Sexuelle Gewalt

Nicht nur ein deutsches Problem: Muslimische Studenten protestieren in Kalifornien gegen die sich ausbreitende Islamophobie in den USA.

Sexuelle Gewalt

„Im Islam sind Mann und Frau gleich“

Für die Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan hat sexuelle Gewalt nichts mit Religion zu tun. Trotzdem haben die Übergriffe in Köln auch sie geschockt. Im Interview erklärt sie, was gegen das Problem zu tun ist.

Die halbe Welt redet über die Silvesternacht in Köln. Was haben Sie gedacht, als Sie davon gehört haben?
Ganz ehrlich? Ich habe gedacht: Verdammt! Jetzt meinen sie, einen Grund mehr zu haben, uns Muslime hassen zu müssen. Und ich habe es mit der Angst zu tun bekommen.

Warum?
Weil wir es hier mit einer organisierten Form sexueller Gewalt zu tun hatten. Auch wenn wir über die Täter zuerst kaum etwas gewusst haben, war das mein erster Gedanke: Da hat eine Gruppe in dem körperlich überlegenen Gefühl gehandelt, von der Masse geschützt zu werden.  

Haben diese Übergriffe etwas mit dem Islam zu tun?
Beides wird gerne miteinander verschränkt und als Erklärungsschablone verwendet. Aber ich sage: Nein, auf keinen Fall. Es liegt an patriarchalischen strukturellen Bedingungen. Wir wissen nicht genug über die Täter, aber unabhängig von der Silvesternacht in Köln hat so ein Verhalten sehr viel mit den Erziehungsmodellen und der jeweiligen Sozialisation zu tun. Darin wird vermittelt, welchen Status ein Junge im Gegensatz zu einem Mädchen hat. Und es hat mit dem Milieu zu tun, aus dem diese Menschen stammen, mit Aussichtslosigkeit in der beruflichen und sozialen Biografie und mit Gleichgültigkeit. Wer nichts zu verlieren hat, geht in die Vollen. Körperliche Stärke wird oft gleichgesetzt mit Durchsetzungsvermögen. Das hat nichts mit der Religion zu tun. 

Viele Menschen sehen das nicht so und empfinden den Islam als bedrohlich. Wie kommt das?
Das hat damit zu tun, dass ganz stark über die Herkunft dieser Täter in Köln gesprochen wird. Und man denkt sehr schnell an die Bilder vom Tahrir-Platz, wo einige Frauen in Menschenmengen vergewaltigt und von der Polizei gedemütigt wurden, während die zum Schutz herbei eilenden Männer hilflos daneben stehen mussten. Viele haben automatisch an „den barbarischen Araber“ gedacht, der lüstern und enthemmt über Frauen herfällt – ein Stereotyp. Ich finde aber nicht, dass man die Gewaltausschreitungen mit denen auf dem Tahrir in Kairo vergleichen kann. Die Gegebenheiten und die Motivation waren völlig anders.

Inwiefern?
Es hat sich ja später herausgestellt, dass es in Köln vor allem um Diebstahl ging und nicht an erster Stelle um sexuelle Demütigung. Es ist schrecklich, was passiert ist, aber es ging nicht wie auf dem Tahrir-Platz in Ägypten um den Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit im Rahmen einer politischen Bewegung.

Dr. Meltem Kulaçatan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Dort forscht und lehrt sie unter anderem zu Geschlechtergerechtigkeit und Feminismus im Denken des Islam.Privat

Die Soziologin Necla Kelek hat gesagt: „Der Islam schreibt ganz klar vor, dass der Mann über der Frau steht.“ Was sagen Sie dazu?
Frau Kelek bezieht sich dabei auf umstrittene und oft sehr einseitig interpretierte Koransuren. Daraus abzuleiten, der Koran sage, Frauen stünden unter dem Mann, ist höchst problematisch. Solche einseitigen Interpretationen dienen Menschen, die dem Islam gegenüber feindlich eingestellt sind. Oder sie bestätigen Menschen, die patriarchalische gesellschaftliche Strukturen noch zusätzlich stärken wollen. Es wird ja auch oft platt gesagt, im Islam darf der Mann vier Frauen haben. Grundsätzlich gilt aber die gleichberechtigte Ehe zwischen zwei Menschen als Ideal. Frau Kelek erwähnt übrigens niemals, dass der Koran Anleitungen dazu bietet, wie Mann und Frau in Konflikten miteinander umgehen sollten. Dass sie zum Beispiel jemanden von außen heranziehen sollten, ähnlich wie bei einer Paartherapie.

Was können wir gegen frauenfeindliches Denken tun?
Wir müssen von klein auf Achtung und Wertschätzung vermitteln – gegenüber sich selbst und gegenüber dem anderen Geschlecht. Das kann über die Eltern geschehen und im Unterricht. Das braucht aber viel Zeit. Tilgen kann man die Probleme dadurch nicht. Es ist so einfach, über Sexualität Gewalt auszuüben. Wünschenswert wären erstmal politische und rechtliche Rahmenbedingungen, in denen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer ethnischen Zugehörigkeit friedlich leben können.

In Deutschland sind solche Bedingungen grundsätzlich ja gegeben …
Es gab in den vergangenen Wochen immer wieder den Einwurf, es würden rechtsfreie Räume entstehen oder seien schon entstanden, und da könnten weder die Polizei noch das Gesetz irgendwas machen. Das halte ich für eine steile These – und für falsch. Das Problem ist eher, dass es zu sehr wenigen Verurteilungen bei Vergewaltigungen kommt, wenn sie überhaupt angezeigt werden. Das ist etwas, das Frauen extrem entmutigt. Die meisten Fälle sexueller Gewalt finden über Personen statt, die man kennt: Über Partner, Arbeitgeber, Kollegen oder Freunde. Wir können dieses Phänomen nicht einfach aus der Welt schaffen, egal wie gut unsere Gesetze sind.

Finden Sie gut, dass jetzt mal über sexualisierte Gewalt geredet wird?
Ach, das halte ich für fadenscheinig. Mich ärgert diese Diskussion. Man könnte meinen, wir leben in einem Land voller Frauenrechtler und hätten bis dahin nie Probleme gehabt. Das Phänomen sexueller Gewalt ist schon immer da und stand und steht viel zu selten auf der Agenda. Wir haben diese Probleme doch nicht erst seit dem 31. Dezember 2015.

Und was verstehen Sie unter Integration?
Das ist ein schwieriger Begriff. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich immer wieder auf meine ethnische Herkunft angesprochen werde, obwohl das nichts mit mir als Person zu tun hat. Das geht auch Kindern aus der dritten Generation noch so. Ich würde mir sehr wünschen, dass ein Bewusstsein geschaffen wird dafür, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und die vielfältigen kulturellen Eigenschaften ein fester Bestandteil dieser Gesellschaft sind. Wir haben immer noch viel zu viele homogene Strukturen in Schulen, in der Politik, in den Universitäten und überall, wo Menschen sich begegnen und zusammen arbeiten: Dort fehlt es an Vielfalt, sei es auf die Herkunft der Menschen bezogen, auf den Lebenslauf oder auf die Geschlechterverteilung.

Das Gespräch führte Hanna Pütz.

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