Sozialstandards
Sozialstandards

Freiwilliger Zwang

Manche von Firmen selbst geschaffene Standards haben die Arbeitsverhältnisse in armen Ländern verbessert. Andere erreichen ihre Ziele nur, wenn Gesetze nachhelfen. Beide Instrumente müssen sich ergänzen.

Blumen führt Europa vor allem über die Niederlande ein – hier die ­Auktionshalle in Aalsmeer. Holländische Großhändler haben 1993 den MPS-Standard geschaffen, der die Arbeitsbedingungen auf Rosenfarmen in Kenia verbessert hat. Michel Porro/Getty Images
Lange haben Unternehmen ihre Verantwortung für die Arbeits- und Produktionsbedingungen in den Zulieferbetrieben geleugnet. Doch Anfang der 1990er Jahre setzte, weil der öffentliche Druck zunahm, ein Umdenken ein. Die ersten freiwilligen Verhaltenskodizes entstanden, mit denen sich Firmen verpflichten, auf bestimmte Standards in der weltweiten Produktion zu achten. Heute decken eine Vielzahl von Selbstverpflichtungen, Standards und ähnlichem zahlreiche Industriezweige und eine große Bandbreite von sozialen und ökologischen Problemen ab.

Welche Wirkungen haben sie in den Produktionsländern? Das Beispiel Rosen in Kenia stimmt optimistisch, weniger aber das Beispiel Ölpalmanbau in Indonesien.

Eindrückliche Reportagen über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Blumenfarmen in Kolumbien und Ecuador bewirkten ab Mitte der 1980er Jahre, dass der Umsatz, besonders bei Rosen, in Mitteleuropa zeitweise deutlich zurückging. Die holländische Blumenindustrie reagierte schnell: 1993 rief sie den MPS-Standard ins Leben, dem sich die großen holländischen Blumenauktionen anschlossen; über sie läuft ein Großteil der europäischen Blumenimporte. Weitere Initiativen wie der Standard der kenianischen Blumenproduzenten (KFC) und der Fair Trade Standard folgten. Innerhalb von zehn Jahren wurden rund 90 Prozent der kenianischen Blumenbetriebe gemäß dieser Standards zertifiziert.

Isabel Spindler, die Eigentümerin der Redland Roses Farm in der Nähe von Nairobi, die als erster Betrieb MPS-zertifiziert wurde, ist sicher:  „Die Einführung von MPS und weiterer Standards hat zu einer grundlegenden Veränderung der Arbeitsbedingungen in der kenianischen Blumenindustrie geführt. Vorher haben Arbeitsrechte und Gesundheitsschutz ausschließlich auf dem Papier gestanden, der Staat hat sie nicht durchgesetzt. Heute kennen kenianische Blumenarbeiter ihre Rechte vermutlich besser als viele Arbeiter in den Gewächshäusern Europas.“

In kenianischen Gewächshäusern ist heute Standard, dass nur speziell ausgebildetes Personal mit geeigneter Schutzkleidung zum Spritzen eingesetzt wird. Dem Personal werden monatlich Blutproben entnommen, um sicherzustellen, dass die Grenzwerte bei der Belastung mit Giftstoffen nicht überschritten werden. Passiert das doch, bekommt die betroffene Person eine andere Arbeit zugewiesen. Mehr und mehr Blumenfarmen setzen auf biologische Schädlingsbekämpfung, mit der der Einsatz giftiger Pestizide um die Hälfte verringert werden kann.

Bezahlte Überstunden und Kindergrippe

Ein gut organisierter Schichtbetrieb gewährleistet reguläre Arbeitszeiten außer in Saisonspitzen. Überstunden werden bezahlt, und die Löhne liegen im Schnitt deutlich über den gesetzlichen Mindestlöhnen. Alle zertifizierten Farmen haben gewählte Belegschaftsvertretungen. In vielen kenianischen Blumenfarmen wird das Wasser wiederverwendet und gibt es Krippen und Kindergärten für die Kinder der Arbeiterinnen. Kenia ist der größte Exporteur von Fair Trade Rosen weltweit geworden. Zehn bis fünfzehn Jahre hat es gedauert, diese Standards in Kenias Blumenindustrie durchzusetzen. Davon profitieren jetzt etwa 150.000 Arbeiterinnen mit rund 600.000 direkten Familienangehörigen. Die Verbesserungen spiegeln sich auch in der Berichterstattung: Sie ist kaum noch sehr kritisch.

Anders fällt die Bilanz bei Palmöl in Indonesien aus. 2004 wurde auf Initiative der Umweltorganisation WWF und des Konzerns Unilever der Runde Tisch Nachhaltiges Palmöl (RSPO) gegründet. Anlass dafür war, dass Palmölplantagen große schützenswerte Flächen in Beschlag nahmen; insbesondere in Indonesien, dem weltweit größten Palmölproduzenten, ging das mit Brandrodung einher. Traditionelle Landrechte wurden verletzt.
Im Rahmen des RSPO verpflichten sich nun Palmölproduzenten, bei der Anlage von Plantagen die Zustimmung der traditionellen Besitzer einzuholen, keine Plantagen in hoch schützenswerten Flächen anzulegen, keine Brandrodung zu praktizieren und ihre Plantagen durch die Anlage von Biokorridoren, zum Beispiel entlang von Flüssen, und den zurückhaltenden Einsatz von Dünger ökologischer zu bewirtschaften. Heute sind immerhin 18 Prozent der weltweiten Palmölproduktion gemäß RSPO-Standard zertifiziert. Die Europäische Union (EU) macht diese Zertifizierung zur Voraussetzung für die Import von Agro-Treibstoffen, die auf der Basis von Palmöl produziert wurden.

Dennoch wird der RSPO von vielen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) scharf kritisiert – vor allem weil es nicht gelungen ist, die Abholzung von Regenwald in Indonesien zu stoppen. Dass ein Teil der Produzenten RSPO-Kriterien einhält, wie es europäische Konsumenten erwarten, hindert andere Plantagen – manche sind Tochterbetriebe der gleichen Konzerne – nicht, weiter gewaltige Waldflächen für Ölpalmen einzuschlagen. Und da der größte Teil des indonesischen Palmöls nach Indien und China exportiert wird, die bisher wenig Interesse an seiner Nachhaltigkeit zeigen, hat der RSPO wenig an der umweltschädlichen Gesamtbilanz des Palmölanbaus geändert. Im Kern müsste zur Bedingung der Zertifizierung werden, dass die indonesische Regierung Landnutzungspläne verabschiedet und umsetzt, die mit den RSPO-Kriterien vereinbar sind. Nur so lässt sich vermeiden, dass Schäden bloß verlagert werden.

Auf die Marktmacht kommt es an

Ein prominentes Beispiel für Umweltschäden zu Beginn der Wertschöpfungskette ist die Abholzung von Regenwald. Neben der Holzgewinnung wird tropischer Wald vor allem geschlagen, um auf den Flächen Soja, Palmöl oder…

Ein Indiz dafür, wie ernst Unternehmen ihre Verantwortung für Lieferketten nehmen, sind ihre Internetauftritte und Nachhaltigkeitsberichte. Die deutsche Textil- und Modewirtschaft ist hier insgesamt weiter als der Lebensmittelhandel. Während der Online-Bekleidungshändler Zalando es sich noch leisten kann, das Thema Nachhaltigkeit in den Lieferketten überhaupt nicht anzusprechen, legen Firmen wie C&A, H&M, die Otto-Gruppe oder auch Tchibo jährlich umfängliche Nachhaltigkeitsberichte vor.

Dem Bericht von H&M für 2013 kann man entnehmen, dass knapp 16 Prozent der eingesetzten Baumwolle nachhaltig ist, das heißt organisch erzeugt wurde oder den Standards der Better Cotton Initiative genügt. Das Training von Baumwoll-Kleinbauern hat H&M 2013 mit 850.000 Euro unterstützt. Nachzulesen ist auch, wie viele der H&M-Lieferanten in Bangladesch auf Gebäudesicherheit und Feuerschutz überprüft wurden und dass H&M in drei Modellbetrieben die Einführung von „fairen Löhnen“ testet. Der gesamte Nachhaltigkeitsbericht ist vom Wirtschaftsprüfer KPMG testiert; das spricht für seine Seriosität.

H&M veröffentlicht die gesamte Liste seiner direkten Zulieferer. 60 Prozent aller Produkte bezieht das Unternehmen inzwischen von 162 strategischen Lieferanten. Dies ist Ausdruck einer Strategie: Hat man früher die Lieferanten auf der Suche nach dem günstigsten Einkaufspreis ständig gewechselt, so setzt man jetzt eher auf stabile Lieferbeziehungen mit Unternehmen, die relativ gute Sozialstandards sichern. Diese Tendenz ist auch bei C&A, Otto, Tchibo und anderen Firmen zu beobachten. Die Nachhaltigkeitsberichte von Tchibo und der Otto-Gruppe sind ähnlich detailliert und legen offen, inwieweit die selbst gesetzten CSR-Ziele erreicht wurden.

Verglichen damit hinkt der Lebensmittel-Einzelhandel hinterher. Die Discounter Aldi (Süd) und Lidl befassen sich zwar zunehmend mit Nachhaltigkeit in ihren Lieferketten, aber systematische Berichte legen beide bisher nicht vor. Auf den Webseiten findet man dazu vor allem Absichtserklärungen. Die Rewe-Gruppe hat bei einzelnen Produkten eine auch öffentlich wahrgenommene Vorreiterrolle; so bezieht sie Rosen vollständig fair und hat sich frühzeitig festgelegt, ausschließlich MSC-zertifizierte Fischprodukte zu verkaufen. Zahlen über den Anteil „nachhaltiger“ Produkte am Gesamtsortiment nennt sie aber bis heute nicht. Allerdings sind die auch besonders schwierig zu erfassen bei Tausenden von Produkten und einer genossenschaftlichen Unternehmensstruktur, in der 4000 selbstständige Ladeninhaber teils eigenständig über ihr Sortiment entscheiden.

Selbst Greenpeace bescheinigt Unternehmen wie Tchibo oder Rewe Nachhaltigkeitsstrategien, die Verbesserungen in der gesamten Lieferkette bewirken. Gisela Burckhardt von der Kampagne für saubere Kleidung (CCC) konstatiert, dass ein Unternehmen wie H&M in Bezug auf Transparenz deutlich besser aufgestellt ist als die Firma Hugo Boss. Das zeigt, dass im Textilbereich ein höherer Preis nicht unbedingt mehr Nachhaltigkeit bedingt.

Die genannten Nachhaltigkeitsberichte werden jedoch nur von wenigen gelesen.  Es gibt keine verständlichen und glaubwürdigen Vergleiche des Nachhaltigkeitsengagements von Unternehmen.  Das vom BMZ initiierte Textilbündnis will dies unter anderem über die Einführung eines verständlichen Online-Vergleichsportals ändern. Noch verhandelt der Minister allerdings mit den Großen des textilen Einzelhandels über einen Beitritt zum Bündnis.

Oft wird kritisiert, dass freiwillige Unternehmensstandards zu wenig Wirkung hätten und man deshalb ökologische und soziale Nachhaltigkeit per Gesetz durchsetzen müsse. Die Erfahrung mit Öko-und Sozialstandards zeigt allerdings, dass die Gegenüberstellung von entweder freiwilligen Selbstverpflichtungen oder gesetzlichen Regeln wenig Sinn hat. Oft sind freiwillige Standards Wegbereiter gesetzlicher Regelungen; sie helfen, diese zu ergänzen oder mit Leben zu erfüllen. Teils sind Gesetze die Voraussetzung dafür, dass ein freiwilliger Standard seine Ziele erreichen kann, wie das Beispiel Palmöl zeigt.

Freiwillige Regeln schaffen eine Grundlage für spätere Gesetze

So hat das 1997 auf Initiative des WWF und des Konzerns Unilever eingeführte Siegel des Marine Stewardship Council (MSC) für Fisch das Konzept des „maximalen Fangdauerertrages“ eingeführt. Demnach dürfen in einem bestimmten Gebiet nur so viele Fische gefangen werden, dass die Bestände sich regenerieren können, so dass langfristig maximale Erträge sichergestellt werden. Das MSC-Siegel hat im europäischen Einzelhandel schnell Verbreitung gefunden. Als Folge hatten die deutschen Ostseefischer, die nicht nach MSC zertifiziert waren, zeitweise große Probleme, ihre Heringe zu auskömmlichen Preisen abzusetzen.

Interessant ist nun, dass die EU unter ihrer von 2010 bis 2014 für Fischfang zuständigen Kommissarin Maria Damanaki einen Wechsel ihrer Fischpolitik eingeleitet hat. Nun gilt in allen EU-Gewässern ebenfalls der Grundsatz, dass aus einem Fanggebiet nicht mehr herausgeholt werden darf als langfristig tragbar. Experten sind sicher, dass die Einführung des MSC-Siegels dazu beigetragen hat, in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für nachhaltigen Fischfang zu schaffen und so politische Mehrheiten dafür zu erreichen. Das beginnt Früchte zu tragen: In den vergangenen zwei Jahren haben sich, nachdem Fangquoten zum Teil drastisch gekürzt worden waren, einige EU-Fischbestände deutlich erholt.

Im Textilsektor spielt das Konzept des Existenz sichernden Mindestlohnes eine zentrale Rolle: Ginge es nach den Befürwortern gesetzlicher Regeln, dann dürften nur noch Textilien von Unternehmen importiert werden, die solche Mindestlöhne zahlen. Doch Deutschland kann das nur im Rahmen der EU per Gesetz regeln, und die EU kann anderen Ländern nicht einfach das Niveau solcher Mindestlöhne vorschreiben. Das wäre mit den Regeln der Welthandelsorganisation unvereinbar.

Autor

Roger Peltzer

arbeitet als Abteilungsleiter bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in Köln und ist an der Entwicklung und Verwirklichung des Textillabels Cotton Made in Africa beteiligt. Er gibt hier ausschließlich seine persönliche Meinung wieder.
Noch schwieriger ist die Verständigung, welche Höhe ein Mindestlohn haben soll. Einigkeit besteht darüber, dass er schon innerhalb eines Landes je nach regionalem Preisniveau ganz unterschiedlich ausfallen muss. Welche Grundbedürfnisse soll er abdecken? Geht man davon aus, dass ein Alleinverdiener die gesamte Familie ernährt? Im Ergebnis sagt selbst die Stiftung Fair Wear Foundation (FWF), die mit Unternehmen auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen hinwirkt, dass sie zurzeit die Höhe eines Existenz sichernden Mindestlohnes in den jeweiligen Produktionsstandorten in Asien nicht bestimmten kann.

Die Fair Wear Foundation verlangt stattdessen von den mit ihr zusammenarbeitenden Unternehmen, offenzulegen, welche Durchschnittslöhne sie zahlen und wie groß der Abstand zu Mindestlöhnen nach verschiedenen Konzepten ist. Sie müssen darlegen, dass sie den Abstand schrittweise verringern.

Dafür wird man Übergangsfristen brauchen. Es wird noch viel praktische Erfahrung und eine breite gesellschaftliche Debatte nötig sein, um einen Konsens über die Einführung von Existenz sichernden Mindestlöhnen in der ganzen Lieferkette zu erarbeiten. Diesen Prozess kann kein Gesetzgeber vorweg nehmen. Umgekehrt gilt, dass ein auf freiwilliger Basis erzielter Konsens gute Voraussetzungen für gesetzliche Regeln in der EU schafft. Wenn relevante Unternehmen in den Herstellerländern bereits die entsprechenden Löhne zahlen, besteht auch die Chance, dass die dortigen Regierungen zustimmen. Damit würde die Gefahr kleiner, dass Entwicklungsländer vor der Welthandelsorganisation gegen Einfuhrbestimmungen klagen,  die den Nachweis der Zahlung von Mindestlöhnen verlangen. Das könnte als nicht tarifäres Handelshemmnis gesehen werden.

Verhaltenskodizes und freiwillige Unternehmensstandards können die Produktion und die Lebensverhältnisse von Bäuerinnen und Arbeitenden in Entwicklungsländern – und nicht nur da – nachhaltig verbessern. Bundesentwicklungsminister Müller hat deshalb bei der Vorstellung des Textilbündnisses zu Recht darauf hingewiesen, dass ein solches Bündnis unter Beteiligung von Textilfirmen deutlich mehr bewirken kann als viele „klassische“ Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. Die Politik kann auf diese Weise die Wirkung freiwilliger Nachhaltigkeitsstandards erhöhen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2015: Unternehmen: Fair bringt mehr

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