„Eine Folge der Divestment-Welle“

In einem offenen Brief haben sich sechs große europäische Öl- und Gaskonzerne für einen weltweiten Preis für das klimaschädliche Kohlendioxid ausgesprochen. Der Klima-Experte Oldag Caspar von Germanwatch erklärt, was BP, Shell, Total und Co. damit bezwecken und wie sich mit der Forderung Politik machen lässt.

Die Ölkonzerne haben eine CO2-Abgabe bislang vehement abgelehnt, warum nun der Sinneswandel?

Die Unternehmen spüren den öffentlichen Druck. Das ist sicher auch eine Folge der Divestment-Welle, die immer mehr Investoren dazu bringt, ihre Kapitalanlagen in Kohlekraft und Öl zurückzuziehen. Auch der norwegische Pensionsfonds wurde vor kurzem dazu verpflichtet. Ich vermute, da wachsen intern die Nervosität und die Angst, den Umbau der Energieversorgung zu verschlafen.

Mindestens 40 Euro soll der Ausstoß einer Tonne CO2 kosten, fordern die Unternehmen. Was würde ihnen das bringen?

Damit würde Energie aus Kohle so teuer werden, dass sich Investitionen in emissionsärmere Energieträger lohnen. Den Konzernen geht es dabei vor allem um den Ausbau ihres Gasgeschäfts. Gas kann aber unserer Meinung nach nur eine Brückentechnologie sein. Insgesamt wird im Energiemarkt derzeit viel zu wenig investiert, weil keiner genau weiß, wie es weitergeht und wie schnell die Emissionen reduziert werden sollen. Ein funktionierendes Preissystem wäre ein deutliches Zeichen und würde mehr Investitionssicherheit garantieren. Die Umweltverbände argumentieren schon lange so, jetzt scheinen das selbst die Öl- und Gasunternehmen erkannt zu haben.

Also ein ernst gemeinter Vorschlag?

Ja, das ist schon ein sehr deutliches Bekenntnis. Auch wenn es nicht heißt, dass alle Unternehmen jetzt voll auf grüne Energie setzen. Da gibt es deutliche Unterschiede. Interessant ist, dass die Initiative nur von europäischen Firmen ausgeht. Die US-amerikanischen Ölmultis Exxon-Mobil und Chevron-Texaco hoffen weiter darauf, den grünen Umbau der Weltwirtschaft mit ihrem Einfluss auf die Politik ausbremsen zu können.

Aber auch europäische Firmen wie Shell investieren weiter in die Ölförderung, etwa in der arktischen See. Wie passt das zusammen?

Das passt natürlich gar nicht, da gibt es noch viele Widersprüche. Es ist jetzt Sache der Regierungen, die Rahmenbedingungen so zu setzen, damit ein Großteil der Vorkommen von Kohle, Öl und Gas im Boden bleibt. Spürbare CO2-Abgaben wären dafür der richtige Anfang.

Wie realistisch ist denn ein globaler Preis für CO2?

Den wird es so schnell nicht geben. Aber es wäre möglich, nach und nach verschiedene regionale Ansätze zu verknüpfen. Außerhalb der Europäischen Union wachsen die Emissionshandelssysteme gerade wie Pilze aus dem Boden, etwa in Kasachstan oder China, selbst Russland denkt darüber nach. Das bemerkenswerte ist, dass die Firmen eine Abgabe wollen, die über den Emissionshandel hinausgehen könnte. Also etwa eine CO2-Steuer oder einen Klimabeitrag, wie er derzeit in Deutschland diskutiert wird.

Was bedeutet der Vorstoß für die Reform des europäischen Emissionshandels?

Wichtig wird da vor allem das kommende Jahr. Dann wird verhandelt, wie es ab 2021 mit dem Emissionshandel in der EU weiter geht. Der Brief zeigt zu einem entscheidenden Zeitpunkt, dass immer mehr energieintensive Branchen ihre Ablehnung gegenüber höheren Preisen für CO2 überdenken. Wir werden uns dafür einsetzen, dass diese Signal auch in Brüssel und Berlin ankommt.

Oldag Caspar ist Experte für EU-Klimapolitik bei der Lobby-Organisation Germanwatch.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher

 

Kommentare

Was uns nicht betrifft, lässt sich mit Leichtigkeit fordern. Deutschland ist nach älteren Zahlen mit 0,2 Prozent am weltweiten CO2-Ausstoß beteiligt. China allein (drei Milliarden Tonnen) verbraucht jährlich doppelt so viel Steinkohle wie die drei nächsten Produzenten USA, Indien und Australien zusammen. Solche Diskussionsbeiträge sind so interessant wie ein Sack Reis, der in China umfällt. Es gefällt den europäischen Energieriesen eben, sich ab und zu ein modisches grünes Mäntelchen umzuhängen.

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