Ölindustrie

Verseuchtes Abwasser und Bohrschlamm lässt das Erdöl-Unternehmen, an dem Malaysia, China und der Sudan beteiligt sind, in der Provinz Upper Nile zurück.

Ölindustrie

Chinas schmutzige Geschäfte

Seit gut zwanzig Jahren bohren chinesische Unternehmen im Sudan und im Südsudan nach Öl – bisher ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Doch langsam beginnen die Konzernlenker umzudenken.

Von 1983 bis 2005 wütete im Sudan einer der längsten und schlimmsten Bürgerkriege. Er kostete mehr als zwei Millionen Menschen das Leben und hatte die Teilung des Landes zur Folge. Im Jahr 2011 wurde der Südsudan unabhängig, doch Ende 2013 brach dort ein neuer Bürgerkrieg aus. Inzwischen gibt es wieder Tausende von Toten und mehr als eine Million Flüchtlinge. Dass das Erdöl, die einzige Einkommensquelle des Südsudan, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes antreiben würde, hat sich schnell als Illusion erwiesen.

Die Chinesen sind Südsudans wichtigste Handelspartner und Investoren. Doch nun müssen sie erkennen, wie riskant es ist, in den instabilsten Ländern Afrikas Kapital anzulegen. Die Ölfelder im Südsudan gehörten früher zu den gewinnträchtigsten Abbaugebieten des staatlichen Ölkonzerns CNPC (China National Petroleum Corporation). Doch als der Bürgerkrieg ausbrach, mussten hunderte chinesische Arbeiter und Techniker evakuiert werden.

Zum Schutz ihrer Landsleute und ihrer Investitionen reisten chinesische Diplomaten an, um sich an den Friedensverhandlungen zwischen der von Salva Kiir Mayardit geführten Regierung und der Rebellenarmee des ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar zu beteiligen. Doch Frieden ist nicht in Sicht, die Kämpfe dauern an und die chinesischen Investitionen sind weiterhin in Gefahr.

An der Spitze der internationalen Ölproduktion

CNPC ist einer der größten staatlichen Ölkonzerne in China. Die als Sinopec bekannte China National Petrochemical Corporation ist die wichtigste chinesische Raffinerie, und die etwas kleinere China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) ist Chinas bedeutendster Konzern zur Ausbeutung von Ölvorkommen auf See. Seit sie sich der Marktwirtschaft geöffnet haben, sind diese drei Konzerne in die Spitze der internationalen Ölproduktion aufgestiegen. Im Jahr 2014 stand Sinopec auf der Liste der 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt an dritter und CNPC an vierter Stelle. Ihre Gesamteinnahmen übertreffen die vieler westlicher Konkurrenten wie ExxonMobil. Alle drei Unternehmen treffen ihre Entscheidungen weitgehend unabhängig von staatlicher Bevormundung.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die chinesischen Konzerne mit ihren Auslandsinvestitionen auf internationaler Ebene gewaltige Erfolge erzielt. Anfang der 1990er Jahre war die Produktion auf den Ölfeldern in China zurückgegangen und die Konzerne hatten mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Hohe Wachstumsraten konnten nur noch im Ausland erzielt werden, und bevor die meisten anderen chinesischen Unternehmen sich mit dieser Idee vertraut machten, begann CNPC sich nach möglichen Auslandsinvestitionen umzutun.

Es gab allerdings kaum Orte, an denen sie problemlos investieren konnten. Im Mittleren Osten und in Russland beherrschten einheimische Ölgesellschaften die Märkte, und im Rest der Welt waren die großen amerikanischen und europäischen Unternehmen schon seit hundert Jahren im Geschäft. Um international Fuß zu fassen und um den heimischen Ölbedarf zu decken, war CNPC auf Länder wie den Sudan angewiesen, die wegen ihrer instabilen Lage von der westlichen Konkurrenz gemieden wurden.

Bis 2010 spielte CNPC in der aufblühenden Erdölindustrie des Sudan eine führende Rolle. Ein Bravourstück des Unternehmens war der Bau einer 1600 Kilometer langen Pipeline vom Süden des Landes nach Port Sudan an der Küste des Roten Meers. Beim Bau dieser Rohrleitung trotzten die chinesischen Arbeiter der extremen Hitze und der Gefahr, an Malaria oder Denguefieber zu erkranken. Um sie herum tobte der Bürgerkrieg zwischen der sudanesischen Regierung und den Rebellen der Sudan People’s Liberation Army (SPLA), die jetzt den Südsudan beherrschen. Dem körperlichen Einsatz von 6000 chinesischen Arbeitern und der Einfuhr von 200.000 Tonnen Stahl aus chinesischen Fabriken war es zu verdanken, dass die Pipeline bereits nach elf Monaten fertiggestellt werden konnte.

Diese Meisterleistung wurde in China als ein Wunder gerühmt, und der Sudan war nunmehr das Kronjuwel im internationalen Portfolio der CNPC. Fast zehn Jahre lang lieferte er ein Drittel des von CNPC im Ausland gewonnen Erdöls. Der Sudan war das erste Land, in dem sich ein chinesisches Unternehmen international engagierte; Tausende chinesischer Ölfachleute sammelten hier wichtige Erfahrungen für Investitionen in anderen Ländern.

Die Chinesen waren zufrieden, doch im Süden des Sudan stürzte die Ölindustrie viele Menschen ins Elend. Die sudanesische Armee und die regierungstreuen Milizen konzentrierten ihre Angriffe vor allem auf die Gebiete mit reichen Ölvorkommen. Viele Zivilisten kamen ums Leben oder wurden vertrieben, um chinesischen und anderen internationalen Unternehmen Platz zu machen.

Doch schließlich wurde auch Chinas Ölkonzern von der Gewalt eingeholt. Nach einem profitablen Jahrzehnt im Sudan entwickelte sich die politische Instabilität zu einer ernsthaften Bedrohung. Als im Jahr 2008 fünf CNPC-Beschäftigte an der Grenze zum heutigen Südsudan ermordet wurden, schrillten bei der Unternehmensführung die Alarmglocken. Zwar hatten die chinesischen Ölkonzerne im Ausland schon schlimmere Übergriffe erlebt. Doch es war ein besonders schwerer Schock, dass sich dieser Vorfall im Sudan ereignet hatte – dem Land, in das CNPC am meisten investiert und das deshalb eine besondere symbolische Bedeutung hatte. Nun musste der Konzern sich endlich seiner unternehmerischen Verantwortung stellen.

Das Außenministerium, das Handelsministerium und andere chinesischen Behörden sowie die mächtigen staatseigenen Banken gaben Richtlinien für sozial verträgliche Auslandsinvestitionen heraus. Während gegen chinesische Unternehmen wie CNPC im Ausland immer wieder schwere Vorwürfe erhoben werden, engagieren sie sich innerhalb Chinas schon lange im Sinne sozialer Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR). Die Millionen Beschäftigten der Ölkonzerne erhalten medizinische Leistungen, Bildungsmöglichkeiten und Vergünstigungen für den Ruhestand.

Richtlinien für Auslandsinvestitionen

Im Sudan hingegen wurden die Konzerne ihrer sozialen Verantwortung kaum gerecht; ihr Engagement steht in keinem Verhältnis zu den schädlichen Auswirkungen der Erdölproduktion. Chinesische Manager verweisen gern darauf, dass sie Schulen, Krankenhäuser und Brunnen gebaut haben. Doch sie ignorieren, wie die Ölförderung die Umwelt zerstört, von der das Überleben der einheimischen Bevölkerung abhängt. Die Freisetzung von verseuchtem Abwasser und von Bohrschlamm sowie anderen Industrieabfällen verursacht schwere Umweltschäden, die den Menschen und ihren Viehherden Krankheit und Tod bringen.

Da weder die sudanesische noch die südsudanesische Regierung die Ölgesellschaften wirksam kontrolliert haben, konnten diese tun und lassen, was sie wollten. Die chinesischen Manager sparen bei den Sicherheitsvorkehrungen und beim Umweltschutz und machen in Afrika die gleichen Fehler wie zuvor in China. Doch in ihrem eigenen Interesse wollen sie Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung vermeiden, denn oft sind die Folgen Arbeitsniederlegungen, Gewinneinbußen oder gar gewalttätige Angriffe auf Mitarbeiter und Produktionsanlagen. Nach und nach erkennen die Unternehmensleitungen die Zweckmäßigkeit von Corporate Social Responsibility.

Chinesische und sudanesische Arbeiter bohren im Oktober 2010 im Süden des Sudan nach Öl. Tong Jiang/imagechina/laif
Indem CNPC im Sudan und im Südsudan zunehmend sozial verantwortlich handelt, kann das Unternehmen auch seinem Imageverlust auf den westlichen Märkten entgegenwirken. Wegen ihrer unsozialen und umweltschädigenden Aktivitäten im Sudan versuchen amerikanische Protestgruppen seit Jahren zu verhindern, dass chinesische Konzerne im boomenden Energiesektor der USA Fuß fassen. Seit rund zehn Jahren fordern sie, CNPC und andere asiatische Ölgesellschaften zu boykottieren, mit der Begründung, sie seien an der Finanzierung von Menschenrechtsverletzungen durch die sudanesische Regierung im Bürgerkrieg in Darfur beteiligt.

Zwar arbeiten die chinesischen Ölkonzerne inzwischen auch in den USA und in Kanada, doch nicht zuletzt ihr fragwürdiges Erbe verhindert größere Investitionen. Die CNPC stößt aufgrund ihres schlechten Rufes auf Schwierigkeiten, wenn sie in den USA und anderen westlichen Ländern Kapital anlegen will; die problematische Rolle des Konzerns im Sudan steht seinen Plänen im Wege, weltweit tätig zu werden.

Um den lokalen Protesten und dem internationalen Druck entgegenzuwirken, bemüht sich CNPC seit einigen Jahren um bessere Beziehungen zur Bevölkerung des Südsudan, wo sich drei Viertel der Ölreserven des ehemaligen Sudan befinden. 2012 beteiligte sich der Konzern in der südsudanesischen Hauptstadt Juba an einem Seminar über Corporate Social Responsibility und Konfliktprävention, das von der britischen Hilfsorganisation Saferworld ausgerichtet wurde.

CNCP steht auch im Dialog mit Vertretern der südsudanesischen Zivilgesellschaft und lokaler Gemeinden, um herauszufinden, in welche sozialen Projekte der Konzern investieren sollte. Und er bemüht sich, etwas gegen die gravierenden Umweltschäden in den Fördergebieten zu unternehmen. Schon bevor Ende 2013 der neue Bürgerkrieg im Südsudan ausbrach, einigte er sich mit einer Gemeinde darauf, eine Abfalldeponie in größerer Entfernung von der Siedlung anzulegen. Zwar sind solche Zugeständnisse nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zu langfristigen Verbesserungen, doch in der Vergangenheit war der Konzern selbst dazu nicht bereit. Jetzt zeigt er sich immerhin offen für Gespräche.
 
Die Chinesen hoffen auf bessere Chancen auf dem Weltmarkt, wenn sie ihr unternehmerisches Handeln sozialverträglicher gestalten. Zwar ist ihnen die westliche Konkurrenz auf diesem Gebiet noch weit voraus, doch sie holen rasch auf. Schließlich sind die Amerikaner und die Europäer in dieser Hinsicht ebenfalls keine Musterknaben: Auch westliche Konzerne verhalten sich bei der Ölförderung in Afrika in sozialer und ökologischer Hinsicht keineswegs vorbildlich. So hat Shell katastrophale Umweltschäden in Nigeria zu verantworten. Und im kleinen Äquatorialguinea beuten amerikanische Erdölkonzerne seit Jahren die reichen Ölquellen aus, während die Bevölkerung unter extremer Armut leidet und die Regierung ihre Menschenrechte mit Füßen tritt.

Freiwilliges Engagement für mehr Unternehmensverantwortung allein wird bei den chinesischen Unternehmen ebenso wenig wie bei den Ölkonzernen aus dem Westen zu großen Veränderungen führen. Ob ein Land vom Erdölgeschäft profitiert oder nicht und ob schädliche soziale und ökologische Folgen ausbleiben, hängt vor allem davon ab, ob die Regierung die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften durchsetzt. So hört man in Kanada oder in Australien selten von Verstößen chinesischer Konzerne gegen den Umweltschutz oder die Interessen der Bevölkerung, denn dort müssen sie sich an die Regeln halten.

Autor

Luke Patey

arbeitet am Danish Institute for International Studies und am Oxford Institute for Energy Studies. 2014 ist sein Buch „The New Kings of Crude: China, India, and the Global Struggle for Oil in Sudan and South Sudan” erschienen.
Doch da China sich zunehmend um die Einhaltung internationaler Normen für soziale Unternehmensverantwortung bemüht, muss jetzt auch die gebetsmühlenartig vorgetragene Kritik westlicher Kommentatoren an der Arbeit chinesischer Erdölkonzerne in Afrika hinterfragt werden. Ein Fokus ausschließlich auf die Schäden liefert ein falsches Bild, nötig ist ein differenzierterer Blick als bisher. Die internationalen Protestgruppen müssen akzeptieren, dass die chinesischen Ölgesellschaften Teil einer weltweiten Branche sind, die ihrer gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung insgesamt zu wenig nachkommt.

Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten sollten sich am Beispiel von Saferworld und ähnlichen Initiativen orientieren und die chinesischen Erdölkonzerne in Afrika stärker in die Pflicht nehmen. Dabei darf man sich nicht auf Gespräche beschränken, sondern muss darauf bestehen, dass den Worten Taten folgen und sich in der Praxis tatsächlich etwas ändert. Es gibt noch viel zu tun, aber es zeichnet sich ab, dass sich die chinesischen Erdölkonzerne im Sudan und im Südsudan in die richtige Richtung bewegen. Wo früher Stillschweigen herrschte, hat nun ein Dialog begonnen.

Aus dem Englischen von Anna Latz.

erschienen in Ausgabe 7 / 2015: Den Frieden fördern, nicht den Krieg

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