Psychologen in Nepal

Nach dem Erdbeben im April 2015 betrauern Frauen in Bhaktapur den Tod eines Familienmitglieds. Rituale helfen Leid zu bewältigen.

Psychologen in Nepal

Die Zeit heilt die Wunden besser

Die Erdbebenopfer in Nepal brauchen keine westlichen Psychologen, um ihre Trauer und ihr Leid zu bewältigen.

Das Erdbeben in Nepal hat ein Welle der Empathie und Hilfsbereitschaft hervorgerufen: Spendenaufrufe wurden gestartet, Hilfsgüter verteilt und Pläne für den langfristigen Wiederaufbau geschmiedet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der Opfer humanitärer Krisen psychische Schäden davontragen. Und so wurde auch jetzt wieder, inmitten all des Trubels, der Ruf nach psychologischer Unterstützung für die betroffenen Gemeinschaften laut.

Nach einer Katastrophe befindet sich zunächst jeder in einer Ausnahmesituation: Stress-Symptome sind eine normale Reaktion auf außergewöhnliche Ereignisse. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jeder auch professionelle psychologische Hilfe benötigt. Die Forschung zeigt, dass Psychologen mit ihrer Gesprächstherapie im Gepäck nach Naturkatastrophen wenig ausrichten können. Überlebende müssen den natürlichen Trauerprozess durchlaufen. Die große Mehrheit wird weder eine posttraumatische Belastungsstörung noch eine andere psychische Erkrankung entwickeln. Zeit und soziale Unterstützung heilen die seelischen Wunden.

Nach dem Erdbeben 2008 war ich in der chinesischen Provinz Sichuan. Eine einheimische Kollegin erzählte mir, dass die Überlebenden sich verächtlich über die psychosozialen Programme aus dem Westen äußerten. Was die Bevölkerung nach dem Erdbeben am meisten fürchte, seien „Diebstahl, Feuer und Psychologen“.

2010 wurde der Bezirk Yushu in Tibet ebenfalls von einem Erdbeben erschüttert. Ich war ein Jahr zuvor dort und kannte die Region und ihre Bevölkerung ein wenig. Ich rief den örtlichen Vertreter einer Hilfsorganisation an und sagte: „Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, Psychologen zu senden.“ Er entgegnete: „Wir müssen helfen, irgendwas müssen wir tun.“ Eine Therapeutin, die über jahrelange Erfahrung vor Ort verfügte, erhob den Bedarf. Sie fand heraus, dass die buddhistische Yushu-Gemeinschaft keine westlichen Psychologen brauchte. Ihr Bericht wurde ignoriert – die Hilfsorganisation entsandte Berater.

Als 2009 die Erde in den italienischen Abbruzzen bebte, beschloss ich, den Spieß umzudrehen. Ich riet dem Manager einer lokalen Hilfsorganisation, chinesische Berater zu engagieren. Wie nicht anders zu erwarten, lehnte er ab. Aber warum eigentlich? Wenn eine italienische Psychologin nach China reisen kann, um dort Hilfe zu leisten, warum sollte das umgekehrt nicht gehen? Die neokoloniale Mentalität scheint nach wie vor so tief in Teilen des humanitären Hilfesystems verwurzelt zu sein, dass wir unsere Bevormundung gar nicht mehr wahrnehmen: „Wir“ können „ihnen“ helfen. Kommt uns nie in den Sinn, dass „sie“ „uns“ helfen können? Meine Anwesenheit in Sichuan war genauso wenig angemessen, wie es der Einsatz eines chinesischen Psychologen in den Abruzzen gewesen wäre.

Das Land nicht mit Gesprächstherapien überschütten

Was ich damit sagen will, mag sich für wohlmeinende Ohren selbstsüchtig anhören. Ich werde es trotzdem tun: Lasst uns Nepal dieses Mal nicht mit psychosozialen Programmen überfallen. Insbesondere sollten wir uns davor hüten, das Land mit Gesprächstherapien nach westlichem Vorbild zu überschütten, die wir mit Hilfe von Übersetzern führen müssten. Die nepalesische Bevölkerung ist belastbar und wird ihre Trauer und ihre Erfahrungen auf ihre Art verarbeiten. Die Menschen werden auf ihre eigenen Rituale zurückgreifen und auf ihr Verständnis von Tod, (Wieder)geburt und menschlichem Leid.

Sollten westliche Hilfsorganisationen dennoch darauf bestehen, zusätzliche Unterstützung für psychologische Hilfsprogramme zu senden, sollten sie sich zumindest an die Richtlinien des ständigen interinstitutionellen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Koordinierung humanitärer Hilfe (IASC) halten. In deren Mittelpunkt steht der „Do-No-Harm“-Ansatz (Richte keinen Schaden an), der zum Ziel hat, mögliche schädliche Folgen von Hilfsmaßnahmen zu vermeiden. Die Prinzipien der Psychologischen Ersten Hilfe (Psychological First Aid) ermutigen dazu, „Mitmenschen, die eine schwere Krise durchlitten haben, menschenfreundliche, unterstützende und praktische Hilfe zukommen zu lassen“ – in der Regel reicht dazu der gesunde Menschenverstand.

Autorin

Alessandra Pigni

ist Psychologin und forscht an der Universität Oxford. Sie twittert unter @mindfulnext und betreibt einen Blog unter www.mindfulnext.org.

Psychologische Unterstützung muss stets Hand in Hand gehen mit materiellem Wiederaufbau. Man kann den Leuten keinen Seelenfrieden geben, wenn sie kein Zuhause haben. In Nepal sollten wir da sein, wo Hilfe benötigt wird, doch wir sollten es vermeiden, Heilungsprozessen im Weg zu stehen. Wir müssen unser Ego und unser Bedürfnis „da zu sein“ hintanstellen und die Sache anders anpacken. Das Erdbeben ist keine Gelegenheit für einen weiteren Voluntourismus-Einsatz oder dafür, vor persönlichen Problemen zu fliehen. Und dieser Appell richtet sich sowohl an Hobby-Weltverbesserer als auch an professionelle Helfer, deren Anwesenheit nicht zwangsläufig erforderlich ist.

Der beste Weg, keinen Schaden anzurichten, besteht manchmal darin, einfach fernzubleiben. Statt wahllos Trauerberater nach Nepal zu schicken, sollten wir sicherstellen, dass die lokalen und internationalen Helfer die Unterstützung bekommen, die sie nötig haben. Denn sonst werden sie einen Therapeuten brauchen, wenn sie wieder zu Hause sind.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von IRIN, www.irinnews.org
Aus dem Englischen von Moritz Elliesen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2015: Den Frieden fördern, nicht den Krieg

Neuen Kommentar schreiben