„Keine Misshandlungen mehr, keine Diskriminierung!”

Frauen und Kinder werden in Ecuador häufig Opfer von häuslicher Gewalt. Neben körperlichen Misshandlungen beklagen Experten eine „Kultur der Beleidigungen“. Die Täter kommen in vielen Fällen aus der eigenen Familie. In Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors, bemühen sich junge Leute wie Jair Briones, das Verhalten der Männer zu ändern und junge Menschen zu stärken. Dabei hilft ihnen auch ihre Musik.

Jair Briones tanzt. Es sieht nach Spaß aus, aber im Grunde ist es Arbeit, Männerarbeit. Der Ecuadorianer bewegt sich mit zwanzig anderen Männern zu schnellen Cumbia-Rhythmen im turnhallenähnlichen Konferenzraum eines Hotels, das 120 Kilometer nördlich von Quito an der Panamericana liegt. Die Männer stehen sich jeweils zu Zweit gegenüber, und was der eine vortanzt, muss der andere imitieren. Alle beginnen zögerlich, steigern sich aber bald. Junge Männer setzen die Luftgitarre an, während ältere ein paar klassische Tanzschritte einstreuen. Der Schweiß fließt. Dass viel gelacht wird, hat auch mit Unsicherheit zu tun. Denn normalerweise tanzen Männer nicht mit anderen Männern.

Autor

Felix Ehring

ist freier Journalist in Frankfurt am Main.

Auch der 23-jährige Briones hat die zehnstündige Busfahrt aus der Küstenmetropole Guayaquil quer durch Ecuador nicht auf sich genommen, um sich zu amüsieren. Er tanzt, weil er an einem Lehrgang zum Thema Männlichkeit teilnimmt. Und das tut er, weil er die ecuadorianischen Männer ändern will, zumindest einige – wenigstens die jungen Männer in seiner Heimatstadt Guayaquil. Dafür holt sich Briones Tipps und lernt Übungen, mit denen das traditionelle Männerbild in Frage gestellt werden soll. Die Übungen macht er später in Guayaquil mit Jugendlichen. Denn dort ist einiges im Argen im Verhältnis zwischen Männern und Frauen, findet Briones. Er braucht nur ein Wort, um die komplexen Probleme zu benennen: „violencia“ – Gewalt.

„Die Männer in Ecuador behandeln ihre Frauen oft schlecht“, erzählt der Journalistik-Student, der mit seiner Größe von fast zwei Metern die meisten Landsleute locker um einen Kopf überragt. „Es geht nicht nur darum, dass Männer ihre Frauen schlagen, obwohl das viel zu oft passiert. Gewalt gegen Frauen, so wie wir das verstehen, bedeutet auch, dass der Mann die Frau ignoriert, dass er ihr kein Haushaltsgeld gibt, obwohl sie die ganze Arbeit im Haus erledigt und die Kinder fast allein erzieht, weil der Mann arbeitet oder sonst wo unterwegs ist.“ Die verschiedenen Formen von „violencia“ gegen Frauen werden in Lateinamerika zu einem guten Teil dem „Machismo“ zugeschrieben, und es ist kein Zufall, dass es auf dem Subkontinent diesen eigenen Begriff gibt, denn Machismo ist dort weit verbreitet – in armen wie in wohlhabenden Gesellschaftsschichten.

Auch Briones hat Gewalt in der Familie erlebt. „Lange Zeit habe ich das gar nicht bemerkt“, sagt er. Seine Eltern sind gestorben, als Briones ein kleiner Junge war. Aufgewachsen ist er bei den Großeltern, wo er bis heute wohnt. „Wenn man in einem Haushalt aufwächst, in dem der Mann ab und zu seine Frau beleidigt und anschreit, dann findet man das normal“, sagt Briones. Aber irgendwann begann er, seinem Großvater die Meinung zu sagen, wenn der seine Frau schlecht behandelte. „Machismo ist ein Kreislauf. Jungs lernen das Verhalten von ihren Vätern, und Mädchen lernen von ihren Müttern, sich damit abzufinden. Und so geht es immer weiter“, befürchtet Briones, dem der Ärger darüber anzusehen ist.

Diesen Ärger setzt Briones seit vier Jahren um, indem er sich gegen „violencia“ und Machismo einsetzt. Er arbeitet bei der Organisation CEPAM, die sich für die Rechte von Frauen, Jugendlichen und Kindern stark macht. CEPAM unterhält ein Jugend- und Gesundheitszentrum im Stadtteil Guasmo im Süden Guayaquils. Dort haben wenige die Chance auf höhere Bildung und gute Jobs. Die Arbeitslosenquote ist hoch, Frust und Alkoholismus führen dazu, dass vor allem Frauen und Mädchen Opfer von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt werden. Schätzungen zufolge trifft es sechs von zehn Frauen im Laufe ihres Lebens. Ein neues Gesetz, das Gewalt gegen Frauen und in der Familie unter Strafe stellt, hat daran noch nicht viel geändert. Immerhin ist endlich justiziabel, was lange Zeit nicht als Verbrechen angesehen wurde. Das Thema Gewalt erhält nun mehr Aufmerksamkeit in Ecuador.

Kaum jemand spricht offen über die Probleme

Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt – nicht selten kommt beides zusammen – erhalten bei CEPAM ärztliche Betreuung. Auch wenn Jugendliche sich über Verhütung informieren wollen oder nur Kondome brauchen, hilft das Gesundheitszentrum. „Man kann zwar in Ecuador überall Kondome kaufen“, erklärt Briones. „Aber oft trauen sich die Jugendlichen das nicht, weil es ihnen peinlich ist. Manche sind auch so knapp bei Kasse, dass sie das Geld lieber sparen.“ Und in Schulen gibt es in der Regel keine Sexualaufklärung. Ecuadors Gesellschaft tut sich schwer mit dem Thema und der Einfluss der katholischen Kirche tut sein übriges. Auch Abtreibungen sind gesetzlich verboten, sogar bei Schwangerschaften infolge sexueller Übergriffe. Wer die nahe gelegene staatliche Gesundheitsstation besucht, trifft auf viele wartende Mütter oder Schwangere, die überwiegend selbst noch nicht erwachsen sind und doch die Schule schon unterbrechen müssen für die Erziehung ihrer Kinder.

Kaum jemand spricht in Ecuador offen über diese Probleme. Briones und seine jungen Kollegen organisieren deshalb Kundgebungen für Verhütung und gegen häusliche Gewalt. Sie gehen in Schulen, um auf das Angebot von CEPAM hinzuweisen, und arbeiten im Jugendzentrum mit Schülern. Briones macht mit ihnen Rollenspiele zur Förderung des Selbstbewusstseins. So sollen die jungen Leute lernen, ungewohnte Situationen besser einzuschätzen und sich gegenüber Fremden zu behaupten. Wer selbstbewusst auftritt, kann sich in einer bedrohlichen Lage besser verteidigen und „Nein“ sagen, hofft man im Jugendzentrum. Manchmal tauschen sich die Schüler auch einfach über alltägliche Probleme aus oder sprechen über Wünsche und Ängste, die bei vielen ähnlich sind. Briones ist dann so etwas wie ein großer Bruder, der zuhört und mit ruhiger Stimme und ebenso ruhigen Gesten moderiert. Die Schüler scheinen ihn zu mögen, es wird viel gelacht.

Briones wiederum lernt sein Rüstzeug bei Schulungen wie dem Lehrgang zur Männlichkeit. Dort haben sie sogar „Die Reise nach Jerusalem“ gespielt – zuerst in der herkömmlichen Version, bei der es zu einigen mittelschweren Stürzen kam. In einer Variation des Spiels mussten die Männer sich dann auf die knappen Stühle verteilen, keiner durfte ausscheiden. Zuletzt teilten sich zwölf Männer mit artistischen Einlagen zwei Stühle. Die Variante des Spiels soll zeigen, dass das Zusammenhalten in der Gruppe und gegenseitige Hilfe ebenso Spaß machen können wie der Ausschluss von einzelnen. Es müssen nur die Regeln des Spiels geändert werden.

Dafür setzt sich Briones ehrenamtlich ein. Er tut das parallel zum Studium, das er im kommenden Jahr abschließen will. Für die Zeit danach hofft er auf eine Stelle als Radiomoderator. Sein kommunikatives Können stellt er nicht nur bei der Arbeit mit den Jugendlichen unter Beweis, sondern auch in der Hip Hop-Gruppe „Los Inimaginables“. „Die Unvorstellbaren“, so die Übersetzung, sind drei Männer und drei Frauen, die auf Spanisch rappen. In einem Text fordern sie: „Keine Misshandlungen mehr, keine Diskriminierung, eine Welt ohne Gewalt – das wollen wir!“ Den großen Durchbruch haben die Unvorstellbaren noch nicht geschafft. Dass die Musik aber bei Konzerten in Guayaquil gut ankommt, ist nicht verwunderlich. Die Reime fließen dahin, der Beat trägt. Es klingt ziemlich professionell, ein bisschen wie US-Rap. Daran nehme sich die Gruppe jedoch kein Beispiel, insistiert Briones und wird ernst: „Rapmusik aus den USA ist uns viel zu sexistisch.“

 

Zusatzinformationen: 

Jair Briones Miranda, 23, arbeitet beim Centro Ecuatoriano para la Promoción y Acción de la Mujer (CEPAM), einer Organisation, die sich für Frauen und Kinder einsetzt und von „Brot für die Welt“ unterstützt wird.

erschienen in Ausgabe 9 / 2010: Korruption: Geld, Amt und Macht