Nothilfe in Nepal

Lokale Aktivisten diskutieren mit einem Regierungsvertreter über die Verteilung der Hilfsgüter.

Nothilfe in Nepal

„Die lokalen Helfer sind frustriert“

Nach dem Erdbeben in Nepal war die weltweite Hilfsbereitschaft groß. Doch Geld und guter Wille allein reichen nicht. Bernd Eichner von Medico International erklärt, warum manche Initiativen mehr schaden als nutzen – und warum die Bedürfnisse der Menschen vor Ort häufig ignoriert werden.

Herr Eichner, Sie waren in Nepal und haben den Ablauf des internationalen Hilfseinsatzes kritisiert. Was ist schief gelaufen?
Zunächst: Eine ganze Menge ist gut gelaufen. Das zeigt sich vor allem daran, dass in Nepal auf die erste Katastrophe keine zweite gefolgt ist, dass also beispielsweise keine Hungersnot ausgebrochen ist. Das größte Problem liegt im standardisierten Vorgehen vieler großer Organisationen. Einer Hungersnot in Ostafrika wird mit ähnlichen Mustern begegnet wie einem Beben in Südasien. Das führt oft dazu, dass die Bemühungen der Hilfsorganisationen den lokalen Bedarf nicht widerspiegeln. Manchmal werden zudem die einheimischen Strukturen der Selbsthilfe überrollt.

Wie bei anderen Katastrophen gab es auch in Nepal neben der professionellen Hilfe viele private Initiativen aus dem Ausland. Wie beurteilen Sie die?
Die schaden oft mehr als sie helfen. Ein Beispiel sind die obligatorischen Altkleider-Lieferungen, die auch jetzt wieder in Nepal auftauchen. Erstens ist es nicht so, dass Leute nach einem Erdbeben keine Kleider mehr am Leib hätten, und zweitens legen sie keinen Wert darauf, abgetragene westliche Klamotten  aufzutragen. Hier herrschen einfach falsche Vorstellungen darüber, was die Menschen vor Ort brauchen. Das liegt auch daran, dass die gutgemeinten Initiativen auf die Bilder hereinfallen, die der professionelle Hilfsapparat produziert. Die Arbeit großer Organisationen ist von Spenden abhängig, und die steigen mit dem Ausmaß der Zerstörung. Die Menschen vor Ort werden deshalb oft als hilflose Opfer dargestellt.

Das konnte man so auch schon nach dem Erdbeben in Haiti beobachten. Warum fällt es den Hilfsorganisationen so schwer, aus ihren Fehlern zu lernen?
Man kann nicht pauschal sagen, dass die Hilfsorganisationen nicht aus ihren Erfahrungen lernen. Gerade die Arbeit in Haiti wurde durchaus kritisch reflektiert. Es gibt aber auch einige Helfer, die sich sehr gut in der Rolle des anpackenden Machers gefallen. Hinzu kommt, dass der internationale Hilfsapparat sich in Teilen verselbstständigt hat. Viele reisen von Katastrophe zu Katastrophe und halten aufgrund dieser Erfahrung ihr Wissen für wichtiger als das der lokalen Bevölkerung. Am Ende werden die lokalen Kräfte dann an den Rand gedrängt, weil die vermeintlichen Experten denken, dass die nichts beizutragen hätten.

Bernd Eichner ist Pressereferent der Hilfsorganisation Medico International.

Was sagen Ihre nepalesischen Partnerorganisationen dazu?
Die sind teilweise richtig frustriert. Sie sehen zwar die Notwendigkeit, sich mit den internationalen Organisationen zu koordinieren, beschweren sich aber, dass ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Vor allem haben sie das Gefühl, zu Opfern gemacht zu werden. Ein Beispiel: Als wir mit unseren Partnern im ländlichen Gebiet rund um das Epizentrum des Bebens unterwegs waren, wurden wir von einer aufgebrachten Dorfgemeinschaft empfangen. Die Leute beschwerten sich über die Haltung der internationalen Helfer. Als diese eine Woche nach dem Erdbeben im Dorf angekommen waren, wunderten sie sich darüber, dass die Dorfgemeinschaft die Verletzten bereits versorgt oder in das nächste Krankenhaus gebracht hatte. Die ausländischen Helfer dachten also, dass das Dorf die Verletzten ihrem Schicksaal überlässt, um sich dann von außen retten zu lassen. Diese Einstellung der ausländischen Helfer fanden viele sehr verstörend.  

Wie kann man es besser machen?
Wir glauben, dass die Projekte von den Leuten vor Ort entworfen und umgesetzt werden müssen. Nur wer selbst Teil der Gesellschaft ist, hat Einblick in die Strukturen und Machtverhältnisse und kennt die Ursachen der Probleme. Das heißt aber nicht, dass wir auf Hilfe von außen verzichten sollten. Eine plötzliche Katastrophe unterscheidet sich von einer länger anhaltenden Krise dadurch, dass die lokalen Kapazitäten zur Selbsthilfe überfordert sind. Gute Nothilfe muss diese Kapazitäten stärken und nicht durch einen von außen eingeführten Apparat ersetzen.

Am vergangenen Donnerstag hat die internationale Gemeinschaft auf einer Geberkonferenz in Katmandu Hilfe für den Wiederaufbau zugesagt. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?
Die Konferenz hat grundsätzlich ein positives Signal ausgesendet, dass die internationale Gemeinschaft den Wiederaufbau unterstützt. Die Probleme zeigen sich aber im Detail und oft erst im Nachhinein. Unsere Partnerorganisationen fordern, dass die drei Milliarden US-Dollar gestrichen werden, die Nepal der asiatischen Entwicklungsbank, dem Internationalen Währungsfonds IWF und der Weltbank schuldet. Das ist leider nicht passiert, stattdessen handelt es sich bei den vier Milliarden US-Dollar die jetzt vor allem von den Nachbarländern Indien und China sowie der Europäischen Union und multilateralen Finanzinstitutionen bereitgestellt werden, größtenteils um neue Kredite. Das birgt die Gefahr, dass Nepal noch abhängiger vom Ausland wird. Die Hilfe der Staatengemeinschaft erfolgt in den seltensten Fällen aus purer Nächstenliebe. Vor allem die Hilfsbereitschaft von China und Indien ist auch Ausdruck des politischen Konkurrenzkampfes um geostrategischen Einfluss. Wir wissen nicht, an welche Bedingungen die Kredite geknüpft sind, und werden erst im Laufe des nächsten Jahres sehen, ob mit dem Geld das Bildungs- und Gesundheitswesen aufgebaut wird oder hauptsächlich neue Staudämme, die Strom nach Indien liefern.

Das Gespräch führte Moritz Elliesen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2015: Demokratie: Die bessere Wahl

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