Das richtige Maß aller Ziele

(10.3.2015) Wie sollen die geplanten UN-Nachhaltigkeitsziele in Deutschland umgesetzt werden? Und wie will man Erfolge messen? Eine neue Studie macht Vorschläge.

Wie ein „gutes Leben“ aussehen sollte, ist zum Objekt internationaler Verhandlungen wie wissenschaftlicher Studien geworden: Die Staaten handeln in diesem Jahr Sustainable Development Goals (SDG) aus, die alle Länder auf eine nachhaltige Entwicklung verpflichten sollen.

Fachleute zweifeln seit langem, ob das Bruttosozialprodukt ein geeigneter Maßstab für den Wohlstand oder den Erfolg einer Gesellschaft ist, und schlagen neue Messgrößen vor. Dass beides eng zusammenhängt, ist der Ausgangspunkt dieser Studie: Wie die SDGs umgesetzt werden, soll mit Indikatoren gemessen werden. Welche man dafür wähle, bestimme mit über die abgeleiteten politischen Rezepte.

Die Studie liefert Hintergrundwissen für die Diskussion, wie die SDGs in Deutschland umgesetzt werden sollen und wie das zur Debatte über neue Wohlstandsmodelle passt. Zunächst wird erklärt, welche Stärken und Schwächen verschiedene Indikatoren haben, die Wohlstand messen oder ökologische Auswirkungen erfassen sollen. Dieser Überblick ist sehr nützlich und erinnert daran, wie alt viele Einsichten in grundlegende Probleme unseres Wirtschaftsmodells im Grunde sind.

Nach einem kurzen Überblick über den SDG-Prozess legen die Autoren dann dar, was für die deutsche Politik aus den SDGs folgen sollte. Zum Beispiel müssten die Einkommens-Ungleichheit verringert, der Verbrauch an Rohstoffen und die Bodendegradation gesenkt sowie Rüstungsexporte in Krisenländer beendet werden.

Dabei wird jeweils erklärt, an welchen Indikatoren das gemessen werden sollte – der Rohstoffverbrauch zum Beispiel mit Hilfe des ökologischen Fußabdrucks. Das liest sich schlüssig. Problematisch ist aber die Annahme, durchdachte und widerspruchsfreie Ziele und Indikatoren würden eine entsprechende Politik befördern.

Doch ist es vorstellbar, dass der Bund Kapital- und Vermögenssteuern erhöht, weil er sich international zur Senkung der Ungleichheit bekannt hat und die Zielindikatoren sonst nicht erfüllen könnte? Oder dass infolge der SDGs Kohlekraftwerke abgeschaltet werden?

Dazu müssten diese Ziele – die selbst Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum enthalten – den Kampf der Interessen und die Machtverhältnisse in Deutschland verändern. Auf welchem Wege, wird nicht erklärt. So gerät die Studie in die Gefahr zu suggerieren, man solle und könne den konfliktbehafteten Umbruch zur nachhaltigen Gesellschaft voranbringen, indem Experten die richtigen Indikatoren finden. (bl)

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