Lehren aus der Ebola-Epidemie
 Der weiße Schutzanzug, Symbol der Ebola-Krise, ist vorest nicht mehr nötig.

UN Photo / Martine Perret

Lehren aus der Ebola-Epidemie

„Die Wachsamkeit ist hoch“

Die WHO erklärt Westafrika für Ebola-frei. Die Leiterin des Deutschen Institutes für Ärztliche Mission (DIFÄM), Gisela Schneider, hat den Kampf gegen die Seuche von Anfang an miterlebt und erklärt, was geschehen muss, damit das Virus nicht wieder zurückkommt.

Frau Schneider, was haben Sie und Ihre Partner aus der Ebola-Epidemie gelernt?
Wir müssen selbstkritisch festhalten, dass viele der kirchlichen Krankhäuser in Sierra Leone und Liberia vernachlässigt waren. Wir und andere Hilfswerke haben in den vergangenen zehn, 15 Jahren viel zu wenig in das Gesundheitssystem investiert. Die Einrichtungen hatten zu wenig qualifiziertes Personal, Ausrüstung und Infrastruktur waren mangelhaft. In Liberia etwa waren vor dem Bürgerkrieg die kirchlichen Krankenhäuser die besseren. Das christliche Gesundheitsnetzwerk CHAL betrieb 40 Prozent aller Gesundheitseinrichtungen, inzwischen sind es nur noch 15 Prozent. Auch die Qualität der Versorgung hat gelitten, weil viele Fachkräfte in andere Länder abgewandert sind.

Das ändert sich jetzt?
Wir müssen dazu beitragen, die örtlichen Gesundheitssysteme zu stärken. Unsere Partner legen wieder mehr Wert auf die Qualität ihrer Gesundheitseinrichtungen. Bei der Generalversammlung von CHAL im November wurde festgestellt, dass die Bevölkerung die Krankenhäuser wieder häufiger aufsucht und deren Arbeit schätzt. Kliniken, die während der Epidemie aufgrund ihrer schlechten Ausstattung geschlossen waren, was vor allem in Sierra Leone der Fall war, tun sich allerdings schwer. Die Menschen in der Umgebung sagen, als wir euch am meisten gebraucht haben, wart ihr nicht da. Hier muss das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewonnen werden. Das ist ein langwieriger Prozess.

Wie werden die Angebote verbessert?
Um Infektionskrankheiten wie Ebola zu erkennen und zu bekämpfen steht die Infektionskontrolle im Vordergrund. Darin wurden im vergangenen Jahr alle Mitarbeitenden aus- und weitergebildet. Jedes kirchliche Krankenhaus hat inzwischen einen Hygienebeauftragten, der sicherstellt, dass die vorbeugenden Maßnahmen angewendet werden. Jeder Verdachtsfall wird sofort getestet, bis das Ergebnis feststeht, werden solche Patienten strikt isoliert. Das hat in den vergangenen Monaten auch sehr gut geklappt.

Wie läuft die Kooperation zwischen kirchlichen und staatlichen Einrichtungen?
In Liberia kann das christliche Gesundheitsnetzwerk CHAL in vielen Gremien mitarbeiten. In Sierra Leone hingegen stuft der Staat die kirchlichen Einrichtungen als „privat“ ein und so fehlt es an der notwendigen Unterstützung. Aber auch hier finden inzwischen Gespräche mit dem Gesundheitsministerium statt. Ziel muss es sein, dass sich auch kirchliche Einrichtungen an der kostenfreien Versorgung von Kindern und Schwangeren beteiligen. Hier müssen die kirchlichen Netzwerke Lobbyarbeit betreiben und bei den Ministerien vorstellig werden.

Was sind die nächsten Schritte für das DIFÄM?
Das DIFÄM bereitet derzeit mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit für jedes der drei Ebola-Länder sogenannte „Open-Space-Konferenzen“ vor. Dort sollen sich Betroffene, Mitarbeitende im Gesundheitswesen sowie Vertreter von Zivilgesellschaft und Staat darüber austauschen, wie die Gesundheitssysteme gestaltet sein müssen, um akzeptiert zu werden und den Erfordernissen vor Ort zu entsprechen. Daraus sollen mittel- und langfristige Projekte entwickelt werden, die die Lage verbessern.

Muss man nicht schnell handeln, um künftigen Infektionen vorzubeugen?
Im Moment ist die Wachsamkeit noch sehr hoch. Die Infektionskontrolle muss unbedingt aufrechterhalten werden. Dafür werden neben den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen auch ehrenamtliche Gesundheitshelfer in den Dörfern eingesetzt. Und die Daten, die gesammelt werden, müssen weitergeleitet und ausgewertet werden. Zugleich muss aber längerfristig in die Gesundheitssysteme investiert werden, weil deren Schwäche die Menschen so verwundbar für Ebola gemacht hat.

Tausende haben das Fieber überlebt. Welche Hilfe brauchen sie?
Ebola-Überlebende haben oft körperliche Symptome, eine Folge ist die Entzündung der Regenbogenhaut im Auge, einige der Erkrankten sind erblindet. Rechtzeitige Behandlung kann hier Abhilfe schaffen. Das wird routinemäßig untersucht und behandelt. Hinzu kommen posttraumatische Störungen, die Menschen fühlen sich über lange Zeit schwach, mental und psychisch erschöpft. Viele sind stigmatisiert. Um ihre Anliegen kümmern sich örtliche Unterstützergruppen.

Gibt es auch spezielle Behandlungen für Traumatisierte?
In der katholischen Loretto-Klinik in Makeni in Sierra Leone kümmern sich Krankenschwestern, die auf die Behandlung von psychischen Störungen spezialisiert sind, um Ebola-Überlebende. Sie bieten Sprechstunden an und besuchen Betroffene auch in umliegenden Dörfern. In Liberia sollen Teilnehmende des nach dem Bürgerkrieg aufgelegten Friedens- und Versöhnungsprogramms für solche Aufgaben weitergebildet werden. Man versucht überall, mehr Menschen für die Betreuung von Traumatisierten zu qualifizieren.

Die Kirchen haben während der Ebola-Epidemie vielen Menschen Trost und Beistand geboten und auch ihre Zeremonien bei Begräbnissen und im Gottesdienst angepasst. Sind das bleibende Veränderungen?
Im Moment werden noch immer sichere Beerdigungen abgehalten, die Leichen werden nicht gewaschen und in Leichensäcken begraben. Das Beerdigungsteam trägt zum Teil noch Schutzkleidung. Die Angehörigen dürfen dabei sein, aber nicht so nahe herankommen. Ich habe in einem Gottesdienst in Monrovia erlebt, wie sehr das Desinfizieren der Hände bereits Teil der Abendmahlsliturgie geworden ist. Wie das in einem Jahr aussehen wird, weiß man natürlich nicht.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Welt die Lehren aus Ebola schnell wieder vergisst?
Wir werden nicht alles auf dem derzeit hohen Niveau halten können. Positiv gestimmt haben mich Äußerungen bei einem Meeting der Weltgesundheitsorganisation WHO im Dezember, wonach sie realisiert haben, welche starke Rolle die Zivilgesellschaft und die nichtstaatlichen Organisationen in der Gesundheitsversorgung spielen und dass man mit ihnen kooperieren muss. Wenn das verwirklicht wird, ist schon viel gewonnen. Aber es wird auch eine Frage des Geldes sein. Liberia hat ein breites Programm mit ehrenamtlichen Gesundheitshelfern gestartet. Sie sollen für ihre Arbeit eine kleine Bezahlung erhalten. Doch das verursacht natürlich Kosten – und wer soll das langfristig finanzieren?

Das Gespräch führte Gesine Kauffmann.

erschienen in Ausgabe 2 / 2016: Seuchen: Unsichtbare Killer

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