Zweierlei Maß

Viele, vor allem religiöse Menschen halten korruptes Verhalten für moralisch verwerflich. Sie sind sich seiner schädlichen Folgen für die Gesellschaft bewusst. Trotzdem beteiligen sie sich selbst daran – weil Korruption in ihrer Wahrnehmung so weit verbreitet ist, dass es für den Einzelnen unlogisch oder gar lächerlich erscheint, sich dagegen zu wehren.

Von Heather Marquette

Bei der Bekämpfung von Korruption wird zunehmend Wert auf die Erforschung der Frage gelegt, warum sich bestimmte Personen korrupt verhalten und was ihre persönlichen Werte und ihre Einstellung zur Korruption prägt. Von besonderem Interesse ist dabei der Zusammenhang zwischen Religion und Korruption. Das rührt unter anderem daher, dass die Prinzipien der Fairness und Redlichkeit zu den Grundlagen vieler Religionen gehören und dass es deshalb sinnvoll erscheint, deren Amtsträger in die Korruptionsbekämpfung einzubeziehen.  

Laut dem amerikanischen Wissenschaftler Douglas Beets stehen hinter dem Bemühen, religiöse Führer und Gruppen für den Kampf gegen die Korruption zu gewinnen, zwei Annahmen. Die erste ist, dass religiöse Menschen gegen Korruption gefeit seien, weil sie mit Diebstahl, Betrug, kriminellem Verhalten und der Ausbeutung anderer einhergeht. Nach der zweiten Vermutung handeln Nichtgläubige eher korrupt, weil ihnen die religiöse Orientierung fehlt.

Dem widerspricht allerdings die Tatsache, dass in vielen Ländern, die nach dem Korruptionsindex von Transparency International am stärksten korrupt sind, auch die Religiosität besonders ausgeprägt ist. Warum also sind auch scheinbar gläubige Menschen offenbar derart anfällig für korrupte Praktiken? Neuere Studien der Universität Göteburg vertreten die Auffassung, dass Korruption als ein Problem des „kollektiven Handelns“ gesehen werden muss. Sie wird als so verbreitet wahrgenommen, dass die meisten Menschen sie zwar moralisch verwerflich und schädlich finden. Dennoch finden sich nur wenige bereit, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Die Untersuchungen unseres Teams von Wissenschaftlern aus England, Indien und Nigeria führen zu einem ähnlichen Ergebnis. Wir haben in Indien und Nigeria Interviews mit mehr als 250 Personen geführt – mit Hindus und Sikhs, Muslimen und Christen, Beamten und Akademikern, Managern und Entwicklungshelfern, Religionsführern und Studenten. Ziel war es, herauszufinden, ob die Religion auf ihre Einstellung und ihr Verhalten bezüglich Korruption einen Einfluss ausübte oder nicht.

Alle Befragten konnten Korruption sehr konkret definieren, und nur sehr wenige waren mit korruptem Verhalten einverstanden. In beiden Ländern war ein ausgeprägtes Gefühl der moralischen Entrüstung zu beobachten. In Indien wurden dabei eher politische und gesellschaftliche Zusammenhänge angesprochen, wobei die Befragten die schädlichen Folgen der Korruption für die Armut, das Wirtschaftswachstum, das Vertrauen in die Regierung und in die Gesellschaft im Allgemeinen betonten. In Nigeria dagegen wurde die Korruption eher als ein Ausdruck mangelnder Gottesfurcht gesehen, und es wurden direkte Zusammenhänge zwischen Religion und Korruption hergestellt.

Doch fast alle Befragten in beiden Ländern waren der Meinung, die Korruption sei im System so tief verwurzelt, dass das Verhalten Einzelner daran nichts ändern könne. Angesichts des Kollektivverhaltens stehen die einzelnen Bürger vor dem Problem, dass es unlogisch oder gar lächerlich erscheint, sich an korrupten Praktiken nicht zu beteiligen. Für viele Befragte war Korruption zudem das, was andere, unmoralische Menschen taten, während sie selbst sich im Zweifelsfall lediglich mit einer „unvorteilhaften Situation“ arrangieren mussten. Manche meinten, wenn man in einem korrupten System nicht korrupt handele, gerate die eigene Familie ernsthaft ins Hintertreffen.

Bei der Korruption gibt es eine Angebots- und eine Nachfrageseite, und dabei ist es wichtig, auf welcher Seite jemand steht. Weil nur wenige für die Nachfrage verantwortlich sind – die staatlichen Beamten, die sich schmieren lassen oder öffentliche Gelder veruntreuen – fällt es denen, die keine entsprechenden Positionen innehaben, leicht, sie als unmoralisch zu verdammen und zu behaupten, sie hielten sich nicht an die Grundsätze ihrer Religion. Auf der Angebotsseite sind hingegen viel mehr Menschen beteiligt, die etwa Schmiergelder zahlen. Deshalb waren viele Befragte nicht bereit, dieses Verhalten als unmoralisch und unreligiös zu verurteilen.

Das Bewusstsein der allgegenwärtigen Korruption bewirkt einen Vertrauensverlust gegenüber dem Staat und der Gesellschaft. Der Versuch, Religionsführer stärker in die Korruptionsbekämpfung einzubeziehen, kann problematisch sein. Dies trifft etwa auf Nigeria zu, wo zwischen den Religionen eine starke Rivalität herrscht. Es liegt nahe, dass die religiösen Führer versuchen würden, sich gegenüber anderen Gruppen zu profilieren, um ihre Anhänger glauben zu machen, sie würden sich durch ihre Integrität von den korrupten „anderen“ Religionen  und Gemeinschaften unterscheiden. Das könnte zur weiteren Eskalation von Spannungen beitragen.

In Indien, wo eine Religion vorherrscht, ist das weniger ein Problem. In beiden Ländern zeigt sich jedoch, dass die Religionsgemeinschaften nur dann eine positive Rolle in der Korruptionsbekämpfung spielen können, wenn ihr eigenes Auftreten als ethisch einwandfrei wahrgenommen wird. Dazu äußerten sich die Befragten sehr skeptisch, weil es bei den religiösen Organisationen selbst so viele Hinweise auf Korruption gibt.

Die Befragten waren sich weitgehend einig, dass die Religion die Menschen von korrupten Praktiken abhalten und auf ihre Einstellungen und auf ihr Verhalten wirken müsse. Dies sei jedoch Teil der gesamten moralischen Erziehung, die von der Familie geleistet werden und bereits im Kindesalter einsetzen müsse. Eine solche wertorientierte Erziehung müsste sich jedoch gegen andere gesellschaftliche Normen durchsetzen, nach denen in erster Linie der materielle Erfolg zählt; davon waren unsere Gesprächspartner in beiden Ländern überzeugt, besonders die jüngeren.

In ihren Augen trägt das wachsende Konsumstreben die Hauptschuld an der grassierenden Korruption. In Indien wurde dabei vielfach von einer übertriebenen Raffgier gesprochen. Die Befragten meinten, früher habe es als unschicklich gegolten, seinen Reichtum zur Schau zu tragen. Das sei jetzt anders geworden. In beiden Ländern gab es sogar die Auffassung, es sei zunehmend üblich, mit der eigenen Korruptheit zu prahlen, um dadurch erfolgreicher zu erscheinen.

Das Konsumdenken wiederum führten die meisten Befragten auf die Globalisierung und die Liberalisierung zurück. Letztere wird häufig als eine notwendige Komponente der Korruptionsbekämpfung dargestellt, vor allem, wenn es darum geht, die traditionellen Netzwerke der Vetternwirtschaft aufzubrechen. Doch sieht es ganz danach aus, als ob sie zugleich selbst ein Teil des Problems ist.

Als Gegenmittel zum übersteigerten Konsum und der Korruption nannten die meisten Befragten die Rückkehr zum „einfachen Leben“. Dies mache nicht nur den Kern aller Religionen aus, sondern gehöre auch zum Wesen des Menschen. Es gibt in den verschiedenen Religionsgemeinschaften bereits eine Bewegung, die sich mit diesen Themen kritisch auseinandersetzt und die auch den Kampf gegen die weltweite Korruption unterstützen könnte. Wenn allerdings auch die Religionsgemeinschaften bestrebt sind, sich zu bereichern und materiellen Erfolg zu demonstrieren, und wenn die Menschen deshalb beten, weil sie mit Hilfe Gottes reicher und erfolgreicher werden wollen, könnte sich das als schwierig erweisen.

Heather Marquette ist Dozentin am Governance and Social Development Resource Center der Universität Birmingham. Dieser Artikel ist das Ergebnis eines vom britischen Entwicklungsministerium DfID finanzierten Forschungs­programms. Die hier dargestellten Auffassungen decken sich nicht unbedingt mit denen des DfID. Weitere Einzelheiten: www.rad.bham.ac.uk

erschienen in Ausgabe 9 / 2010: Korruption: Geld, Amt und Macht