Offene Arme für Süchtige

Mehr als eine Million Brasilianer rauchen regelmäßig Crack. Die Behörden schicken Abhängige ins Gefängnis oder zwingen sie zum Entzug. Dabei gibt es andere Wege.

Straßensprechstunde: Doktor Valeska Antunes untersucht eine schwangere Frau im Favela-Komplex Maré.
Warum ich Crack rauche? Warum nicht?“ fragt Zé provozierend und lässt sich in die Polster eines grauen Plüschsofas fallen. „Mir geht es gut damit und aufhören kann ich jederzeit.“ Für diesen Spruch erntet er hämischen Applaus. „Du bist der Mann, Zé“ amüsieren sich zwei schlaksige Mittzwanziger, die neben ihrem Kumpel ein bisschen Morgensonne tanken.

Doch Zé ist es ernst. Mit einem Satz springt er auf die Rückenlehne des abgewetzten Möbels, balanciert sich aus und schreit: „Hey, ich habe wenigstens eine Zukunft. Wer von uns ist denn immer noch als Sportstudent eingeschrieben? Nach den Sommerferien, da fang ich wieder an zu trainieren und...“ – da stürzt er ab, landet unsanft auf einem schmalen Stück Fußweg.

Direkt neben ihm donnert der Berufsverkehr von Rio de Janeiro in Richtung Flughafen. Ein Taxifahrer hupt bedrohlich, ruft: „Für euch bremse ich nicht, ihr Irren.“ Erschrocken verkriechen sich die drei zwischen den Radkästen eines parkenden Lastwagens. Dort schlafen unter Bettlaken und Decken weitere Menschen. Eines der Bündel entrollt sich zu einem etwa 14-jährigen Mädchen mit krausem Haar und verklebten Augen. Eine nackte Plastikpuppe fällt auf den Boden, das Mädchen verzieht das Gesicht, streicht sich über den Bauch, hustet müde: „Hast du ein bisschen Wasser, Zé?“

Nur zweihundert Meter Luftlinie von Zés Sofa entfernt arbeitet der Epidemiologe Francisco Inácio Bastos im Institut für Kommunikation, wissenschaftliche Information und Technologie im Gesundheitswesen (ICICT). „Wisst ihr, was eine Crackolândia ist?“, fragt er seine Studierenden zum Semesterbeginn gern. „Nein? Die Medien nennen so jeden öffentlichen Ort, an dem Crack geraucht wird. Schaut mal aus dem Fenster, dort unten auf dem Fußweg sitzen oft ein paar Konsumenten.“ Von weitem wisse man nicht, wer sie sind oder wie sie leben und doch hätten viele Brasilianer eine geradezu panische Angst vor allem, was mit Crack zu tun hat.

„Dabei handelt es sich nüchtern betrachtet zunächst nur um eine Weiterverarbeitung der sogenannten Kokain-Basispaste, die in ganz Lateinamerika gehandelt wird“, erklärt Bastos. Er lässt der Gruppe einen kurzen Moment zum Mitschreiben, bevor er darüber spekuliert,  was zu der raschen Verbreitung der Droge in den brasilianischen Metropolen ab den 1990er Jahren geführt haben könnte. Laut dem Brasilianischen Institut für Geographie und Statistik (IBGE) nehmen mehr als 1,2 Millionen Brasilianer regelmäßig Crack. Sie rauchen die pastellfarbenen Steinchen in improvisierten Pfeifen, die aus Blechdosen oder aus den Aluminiumdeckeln von Wasserbechern gebaut werden. Crack sei leicht in jeder Küche herzustellen, einfach zu transportieren und stelle für Süchtige eine gute Alternative zu gestrecktem Kokain in Pulverform dar, erläutert Bastos. „Der intravenöse Konsum schlechten Stoffs führt schnell zu ernsthaften Gefäß­erkrankungen.“

Für die Medien sind die Süchtigen gefährliche "Zombies"

Solche nüchternen Informationen hätten in den brasilianischen Medien allerdings keinen Platz, erzählt Bastos nach Semi­nar­ende in seinem Büro und zeigt auf einen Stapel Zeitungsausschnitte. Es ist eine Sammlung reißerischer Berichte über den körperlichen Verfall und die Verwahrlosung von Crack-Konsumenten. Sie werden als „Zombies“ tituliert, ihnen wird eine enthemmte Beschaffungskriminalität attestiert und jegliche Fähigkeit zur sozialen Interaktion abgesprochen. Bastos findet es deshalb wenig verwunderlich, dass eine Mehrheit der Bevölkerung Polizeieinsätze und Zwangsentzug befürwortet. Damit werde in Rio de Janeiro und São Paulo seit zwei Jahren Politik gemacht.

„Süchtige gegen ihren Willen zum Aufhören zu bringen, hat selten Erfolg“, sagt die Sozialarbeiterin Carla Luciana Cardoso, während sie eine Tasche mit Medikamenten und Kondomen füllt. In der öffentlichen Familienklinik Victor Valla der Favela Manguinhos setzt man im Umgang mit Süchtigen deshalb nicht auf Abstinenz, sondern darauf, gesundheitliche und soziale Schäden möglichst gering zu halten. Das gut ausgebildete und motivierte Team, das täglich zur „Straßensprechstunde“ ausrückt, ist in Rio de Janeiro ein absolutes Novum. Statt ärztliche Behandlungen und den Zugang zu Sozialprogrammen von einem vorherigen Entzug abhängig zu machen, bieten Cardoso und ihre Kolleginnen und Kollegen Hilfe ohne Vorbedingungen an – und zwar „allen Menschen, die auf der Straße leben und die aus Angst oder Scham nie in ein Krankenhaus gehen würden“.

Viele von ihnen konsumieren Crack, aber auch Alkohol und andere psychoaktive Substanzen. In den nächsten vier Stunden führt die Tour im weißen Kleinbus zu Bretterverschlägen, die die Gleisbetten der Vorortzüge säumen, und zu Zelten aus Plastikplanen, die sich zwischen Lagerhallen und einfachen zweistöckigen Reihenhäusern verstecken. In Brasilien soll es insgesamt 29 „Crackolândias“ geben, eine wenig aussagekräftige Statistik. Im Norden von Rio betreut das Team der Familienklinik allein zehn Orte, an denen die Droge konsumiert wird.

Der Kleinbus hält neben einer Brücke, die einen offenen Abwasserkanal quert. Eine angrenzende Brache wird von vielen als wilde Müllhalde genutzt, etwa 20 Menschen jedoch leben und arbeiten hier. „Guten Morgen, wie geht es euch? Hat eine von euch heute Bedarf?“, ruft eine Ärztin zwei Mädchen zu, die neben einem Feuer hocken, aus dem grüne Flammen emporzischen. Später werden sie ausführlich erklären, dass sie auf diese Weise das Kupfer aus Kabeln lösen, um es bei Wertstoffhändlern zu verkaufen. Zunächst jedoch herrscht Misstrauen, die Antworten fallen einsilbig aus.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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