Herausgeberkolumne

Claudia Warning ist Vorstandsmitglied von Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst, einem der Herausgeberwerke von "welt-sichten".

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Indien setzt darauf, ebenso China und Äthiopien: Gut ausgebildete Akademiker und Akademikerinnen sind wichtig für die Entwicklung eines Landes. Das wird in der internationalen Zusammenarbeit bis heute unterschätzt. Mehr Engagement ist nötig – schon deshalb, um auch ärmeren Menschen den Gang zur Universität zu ermöglichen.

Grundschulbildung für alle Kinder stand  im Jahr 2000 ganz oben auf der Liste der Millenniumsentwicklungsziele. Seitdem ist die Einschulungsrate weltweit auf 90 Prozent gestiegen. Ein schöner Erfolg, der aber nicht dazu führen darf, in den Anstrengungen nachzulassen. Denn immer noch wird eins von zehn Kindern nicht erreicht. Und Primarschulbildung ist längst nicht alles. Der Fokus darauf hat vielerorts  dazu geführt, dass der Ausbau der tertiären Bildung vernachlässigt wurde. Gute Hochschulen sind selten in vielen Ländern des Südens, insbesondere in Afrika. Und oft werden für das Studium so hohe Gebühren verlangt, dass vielen Armen der Zugang  verwehrt wird.

Eines aber hat sich in den vergangenen 15 Jahren herausgestellt: Eine qualitativ hochwertige und für die Bevölkerung zugängliche Hochschulausbildung ist  eine wichtige Voraussetzung für Entwicklung aus eigener Kraft.  Nur wenige Länder des Südens haben frühzeitig darauf gesetzt. Indien ist eines davon und ein gutes Beispiel dafür, dass sich das auszahlt. Hoch qualifizierte Männer und Frauen stehen dort für Wachstumssektoren wie IT und die Pharmaindustrie sowie für andere Branchen zur Verfügung. Intellektuelle aus allen Wissensbereichen treiben die Entwicklung des Landes voran. Auch die ausdifferenzierte Zivilgesellschaft schöpft  aus diesem Pool – dies ist ein Grund für ihre Pluralität und Reife.

Indiens Nachbar China hat ebenfalls schon länger den Wert guter Hochschulbildung erkannt und investiert darin. Auch die äthiopische Regierung baut derzeit ihr Hochschulnetz stark aus – unter anderem mit deutschem Know-how. In Bolivien sieht die Situation dagegen ganz anders aus. Gut ausgebildete Fachkräfte sind Mangelware, und selbst die staatlichen Aufgaben können trotz verfügbarer Budgets nicht immer sachgerecht ausgeführt werden. In einigen Ländern Afrikas haben Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft eine lange Tradition. Mangels staatlicher Angebote haben sie zum Teil eine Grundversorgung aufgebaut. Über klassische Fächer wie Medizin oder Theologie hinaus erweitern sie nach und nach ihr Lehrangebot. Die Nachfrage nach diesen Studienplätzen ist hoch, doch die Qualität wird noch längere Zeit kaum mit der des Nordens mithalten.

Süd-Perspektiven gehen unter

Dort, wo Universitäten aufgebaut werden, fehlt es oft an Ausstattung, etwa an Bibliotheken, Internetanbindung, Räumen und Forschungsmaterial. Schlimmer noch sind der Mangel an qualifizierten Lehrkräften und an Vernetzung sowie die geringe Teilnahme am weltweiten Wissensaustausch.  Forschung und Publikationen aus dem Süden spielen nur eine untergeordnete Rolle in der internationalen akademischen Debatte. Süd-Perspektiven kommen nicht angemessen zur Geltung.

Immer mehr deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen haben das erkannt und bauen Partnerschaften mit ausländischen Hochschulen auf. Manch ein afrikanischer Student findet so mithilfe eines Stipendiums seinen Weg in deutsche Hörsäle. Reisen in umgekehrter Richtung sind allerdings selten. Studienaufenthalte in Ländern des Südens sind unüblich und haben ein eher exotisches Image. Dabei könnten europäische Universitäten und Studierende einen Beitrag zum Ausbau des Hochschulwesens im Süden leisten. Der Austausch von Lehrpersonal und Studierenden, gemeinsame Lehre, Forschung oder Curricula-Entwicklung sind nur einige der zahlreichen Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Ein gravierendes Problem bleibt: Zu viele Universitäten müssen ihren Betrieb zu großen Teilen aus Studiengebühren bestreiten. Damit werden wirtschaftlich schwache Talente gänzlich ausgeschlossen oder ihre Ausbildung belastet stark ihre Familien. So bleibt tertiäre Bildung zu häufig ein Vorrecht der Eliten, die ihre Kinder zudem oft zum Studium ins Ausland schicken.

Bildung ist Aufgabe des Staates. Ja, das ist richtig, aber die internationale Zusammenarbeit kann die Regierungen des Südens dabei unterstützen, Qualität und Quantität der Ausbildung zu steigern. Der Fokus auf die Primarschulbildung ist notwendig und berechtigt. Dennoch muss die Entwicklungszusammenarbeit die tertiäre Bildung verstärkt in den Blick nehmen. Es gibt viele mögliche Ansatzpunkte und Kooperationspartner. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

erschienen in Ausgabe 8 / 2015: Demokratie: Die bessere Wahl

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