Wer Inder ist, soll Hindu sein

Der elefantenköpfige Hindu-Gott Ganesh wird im August 2014 in Mumbais Straßen gefeiert. Radikale Hindus wollen, dass Ganesh als Glücksbringer der Nation auch in Moscheen aufgestellt wird.

In Indien leben seit langem viele Kulturen und Religionen. Einflussreiche Hindu-Bewegungen wollen nun Muslime und Christen verstärkt in den Schoß der nationalen Religion, des Hinduismus, zurückholen – und haben auch mit dem Einfluss westlicher Sitten ihre Probleme.

Die beiden Kasten der Chetas und Maharats leben in Pisangan und Pushkar in Rajasthan. Ihre Besonderheit: Sie feiern traditionell sowohl hinduistische als auch muslimische Feste, besuchen sowohl Tempel als auch Moscheen zu Opfer und Gebet. Das ist nicht völlig ungewöhnlich in Indien. Viele Menschen besuchen die Heiligtümer unterschiedlicher Religionen und verrichten dort Gebete und Riten. Heiligtümer islamischer Sufi-Orden wie das Grabmal von Nizamuddin Aulia in Delhi sind Orte einer faszinierenden Tradition interreligiöser Spiritualität. Jeder ist dort willkommen, egal welcher Glaubensform er oder sie angehört – so die offizielle Broschüre des „Segen-Spenders“, des leitenden muslimischen Geistlichen im Heiligtum.

Doch es gibt Gegner der religiösen Praxis jenseits des Lagerdenkens. Ein Sprecher der hinduistischen Vishva Hindu Parishad (VHP, Welt-Hindurat) verkündet, die Chetas und Maharats seien Nachkommen des berühmten Hindu-Herrschers Prithviraj Chauhan; der war 1192 bei der Verteidigung von Delhi gegen den muslimischen Eroberer Muhammad Ghori aus dem heutigen Ost-Iran gefallen. „Die Menschen waren Hindus, die aber von ihrer angestammten Religion weggelockt wurden. Viele konvertierten“, erklärt die VHP. Und das will sie nun rückgängig machen.

Schon im 19. Jahrhundert hat die hinduistische Reformbewegung Arya Samaj eine Reinigungszeremonie erfunden, mit der ganze muslimische Kastengruppen wieder in den Hinduismus aufgenommen werden können. Diese Institution hat vor allem die VHP in den vergangenen Jahrzehnten übernommen und systematisch propagiert. Sie führt „Reinigungsopfer“ durch und erklärt die muslimischen Familien, die daran teilgenommen haben, zu „gereinigten“ Hindus. Als Reaktion darauf lädt die islamische Erneuerungsbewegung Tablig Islami zu öffentlichen Gebetsveranstaltungen ein mit dem Ziel, die islamische Identität der indischen Muslime zu festigen.

Es heißt, dass zahlreiche Mitglieder der Chetas und Maharats Veranstaltungen beiderlei Art besuchten. Eine typisch indische Lösung: Der gewöhnliche Gläubige nimmt allein selig machende Wahrheitsansprüche von oben bei allem Respekt nicht übermäßig ernst.

Vor allem in Nordindien werden jedoch mehr und mehr solcher Reinigungszeremonien inszeniert, für die sich die Bezeichnung „Ghar Wapasi“, Heimkehr, eingebürgert hat. Das „Komitee zur Erweckung der Religion“ (Dharm Jagaran Samiti, DJS), eine Organisation, die zur hinduistischen Kader-Organisation Rashtriya Swayamsewak Sangh (RSS) gehört, hat eine umfassende „Heimkehr“-Kampagne eingeleitet. Indische Muslime und Christen oder Mitglieder von Kasten mit schwer zu definierender religiöser Identität sollen in den Schoß des Hinduismus zurückkehren. Ziel ist, die Nation wieder zu dem zu machen, was sie angeblich früher einmal gewesen ist: eine starke Nation lupenreiner Hindus.

Harte Strafen für den Besitz von Rindfleisch

Wie läuft eine solche Reinigungszeremonie ab? In der Regel beginnt es mit Reden und einem kleinen Kulturprogramm, alle Anwesenden erhalten ein kleines Geschenk und dann darf das üppige Buffet nicht fehlen. Den Eingeladenen wird oft erst im Laufe der Veranstaltung klar, dass es sich um einen „Ghar Wapasi“-Event handelt. In der Stadt Agra waren im Dezember Muslime aus niederen Kasten mit der Aussicht auf Bezugsscheine für Sozialleistungen zu einer Veranstaltung gelockt worden, die sich als „Heimkehr“-Veranstaltung entpuppte.

Einer der aktivsten Redner bei solchen Kampagnen ist Yogi Adityanath, der sich auch in der Kuhschutzbewegung engagiert. Für ihn ist die Kuh das Symbol schlechthin sowohl für den Hinduismus als ewige Religion Indiens als auch für die indische Nation. Yogi Adityanath fordert auch, jede Moschee in Indien zu verpflichten, eine Statue des elefantenköpfigen Gottes Ganesh aufzustellen. Schließlich sei Ganesh ein nationaler Glücksbringer.

Rückkehr zum wahren Glauben: Im Bundestaat Uttar Pradesh ­werden Christen Mitte 2014 mit einer ­religiösen Zeremonie zum Hinduismus bekehrt. Adnan Abidi/Reuters

Solche Äußerungen finden durchaus Gehör in der Politik. In mehreren Staaten der indischen Union ist es bereits verboten, Kühe zu schlachten. Der Staat Maharashtra hat kürzlich ein Gesetz erlassen, das den Besitz oder den Handel mit Rindfleisch mit Gefängnis von bis zu fünf Jahren bestraft. Die Behörden setzen auch zunehmend Schulen unter Druck, Rituale zu Ehren der indischen Göttin der Weisheit und der Lernens, Sarasvati, am Tag des Frühlingsfestes durchzuführen. Manche christlichen und muslimischen Schulen lassen diese Zeremonien ohne viel Aufhebens abhalten, um sich Ärger zu ersparen, andere weigern sich und riskieren damit ihre staatliche Unterstützung.

Außenministerin Sushma Swaraj will den Tag der Bhagavadgita als nationalen Feiertag einführen und betreibt die Neudefinition dieses heiligen Buches der Hindus als „nationales Schrifttum“, also grundlegend für indische Patrioten – nicht nur für Hindus. Wer damit nicht einverstanden ist, könnte folgerichtig zum Staatsfeind abgestempelt werden. Indische Identität, so diese Argumentationslinie, ist hinduistische Identität.

Anfang Dezember 2014 brach ein Sturm der Empörung aus, nachdem die dem Kabinett Modi angehörende Ministerin Niranjan Jyoti alle Nichthindus in Indien als Bastarde bezeichnet hatte. Sie ist nach wie vor in Amt und Würden. In das gleiche Horn blasen radikale BJP-Abgeordnete wie etwa Sakshi Maharaj, der die Todesstrafe für Konversion oder Kuhschlachtung befürwortet. Gewiss, solche schrulligen Bemerkungen hinterwäldlerischer Abgeordneter muss man nicht immer auf die Goldwaage legen. Doch den Hindu-Nationalisten geht es hier um eine Grundsatzfrage indischer Identität.

Geschichtsdeutung als Politikum

Damit wird auch die Deutung der Geschichte Indiens zum Politikum. So ist die Zeit der islamischen Fürsten in Indien seit dem Sieg Muhammad Ghoris bis zum Ende des Moghulreiches 1858 aus Sicht der Radikalen nur ein Störfaktor. Seit Jahren laufen hindu-nationalistische Kräfte in Indien und in der amerikanischen Diaspora auch Sturm gegen einige grundlegenden und als gesichert geltenden Thesen der historischen Linguistik. Die besagen, dass die Träger der heiligen Sprache des Hinduismus, also die Sprecher des in den alten vedischen Texten verwendeten Sanskrit, etwa um 1500 vor Christus vom heutigen Afghanistan nach Südasien eingewandert sind. Die indo-arische Einwanderung ist aber aus Sicht ihrer Gegner eine Erfindung des westlichen Kulturimperialismus. Der indische Subkontinent sei vielmehr seit unvordenklichen Zeiten hinduistischer Boden und Traditionshüter des Sanskrit und der brahmanischen Bildung gewesen.

Dabei geht es auch ganz praktisch um die Zukunft der Bildung in Indien. Wird die Einwanderung der Indo-Arier bald aus indischen Schulbüchern verbannt? Kritische Beobachter deuten Stellenbesetzungen der vergangenen Monate in wichtigen Bildungsinstitutionen als Warnzeichen: Kandidaten, die dem Hindu-Nationalismus nahestehen, sind anscheinend überall auf dem Vormarsch.

Der Valentinstag und die indische Identität

Trotz allgegenwärtiger Globalisierung kann man den Eindruck gewinnen, dass in Indien nichts weniger als ein Kulturkampf im Gange ist. So ist der Valentinstag, seit einigen Jahren in der jüngeren Generation populär, den Hardlinern ein Dorn im Auge. Er gilt ihnen als Inbegriff des von fremden Kulturen aufoktroyierten Festes, als raffinierter Trick mit dem Ziel, die indische Identität zu untergraben – vor allem wohl, weil es hier um das heikle Thema Liebe geht. Überall im Land schwärmen hindu-nationalistische Kader aus, um Liebespärchen beim Stelldichein aufzuspüren und zu drangsalieren.

Wenn junge Paare Händchen haltend diesen Gruppen von ebenfalls jungen Moralaposteln begegnen, kommt es nicht nur zu verbalen Attacken, sondern oft setzt es Prügel. Öffentliche Liebesbezeugungen, und sei es nur ein verliebter Blick, gelten als Ausdruck westlicher Dekadenz. Jungen Frauen geht es mitunter an den Kragen, weil sie Jeans und westliche Blusen tragen.

Was den oft noch jugendlichen Radikalen besonders gegen den Strich geht, sind Liebesbande zwischen Hindus und Muslimen. Solche Verbindungen sehen sie als Teil einer umfassenden Islamisierungsstrategie, wofür sie den Ausdruck „Love Jihad“ verwenden: Glaubenskampf, trickreich geführt nicht mit der Kalaschnikow, sondern mit den Waffen der Liebe, um den Partner zum Religionsübertritt zu bringen. Das Bedrohungsszenario, das hier aufgebaut wird, bezieht sich auf die Fruchtbarkeit muslimischer Bevölkerungsgruppen: Da sie viele Kinder hätten, steige der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung unaufhaltsam. Sakshi Maharaj, ein radikaler BJP-Abgeordneter, forderte unlängst, jede Hindu-Frau solle es als Ehrensache ansehen, mindestens vier Kinder zur Welt zu bringen.

In der Tat ist der Anteil der Muslime an der Bevölkerung seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 von etwa zwölf Prozent auf knapp 15 Prozent gestiegen. Das hat aber eher soziale als religiöse Gründe: Viele Muslime kommen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, die mehr Kinder haben als gehobene Schichten.

Religiöse Minderheiten: für Hindu-Nationalisten Fremdkörper

„Einheit in Vielfalt“ lautet die staatliche Konsensformel in Indien – doch was das genau bedeutet, darüber gehen die Meinungen auseinander. Für Hindu-Nationalisten, die „Ghar Wapasi“-Kampagnen vorantreiben, sind die religiösen Minderheiten in Indien ein Fremdkörper, dem allenfalls ein Gaststatus zuzubilligen ist. Allenfalls können Buddhismus, Jainismus und Sikhismus durchgehen, da sie Religionen einheimischen südasiatischen Ursprungs sind.

Der Begriff „Konversion“ ist generell in Indien in höchstem Maße negativ besetzt. Dahinter steht die historische Erfahrung, dass vor allem Hindus aus niederen Kasten über Jahrhunderte zum Islam und seit dem 16. Jahrhundert in geringerer Zahl zum Christentum konvertiert sind. Nationalistische Hindus sehen den Übertritt von Vertretern religiöser Minderheiten zur hinduistischen Glaubensgemeinschaft dagegen nicht als „Konversion“, sondern als Korrektur einer Fehlhandlung ihrer Vorfahren an. Der Generalsekretär des RSS, Mohan Bhagwat, erklärte im vergangenen März in Nagpur der Presse den Unterschied wie folgt: Die indischen Muslime und Christen sind in Wahrheit „gestohlene Hindus. Nun ist der Dieb ertappt worden, und ich hole mir meinen Besitz zurück“. Kein aufrichtiger Hindu verlasse seine „Gemeinschaft“, donnerte Bhagwat. Falls doch, müsse es sich um das Ergebnis einer trickreichen Verführung oder einfach von Gewalt handeln. Für solche Fälle fordere der RSS ein nationales Anti-Konversionsgesetz, wie es das heute bereits in mehreren Bundesstaaten gibt.

Autor

Heinz Werner Wessler

ist Indologe am Institut für Linguistik und Philologie an der Universität Uppsala (Schweden) und Vorstandsmitglied des Südasienbüros in Bonn.
Juristisch gesehen herrscht in Indien Glaubensfreiheit. Das schließt das Recht ein, die Religion zu wechseln. Der soziale Konformitätsdruck ist allerdings sehr hoch und ein formaler Religionsübertritt auch bei liberal eingestellten Hindus traditionell sehr schlecht angesehen. Konvertiten werden meist pauschal materielle Motive unterstellt, spirituelle Motive werden nicht ernst genommen. Der Tatbestand der Zwangskonversion ist in den Anti-Konversionsgesetzen in verschiedenen Bundesstaaten allerdings  nur vage definiert. In der Praxis etwa in Gujarat zeigt sich, dass Bekehrungen grundsätzlich als illegal betrachtet und zur Anzeige gebracht werden können. Heilsversprechungen in Zusammenhang mit einem Wechsel der Religionszugehörigkeit können beispielsweise als Ausübung moralischen Drucks und somit als Verstoß gegen das Gesetz ausgelegt werden. Pastoren, die Taufunterricht anbieten und Konvertiten taufen, müssen in einigen Bundesstaaten damit rechnen, sich vor Polizei und Justiz rechtfertigen zu müssen.

Den Minderheiten weht also der Wind ins Gesicht. Der neue Premierminister Narendra Modi – selbst früher langjähriger „Pracharak“ (Missionar) des RSS – hält sich persönlich zurück, doch er tritt der Rhetorik der Radikalen auch nicht entgegen. Immerhin hat er bei einer Rede zur Feier der Erhebung von Kuriakose Elias Chavara und Mutter Euphrasia in den katholischen Katalog der Heiligen am 17. Februar in Delhi die anhaltenden Angriffe auf Kirchengebäude in Indien verurteilt. Modi bekannte sich in der programmatischen Rede sogar zum Recht auf Religionswechsel, solange Zwang oder Schwindel ausgeschlossen seien, und kam einer grundsätzlichen Verurteilung von religiöser Gewalt sehr nahe; das hatte er bis dahin vermieden. Viele seiner Wähler – und sicherlich teilweise auch er selbst – neigen dazu, der hindu-nationalistischen Gewalt den Status einer Verteidigungshandlung zuzubilligen.

„Jede Religion enthält Wahrheit“, verkündete Modi unter Bezug auf einen weit verbreiten indischen Konsens bei der Gelegenheit. Die Portion kultureller Nationalismus, die in diesem Rückgriff auf die Theologie der Toleranz steckt, entspricht der gelebten Religiosität vieler Menschen in Indien. Trotz der Repression gegen Minderheiten, trotz des Kastensystems und trotz zahlreicher Streitigkeiten im Hinduismus ist das Zusammenleben der unterschiedlichsten Religionen und die traditionelle Multikulturalität Indiens in der Tat immer wieder beeindruckend. Und so lange die Chetas und Maharats in Rajasthan sowohl dem Tempel als auch der Moschee treu bleiben, besteht Grund zur Hoffnung.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2015: Indien: Großmacht im Wartestand

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