„Die Bibel ist ein Buch der Flüchtlinge“

Bekannt geworden ist das Kirchenasyl durch Bilder von Flüchtlingsfamilien, die auf engstem Raum in Gemeindehäusern lebten: Mütter, Väter und ihre Kinder, denen jeden Tag die Abschiebung drohte. Diese Bilder sind weniger geworden, doch die Zahl der Kirchenasyle ist in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Selten gab es so viele Menschen, die Hilfe benötigen, sagt die Flüchtlingspastorin Fanny Dethloff.

Warum liest und hört man nur noch so wenig über Kirchenasyle?
Viele Kirchenasyle sind dazu übergegangen im Stillen zu verfahren, um die Kontakte zu den Behörden nicht zu gefährden. Heute reden wir lieber im Hintergrund mit den Behördenvertretern und wenn ein Kirchenasyl erfolgreich war, machen wir es in einigen Fällen öffentlich. Aber nur, wenn dadurch das Wohl der Menschen nicht gefährdet wird. Kirchengemeinden bieten seit 1983 Flüchtlingen in ausweglosen Situationen eine Zuflucht. 2005 ging mit dem neuen Zuwanderungsgesetz die Zahl der Fälle deutlich zurück. Seitdem gab es immer etwa 20 bis 25 Fälle pro Jahr – jetzt sind es ungefähr 30.

Hat sich die Bereitschaft der Gemeinden verändert?
In den Großstädten haben Gemeinden häufig kaum noch Platz, der nicht öffentlich genutzt wird. Das macht es sehr viel schwieriger, mal eben eine sechs- oder achtköpfige Familie unterzubringen. Auf dem Land ist das einfacher  – aber da erzeugt es natürlich mehr Aufmerksamkeit.

Schadet die öffentliche Aufmerksamkeit denn?
Nein, so würde ich es nicht sagen. Mit Hilfe der Öffentlichkeit hat das Kirchenasyl dazu beigetragen, dass 2005 das Zuwanderungsgesetz um die Härtefallregelung ergänzt worden ist. Dadurch können wir jetzt Familien bereits vor einem Kirchenasyl vor einer Abschiebung retten. Dafür müssen humanitäre Gründe nachgewiesen oder es muss gezeigt werden, wie gut sich jemand integriert hat – so kann nach einem abgelehnten Asylverfahren ein Aufenthalt genehmigt werden. Aber im Moment zeigen die vielen Rückschiebungen nach Ungarn, Italien oder Malta aufgrund des europäischen Asylrechts, dass es eben auch innerhalb Europas ein Problem mit der Zuständigkeit gibt. Viele Gemeinden sehen es nicht ein, dass Menschen in unmenschliche Zustände zurückeschickt werden, wenn sie hier eigentlich gut untergebracht werden könnten.

Welchen Flüchtlingen helfen Sie derzeit?
Seit Jahrzehnten sind es vor allem Kurden aus der Türkei, die nach vielen Jahren abgeschoben werden sollen oder Roma-Familien, die in das Kosovo oder nach Serbien zurück sollen, aber ihre Wurzeln in Deutschland haben. Es gibt Fälle von Familien oder alleinstehenden Menschen, die etwa nach Italien zurück sollen, dort achtzehn Monate abwarten müssen, bis sie dann das Asylverfahren in Deutschland durchlaufen können. Diesen Menschen droht dort die Obdachlosigkeit. Viele fürchten sich außerdem vor Rassismus.

Wie kommen die Familien an Sie heran?
Viele Flüchtlingsgruppen wissen, dass es Kirchenasyle gibt. Sie wenden sich direkt an eine Gemeinde. Wir nehmen aber nicht einfach blind Menschen auf, sondern prüfen die rechtliche Situation und wie die Aussichten auf Erfolg stehen. Wenn eine Gemeinde einer Familie ein Obdach gibt, informiert sie sofort die Behörden.  Dann tun wir alles dafür, dass das Verfahren neu aufgenommen wird. Für eine kleine Gemeinde ist das eine ziemliche Bürde. Sie müssen die Familie bis zum Abschluss des Verfahrens  versorgen und unter Umständen  auch die medizinische Betreuung bezahlen.

Wie sieht das Leben der Flüchtlingsfamilien in den Gemeinden aus?
Die Kinder gehen zur Schule, in den Kindergarten, doch die Eltern dürfen das Kirchengelände streng genommen nicht verlassen, solange das Asylverfahren geprüft wird. Bei Rückschiebungen innerhalb Europas kann das bis zu etwa achtzehn Monate dauern.

Wie lange hat das längste Kirchenasyl gedauert?
Fast acht Jahre. Das war eine Mutter mit sechs Kindern. Alle sind inzwischen gut in Deutschland integriert. Manchmal dauert es aber auch nur wenige Tage, weil es Verfahrensfehler gab, die schnell aufgedeckt werden.

Das Kirchenasyl ist rechtlich umstritten. Wie schaffen Sie es, die Leute vor einer Abschiebung zu retten?
Es ist eine symbolische Tat. Wir versuchen damit deutlich zu machen, dass wir die Menschenrechte schützen, die Grundrechte sehr ernst nehmen und kommen darüber auch mit den Behördenvertretern ins Gespräch. Es geht uns darum, Missverständnisse und Fehlurteile in Asylverfahren zu beseitigen.

Wie kommt es zu falschen Urteilen?
Allein durch die Fragetechnik der ersten Asylanhörung und durch die Art und Weise, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, entstehen viele Fehler beim Asylverfahren: Viele Menschen erzählen aus Angst ihre Geschichten nicht oder sie sagen nicht die ganze Wahrheit. Zu uns kommen völlig verzweifelte Menschen, denen eine Abschiebung bevorsteht und die uns noch einmal berichten, warum sie fliehen mussten. Wenn wir den Eindruck haben, da ist etwas grundsätzlich schief gelaufen, dann versuchen wir die Behörden dazu zu bringen, ein neues Verfahren zu eröffnen. In drei Viertel aller Fälle waren wir erfolgreich – das heißt, die Menschen durften bleiben. Wir liegen also ganz richtig mit unseren Einschätzungen.

Was passiert mit den Flüchtlingen, die bleiben dürfen? Steht die Kirche ihnen weiterhin bei?
Mit mehreren Familien stehen wir weiter in Kontakt und wir sehen, wie gut sie integriert sind. Die meisten Kinder machen eine Ausbildung. Im Kirchenasyl haben viele von ihnen Nachhilfe bekommen, außerdem haben sie sehr viel Unterstützung erfahren. Das freut mich sehr, denn es ist schließlich auch eine Integrationsleistung der Kirchengemeinde. Schön ist auch, dass viele Gemeinden über diesen Weg wieder zu einer herkömmlichen Flüchtlingsarbeit zurückfinden, zum Beispiel unterstützen sie Menschen in Asylbewerberheimen.

Früher gab es häufiger rechtsextreme Angriffe auf Flüchtlingseinrichtungen. Haben Sie damit auch heute noch zu kämpfen?
Nach wie vor gibt es sehr viele anonyme Drohungen über das Internet. Wir wollen aktiv eine Gesellschaft in Vielfalt befördern und stehen gegen die Einfalt von Rechtsextremisten auf. Helfer und Mitarbeiter sind deshalb immer wieder auf dem Schirm von Rechtsextremisten – andere Integrationsvereine, Schwulen- und Lesbenvereine sind aber aber genauso betroffen.

Warum betrachten Sie es als Aufgabe der Kirche, Flüchtlinge aufzunehmen?
Die Bibel ist für mich ein Buch der Migranten und Flüchtlinge. Von Anfang  an geht es um Wanderung, um Bewegung, und um den Schutz von Fremden. Das beginnt im Alten Testament mit Aufforderungen, Fremdlinge nicht zu unterdrücken, sondern ihnen die gleichen Rechte einzuräumen. Und es endet im Neuen Testament mit Jesus selbst, der sagt, ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Kirche kann gar nicht anders, als sich an diesen Stellen zu engagieren.

Was müsste passieren, damit das Kirchenasyl überflüssig wird?
Dazu bräuchte es andere Gesetze: Der Familiennachzug dürfte unter anderem nicht so kompliziert sein. Unser Zuwanderungsgesetz nimmt zwar endlich Integration als festen Bestandteil wahr. Doch wir haben noch immer nicht richtig verstanden, was eine Willkommenskultur bedeutet. In Deutschland hat man immer gleich das Gefühl, die Flüchtlinge wollen für immer bleiben. Das stimmt nicht, viele wollen Europa kennenlernen und merken dann, dass sie in ihrem Land bestimmte Aufgaben wahrnehmen müssen. Sie kehren dann wieder in ihre Heimat zurück. Je  höher der Zaun um Europa, desto eher erscheint es als ein Paradies, in das alle hinein wollen. Und viele können paradoxerweise gar nicht mehr weg, weil sie keine Papiere haben. Sie möchten zurück, können aber nicht ausreisen.

Das Gespräch führte Saara Wendisch.

erschienen in Ausgabe 8 / 2012: Auf der Flucht

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