Pilger drängen sich in Varanasi zum heiligen Bad. Der Schmutz im Fluss ist für sie kein Thema.

Rainer Hörig

Rettet den Ganges!

Die indische Regierung unternimmt einen neuen Anlauf, um den heiligen Fluss wiederzubeleben. Bei der Pilgerstadt Varanasi ist er zur Kloake verkommen.

So innig, wie die Inder ihren Fluss verehren, so rücksichtslos quälen sie ihn auch. Immer mehr Staudämme versperren ihm in den engen Tälern des Himalaja den Weg. Auf seinem langen Weg zum Meer muss der heilige Fluss die ungeklärten Abwässer aus Millionen von Haushalten verdauen, die giftigen Beiprodukte von Ledergerbereien, Kohlekraftwerken, Eisenhütten und eines Atomkraftwerks mitnehmen. Von den Feldern vieler Bauern rinnen die Rückstände reichlich versprühter Pestizide in das weitverzweigte Flusssystem.

In Varanasi erreicht die Wasserqualität einen Tiefstand. Ein Beispiel: Coliform-Bakterien, die aus Fäkalien stammen. Der gesetzliche Grenzwert für Wasser, das noch zum Baden geeignet ist, liegt bei 500 Bakterien pro 100 Milliliter. Kurz vor Varanasi weist der Ganges mit 60.000 Bakterien bereits das 120-fache des Grenzwertes auf. Wenn er die Stadt verlässt, ist der Messwert auf eineinhalb Millionen angestiegen. Unter den Treppen der Badestellen treffen fast 30 Abwasserkanäle auf den Fluss und leiten die ungeklärten Abwässer von eineinhalb Millionen Menschen ein. An einigen Orten riecht es wie in einer Kloake.

"Nein, das Wasser des Ganges ist nicht schmutzig"

Doch für die meisten Pilger ist der Schmutz kein Thema. Sie glauben fest daran, dass das heilige Bad sie seelisch reinigt. Kiran Kumar, die gemeinsam mit ihrem Mann aus dem Nachbarstaat Bihar angereist ist, sagt fröhlich: „Nein, das Wasser des Ganges ist nicht schmutzig. Wenn die Leute ein bisschen aufpassen, kann nichts passieren. Im Gegensatz zu normalem Wasser kann man Gangeswasser jahrelang in einer Flasche aufbewahren, es wird nicht schlecht und riecht nicht. Es muss also etwas Besonderes sein!“

Umweltschützer Himanashu Thakkar sieht das etwas anders. Er beklagt die Verschmutzung des Ganges und kritisiert, dass er von der Politik nur als Wasserlieferant gesehen wird. Thakkar ist Chemieingenieur und hat das „Südasiatische Netzwerk für Dämme, Flüsse und Menschen“ ins Leben gerufen. Besucher empfängt er in seinem Büro im Mittelklasse-Wohnviertel Shalimar Bagh im Norden Delhis. Der Ganges werde durch seine Zuflüsse mit Mineralien und Lebewesen aus anderen Regionen befruchtet, sagt er. Er nähre Pflanzen und Tiere, transportiere Sedimente aus dem hohen Himalaja bis zum Meer und düngt so die Felder und Äcker an seinen Ufern. Diese wichtigen Funktionen fänden „bei unserer Bürokratie und in der Politik aber leider keine Berücksichtigung“. 

Immerhin hatte der damalige Premierminister Rajiv Gandhi bereits 1986 einen Aktionsplan zur Rettung des Ganges initiiert. Mit wenig Erfolg, wie Sunita Narain, Direktorin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Delhi kritisiert. In den vergangenen Jahren seien „gewaltige Geldsummen in die Flussreinigung“ investiert worden. „Trotzdem müssen wir leider konstatieren, dass die Verschmutzung weiter zunahm.“

Noch hat die Regierung ihre Versprechen nicht eingelöst

Die wenigsten Städte Indiens verfügten über ein funktionierendes, unterirdisches Kanalsystem, erklärt Narain, die zeitweise die Regierung für die Sanierung des Flusses beraten hat. Selbst in der Hauptstadt werde nur die Hälfte der Abwässer erfasst und in Kläranlagen gereinigt. Darüber hinaus nutzten die meisten Anlagen aufgrund von Missmanagement und Energieknappheit nur einen Teil ihrer Kapazitäten. Die neue indische Regierung hat nun die Reinigung des Ganges zur Priorität erhoben. „Das ist wunderbar“, meint die prominente Umweltschützerin: „Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht die alten Fehler wiederholt. Wir müssen das Reinigungsprogramm gründlich überdenken und neu erfinden.“

Premierminister Narendra Modi hatte schon im Wahlkampf versprochen, den heiligen Fluss der Hindus wiederzubeleben, und bestimmte symbolträchtig die Stadt Varanasi zu seinem Wahlkreis. Zu Beginn seiner Amtszeit ordnete er die Zuständigkeit für die Säuberung der Flüsse dem Ministerium für Wasserressourcen zu, das von der tief religiösen Ministerin Uma Bharati geführt wird. Die lud schon bald religiöse Autoritäten, Wandermönche, Bürokraten und Experten der Zivilgesellschaft zu einem öffentlichen Brainstorming ein. Unter den  Teilnehmern war auch Himanshu Thakkar: „Die neue Regierung hat große Versprechen gemacht, aber wir haben bislang noch keine konkreten Schritte gesehen, die zur Rettung des Flusses führen könnten.“

Thakkar bemängelt, die bislang bekannt gewordenen Vorschläge der neuen Regierung seien im technokratischen Denken verhaftet: neue Staudämme, noch mehr Kläranlagen. Dieser Lösungsansatz sei jedoch gründlich gescheitert. Flüsse müssten als lebendige Ökosysteme behandelt werden, fordert er.

Sunita Narain mahnt konkrete Schritte an. Es müsse sichergestellt werden, dass die Flüsse genug Wasser führen. Da nicht überall in kurzer Zeit ein unterirdisches Kanalsystem errichtet werden könne, müsse das Abwasser der offenen Kanäle gereinigt und vor Ort, etwa für die Bewässerung von Feldern oder die Stadtreinigung, verbraucht werden. Es dürfe nicht, wie bislang üblich, wieder in dieselben Kanäle zurückgeleitet und mit neuem Abwasser vermischt werden. Und schließlich müssten strikte Kontrollen für Industriebetriebe eingeführt werden, „damit sie nicht länger sorglos ihre Abwässer in den nächsten Fluss leiten“.

Mutter Ganges und Vater Rhein

Die Wiederbelebung des Ganges ist eine gewaltige Aufgabe, die nicht nur technische Infrastruktur, sondern auch ein Umdenken in vielen Teilen der Gesellschaft nötig macht. Der Ganges steht beispielhaft für die meisten anderen Flüsse des Subkontinents, die in einem ähnlich miserablen Zustand sind. Eine Generationenaufgabe, für die Indien auf technische und finanzielle Hilfe angewiesen ist. Deutschland hat bereits seine Unterstützung angeboten und ist damit auf positive Resonanz gestoßen, wie Michael Steiner, der deutsche Botschafter in Neu-Delhi bestätigt: „Ich ziehe gerne eine Parallele zwischen Mutter Ganges und Vater Rhein. Der Rhein war noch in den 1980er Jahren tot, heute kann man wieder darin schwimmen und fischen. Die Reinigung brauchte 30 Jahre, viel Geld und eine gute Koordination zwischen den beteiligten Akteuren.“

Wie der Botschafter berichtet, hat sich eine Expertenkommission aus Deutschland am Ganges ein Bild der Lage gemacht. Die beteiligten Wissenschaftler arbeiten nun zusammen mit indischen Kollegen Vorschläge aus, die später in Projekte der Entwicklungszusammenarbeit einfließen sollen. Das deutsche Angebot beziehe sich in erster Linie auf technische Beratung, sagt der Botschafter  – auf Aufträge für deutsche Firmen hofft man aber auch.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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