten der Pachamama für alles, was sie ihnen gibt, sagt sie: vor allem Lebensmittel, aber auch Gesundheit, Verständnis und Weisheit. Früher hatten nur wenige Schüler einen Bezug zur Erde: die, die Eltern oder Großeltern auf dem Dorf haben. Jetzt bewirtschaften alle eine große Wiese, auf der sich in Gehegen Ziegen, Schafe, Pferde, Truthähne, Hühner, Enten und Hasen tummeln.

In Gewächshäusern ziehen sie Blumen, Heilkräuter und Gemüse. Demnächst soll noch aufgeforstet und ein Teich mit Fischen bestückt werden. Wo einst achtlos Müll abgeladen wurde, wird heute biologischer Kompost produziert. „Pachamama hat es möglich gemacht, dass sich Schüler, Lehrer, Eltern und Nachbarn  auf Augenhöhe begegnen können“, sagt eine Erzieherin. Jeder Mitarbeiter habe einen oft stressigen Alltag. Auch die Schur der Schafe, das Spinnen der Wolle, die Aussaat und die Ernte werden von traditionellen Ritualen begleitet. Erst hier, im direkten Kontakt mit der Natur, kämen Lehrer, Eltern und Schüler zu sich, zur Ruhe und einander näher: „Es ist die Erde, die uns zusammen bringt, denn die Erde gehört allen.“

Nur eine Erfindung westlicher Idealisten?

Doch das mögen auch diejenigen denken, die sorglos mit der Natur umgehen. Wer von Córdoba Richtung Norden fährt, entdeckt spätestens hinter der bolivianischen Grenze, im Land mit dem höchsten indigenen Bevölkerungsanteil Südamerikas, Unmengen von Müll an den Rändern der Überlandstraßen und in den Flussläufen.

Das bestätigt die Zweifel derer, die den Respekt der indigenen Kulturen vor Mutter Erde für eine Idealisierung westlicher Modernisierungskritiker oder gar eine Erfindung halten. Die Ethnologin Antoinette Molinié wird in einem Zeitungsartikel mit der These zitiert, Pachamama werde den Indigenen als Teil ihrer Kultur von außen suggeriert – noch vor 30 Jahren sei in Südamerika von dem Begriff kaum die Rede gewesen.

Autor

Peter Strack

ist Koordinator des Bolivien-Programmes von Interteam (Schweiz).
Fernando Antezana von der nichtstaatlichen Organisation Pusisuyu schüttelt über solche Einschätzungen nur den Kopf. Für ihn ist die Verehrung von Pachamama Teil des Arbeitsalltags. In jedem Dorf sei sie unterschiedlich ausgeprägt, doch ob vor der Aussaat, vor der Ernte, vor einer Reise – es sei das religiöse Konzept, das am meisten benutzt werde. Es diene dazu, inne zu halten, zur Besinnung zu kommen und die Aufmerksamkeit auf die anderen und die Zeichen der Natur zu richten, sagt Antezana. Bei einem Ackerbau, der an wechselnde lokale Bedingungen angepasst ist und nicht mit fertigen technologischen Lösungen arbeitet, ist das ganz entscheidend für eine gute Ernte.

Schon im Aymara-Wörterbuch des Jesuiten Ludovico Bertonio von 1612 taucht der Begriff Pachamama auf. Er bedeutet auch dort die „Erde, die die Nahrungsmittel“ hervorbringt. Für die Vorfahren sei es ein Name der Verehrung, denn die Erde gab ihnen zu essen, schrieb der Missionar Bertonio über diesen von ihm als heidnisch abgelehnten Kult. Pachamana, so Fernando Montes Ruiz in seinem Buch „Steinmaske“, sei nur ein Teil der Erdoberfläche, nämlich die fruchtbare Erde, das von den Menschen kultivierte Land. Daneben gibt es Madre Qhota für die Gewässer, Wüsten und die Wildnis haben andere Gottheiten.

Wenn die Göttin zornig wird

Gottheit dürfte allerdings der falsche Begriff sein für ein naturreligiöses Weltbild, in dem alles lebt und alles zugleich sakralen Charakter hat. Nach dieser Vorstellung kann Pachamama auch zornig werden und Krankheiten verursachen, wie Guaman Poma de Ayala in einer anderen Chronik aus der Zeit der spanischen Eroberung berichtet. Deshalb ist der respektvolle Umgang mit der Natur so wichtig. Das verbindet die Pachamama der Andenvölker mit den Naturvorstellungen der Ethnien aus dem Tiefland – etwa der Guarani, die statt von der Mutter von der „schönen“ Erde, von dem „Großen Haus“ reden. Auch hier ist der Schutz der Natur immer mitgedacht.  

Viele Kritiker sagen, die Pachamama-Tradition zu propagieren, lenke von den sozialen Kämpfen ab, die nötig sind, um die Armut zu verringern. Und es verschleiere die wirklichen Interessen. So hat die bolivianische Regierung unter Evo Morales Pachamama zum Kampfbegriff gegen den zerstörerischen Kapitalismus gemacht. Und Ecuador hat die Rechte der Natur in der Verfassung verankert und sich damit von einem Weltbild verabschiedet, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Doch tatsächlich hat der ecuadorianische Staat das Interesse am Erhalt des Yasuní-Nationalparks verloren, seit die Kompensationszahlungen für den Verzicht auf die Förderung von Erdöl in dem Gebiet ausgeblieben sind. Evo Morales will ein Atomkraftwerk bauen. Ein Drittel der bolivianischen Abgeordneten sind Indigene – trotzdem hat das Parlament in diesem Jahr ein Bergbaugesetz verabschiedet, das der Ausbeutung der Rohstoffe Vorrang vor dem Naturschutz einräumt.

Auch die ländliche Bevölkerung gibt nicht unbedingt dem Naturschutz Priorität. Am Mallku Qhota-Berg im Norden von Potosí zum Beispiel wehrt sich nur eine Minderheit der indigenen Kleinbauern gegen den Bergbau. Viele protestierten zunächst gegen den ausländischen Investor – und tun das heute vor allem deshalb, weil sie keinen Arbeitsplatz in dem inzwischen verstaatlichten Betrieb bekommen haben. Andere wollen die Rohstoffe lieber auf eigene Rechnung im „Gemeindebergbau“ ausbeuten.  Dabei wird Pachamama auch von den Mineros verehrt. Viele von ihnen sind bäuerlicher Herkunft. Die Erde ist für sie Mittlerin zwischen Himmel und Unterwelt. Ihr wird zusammen mit dem „Tio“ geopfert, dem Herrn des Minerals. Der Tio, der zur Unterwelt gehört, soll die Erde befruchten. So hoffen die Bergleute auf eine reiche Ausbeute.

Pachamama ist in der Moderne angekommen

Doch dass die Menschen dem Naturschutz nur unzureichend nachkommen, heißt nicht, dass das Konzept Pachamama deshalb ungültig oder in modernen Zeiten nicht mehr aktuell ist. Es handelt sich tatsächlich um eine weit verbreitete und tief verankerte Tradition. Wie alle Traditionen muss aber auch diese immer wieder für die Gegenwart neu gedeutet werden. Die Verehrung von Pachamama kann je nach Kontext unterschiedliche Bedeutung haben, und was daraus praktisch folgt und was nicht, ist nicht eindeutig.

So sind Frömmigkeit und Kommerz, indigenes und katholisches Brauchtum eng miteinander verwoben, wenn jeweils am ersten Freitag im Monat in der zentralbolivianischen Großstadt Cochabamba Brandopfer für Pachamama dargebracht werden. Der Rauch steigt nicht nur bei den Gemüsehändlerinnen im Marktviertel oder vor den Chichakneipen empor. Auch in den Eingängen von Modeshops oder Computerläden schmelzen auf glühender Kohle in kleinen Metallständern die „Mesas“, die aus kleinen, zu Symbolen geformten Zuckerstücken, Geruchshölzern und Blüten zusammengestellt sind. Der Brauch war durch Modernisierungsprozesse lange bei vielen in Vergessenheit geraten. Im Zuge der Renaissance indigener Kultur hat er nach dem 500-jährigen Jubiläum der spanischen Eroberung wieder breiten Raum eingenommen, ist aber mit dem Verblassen der Euphorie über den sozialen Wandel in Bolivien wieder etwas abgeflacht.

Auch junge, gebildete Städter wenden sich der Pachamama zu – oft verbunden mit modernem Engagement für den Umweltschutz. „Seit ich klein war, bitten wir Mutter Erde um Erlaubnis“, erzählt die 21-jährige Alejandra Lopez aus La Paz. „Wir praktizieren die Challa, ein Reinigungs- und Segnungsritual, zu Hause oder beispielsweise auch bei einem Umzug.“ Die Jurastudentin ist mit diesen Traditionen von ihren Großeltern her vertraut. Die einen waren Händler, die häufig nach Peru gereist sind, die anderen Kleinbauern vom Land. Neben ihrem Jurastudium  arbeitet Alejandra als Trainerin bei der mobilen „Schule für das Gute Leben“. Das informelle Bildungsprogramm versucht, im Dialog mit der Großelterngeneration Jugendliche vom Land und aus den Städten zu einem respektvolleren Umgang miteinander und mit der Natur zu motivieren.

Vor allem die Jugendlichen aus der Stadt merkten im Austausch mit ihren Altersgenossen vom Land, dass der Respekt vor Pachamama nicht nur eine Sache der älteren Generation sei, berichtet Lopez. In der eigenen Familie, in der Schule, unter Freunden werde so der gegenseitige Respekt gestärkt. Müllrecycling oder den sparsamen Umgang mit Wasser hätten viele früher als aussichtslos angesehen. Viele Jugendliche ließen sich beeinflussen von der Wegwerfmentalität und dem Konsumismus, an denen die großen Firmen genauso beteiligt seien wie die Verbraucher. „Aber jetzt werden sie nachdenklich, und fangen zumindest damit an, ihr eigenes Verhalten zu ändern.“

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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