Fairer Zucker aus Costa Rica

Gutes Geschäft mit braunem Sirup

Das Team von APOYA, einer Vereinigung kleiner Bio-­Produzenten. Die Kooperative profitiert von den Prämien im fairen Handel.

Wo Zucker angebaut wird, leiden oft Mensch und Umwelt. Ein Plantagenbesitzer und eine Kleinbauernkooperative in Costa Rica zeigen, dass es auch anders geht.

Seit Monaten steht über dem Turrialba eine hohe Rauchsäule. Costa Ricas zweitgrößter Vulkan sorgt mit seinen Eruptionen für Schlagzeilen – und lässt hier im Tayutic-Tal im Zentrum des mittelamerikanischen Landes Asche auf Land und Leute regnen. Es waren solche Ascheregen eines anderen Vulkans, die seine Familie einst dazu bewogen hatten, ihre Heimat zu verlassen und hierher zu ziehen, erzählt Felipe Ortuño. Der große Bruder des Turrialba, der Irazú, spuckte in den 1960ern über zwei Jahre lang Asche. Sie ging vor allem um die Hauptstadt San José runter, an Landwirtschaft war dort nicht mehr zu denken.

Also zog Familie Ortuño ins Tayutic-Tal am Fuße des Turrialba und kaufte sich über die Jahre dort mehr und mehr Land. Heute ist das familieneigene Unternehmen Assukkar der größte Zuckerproduzent in der Region, große Teile des Tals werden von den Süßgräsern bedeckt. Das Besondere: Assukkar produziert nicht nur auf den eigenen Plantagen Zucker für den Massenmarkt, sondern kooperiert mit Kleinbauern, die dem Unternehmen hochwertigen Bio-Vollrohrzucker mit Fairtrade-Siegel liefern.

Die fruchtbaren Ausläufer des Turrialba und der benachbarten Berge mit ihren steilen Hängen und tiefen Furchen eignen sich nicht für großflächige Landwirtschaft. Seit Generationen werden sie von Kleinbauern kultiviert, die dort in höheren Lagen Brokkoli, Erdbeeren und Hortensien anbauen, weiter unten Kaffee,

Emilce Fuentes stapft in hohen Lederstiefeln über ihre sechs Hektar große Finca. Lange Kleidung und ein breiter Bast-Sombrero schützen sie vor der Sonne, scharfen Blättern und Getier. Einfach zu bewirtschaften ist ihr Besitz nicht. Die Hänge sind steil. Die alten Kaffeepflanzungen sind noch von Bäumen beschattet, die Zuckerrohrfelder aber stehen in der prallen und heißen Sonne. Ameisen plündern die Kakaobäumchen, an einigen Stellen will der Zucker einfach nicht wachsen. Dafür sprießt Beikraut.

Kleinbauern haben es in Costa Rica nicht leicht. Land ist teuer, die Lebenshaltungskosten reichen an den westeuropäischen Durchschnitt heran. Die meisten Bauernfamilien leben mit weniger als tausend Dollar im Monat. Mehr als eine Gallo-Pinto-Diät, das landestypische Reis-und-Bohnen-Gericht, können sich die meisten von ihnen selten leisten.

Kaffee, Bananenessig und Zucker

Marie Beuchet, in Frankreich aufgewachsen, entschied sich vor 15 Jahren trotzdem, nach Costa Rica zurückzukehren, um die Finca ihres Großvaters vor dem Ruin zu retten. Seither bemühen sie und Emilce Fuentes sich, die Kleinbauern zu organisieren und neue Absatzmärkte zu finden. Ideen hatten sie genug in den vergangenen Jahren, manche funktionierten, andere nicht. Wenn konventioneller Kaffee nichts mehr einbringt, dann eben Bio-Kaffee produzieren, selber rösten und als Eigenmarke vertreiben. Weg von der Abhängigkeit von Kaffee, hin zu mehr Kakao, mehr Bananen und außer auf die Landwirtschaft auf Öko-Tourismus setzen. Der erste Versuch, einen Verein von Bioproduzenten in Turrialba auf die Beine zu stellen, endete allerdings im Desaster, erzählt Marie Beuchet: Missmanagement habe das Projekt in die Pleite geritten.

Der zweite Versuch ließ sich vielversprechender an: Die Vereinigung biologisch und umweltverträglich anbauender Produzenten (Asociación de Productores Orgánicos y Agrosostenibles, APOYA) steht auf soliden wirtschaftlichen Beinen. Der Verein hat zwei Bio-Kaffeemarken im Sortiment, eigene Kakaoprodukte sowie Bananenessig, der mehr einbringt als der Verkauf von Bananen. Und seit zwei Jahren produziert APOYA in Kooperation mit Assukkar Zuckerrohr für hochwertige Zuckerprodukte.

Ein Arbeiter der Plantage ­Assukkar transportiert Zuckerrohr. Zusammen mit APOYA kann der Betrieb auch fairen Zucker anbieten.Assukkar
Die weltweiten Zuckerpreise sind mit durchschnittlich 400 US-Dollar pro Tonne so niedrig, dass es selbst einem Großbetrieb wie Assukkar nicht gelingt, kostendeckend für den konventionellen Weltmarkt zu produzieren. Chef Felipe Ortuño ist deshalb zum Schluss gekommen: Wer über den heimischen Markt hinaus wachsen und auf dem Weltmarkt bestehen will, muss Nischen finden. Zum Beispiel: Bio-Vollrohrzucker, ein Produkt, mit dem sich je nach Qualität doppelt bis dreimal so gute Preise erzielen lassen. Assukkar hat deshalb schon vor rund 15 Jahren seine Produktion entsprechend umgestellt; zwei Drittel der eigenen Produktion sind mittlerweile bio-zertifiziert.

Die zweite Nische: fair gehandelter Zucker. Das Problem: Betriebe von Assukkars Größe entsprechen nicht den Fairtrade-Kriterien, die ja gerade kleinbäuerliche Wirtschaft fördern wollen. Aber sie erlauben die Zusammenarbeit von Kleinbauern mit Großbetrieben. Oft geht es gar nicht anders, weil Kleinbauern meistens weder eine eigene Zuckerrohrsiederei noch Zugang zum internationalen Markt haben. So darf fair gehandelter Bio-Vollrohrzucker bis zu 49 Prozent Mengenanteil von größeren Betrieben wie Assukkar enthalten.

Diese Möglichkeit nutzen das Familienunternehmen und die Kleinbauern von APOYA. Der Deal: Assukkar bereitet mit seinen Landmaschinen zunächst die kleinbäuerlichen Felder für den Zuckeranbau, stellt das Saatgut, schießt die Zertifizierungskosten vor und führt Schulungen durch. APOYA soll diesen Vorschuss mit den ersten zwei Ernteverkäufen zurückzahlen. Doch ganz so weit ist es noch nicht.

Landwirtschaft, biologische zumal, bedeutet aber auch, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Eigentlich wollten die Kleinbauern dieses Jahr die zweite Zuckerrohrernte für Assukkar seit dem Beginn der Kooperation eingefahren haben. Das ist aber nur auf der Hälfte der insgesamt zwei Dutzend Hektar Anbaufläche gelungen. Im ersten Jahr haben Stark­re­gen Marie Beuchet und vielen anderen einen Strich durch die Rechnung gemacht, im zweiten Jahr hat ein Wurzelschädling große Teile der Ernte vernichtet. Nun aber steht Marie Beuchet die erste Ernte ins Haus. Und die Erlöse für das Bio-Fairtrade-Zuckerrohr lassen sich mit über 3000 Euro pro Jahr und Hektar sehen. Laut Marie Beuchet ist das mehr als doppelt so viel wie bei konventionellem Anbau.

Die Fairtrade-Zertifizierung ist teuer

Wichtigstes Argument für APOYA ist neben dem höheren Verkaufspreis die Fairtrade-Prämie. Diese Prämie wird auf den Vollrohrzuckerpreis aufgeschlagen und dem Verein gezahlt, nicht den einzelnen Landwirten. Das sind immerhin 1600 US-Dollar pro Container Ernte; nach Maries Erfahrung entspricht diese Menge der Jahresernte auf zweieinhalb Hektar Anbaufläche. Die Fairtrade-Prämie ist für die Weiterentwicklung der Kooperative gedacht, für Schulungen, für gemeinschaftliche Anschaffungen und Marketinginitiativen.

Den guten Abnahmepreisen für die faire Bio-Ernte und der Fairtrade-Prämie stehen allerdings gerade am Anfang hohe Kosten entgegen. Eine Organisation wie APOYA mit 50 bis 100 Mitgliedern muss zunächst knapp 2600 Euro für die Erstzertifizierung berappen, danach werden jedes Jahr 1650 Euro fällig. APOYA leistet sich dazu noch eine Teilzeitassistentin, die den administrativen Aufwand erledigt.

Marie Beuchet findet das ein wenig happig. Fairtrade Deutschland weist allerdings darauf hin, dass den 86 Millionen Euro Fairtrade-Prämien, die 2013 weltweit ausgeschüttet wurden, nur 3,5 Millionen Euro Zertifizierungskosten gegenüberstehen. An den Kosten soll eine Zertifizierung also nicht scheitern, und auch Marie Beuchet erwartet, dass bei steigenden Erntemengen der Gebührenanteil deutlich geringer wird.

In der kleinen Assukkar-Zentrale gegenüber der dampfenden und lärmenden Siederei werden Kostproben der Vollrohrzucker-Produkte angeboten. Während raffinierter Zucker wiederholt verdampft und zentrifugiert wird und weißer und „reiner“ ist, wird Vollrohrzucker direkt aus dem Zuckerrohrsaft eingedickt und dann als Sirup oder in unterschiedlich feinen Granulaten angeboten. Vor allem Kunden in reichen Ländern sind bereit, dafür deutlich mehr als für herkömmlichen Zucker zu zahlen. Das liegt nicht nur an den Geschmacksnuancen, die laut Felipe Ortuño „mal karamellig, mal leicht vanillig sind und fast wie beim Wein auf das Anbaugebiet schließen lassen“. Auch ein im Vergleich zu raffiniertem Zucker hoher Kalium-, Calcium- und Magnesiumgehalt sowie das Gefühl, der Umwelt und den Menschen im Anbauland etwas Gutes getan zu haben, tragen dazu bei.

Das ist gerade in Costa Rica bitter nötig. Das Land ist einer der größten Pestizidverbraucher weltweit. Dazu tragen vor allem Ananas-Monokulturen an der Karibikküste bei, die ganze Landstriche vergiften. Aber auch kleinbäuerliche und mittelgroße Betriebe sprühen oft, was das Zeug hält. Am Irazú, dem Nachbarvulkan des Turrialba, stinkt es oft nach Gift, schimpft Marie Beuchet. Immerhin kämen inzwischen gerade jüngere Landwirte immer öfter zum Schluss, dass die intensive Agrochemie die Böden auslaugt.

Autor

Markus Plate

veröffentlicht seit mehr als zehn Jahren Reportagen und Radiobeiträge zu Lateinamerika. Zurzeit arbeitet er als Fachkraft für Brot für die Welt im Kommunikationszentrum Voces Nuestras in San José, Costa Rica.
Bei APOYA hingegen erfolgt die Schädlingsbekämpfung auf ökologische Art, wenn auch nicht immer erfolgreich. Außerdem werden beim Bio-Anbau die zuckerlosen Blätter der zwei Meter hohen Pflanzen nicht einfach vor der Ernte abgebrannt, wie es beim konventionellen Zucker noch oft üblich ist. Im Öko-Anbau werden die zuckerhaltigen Halme von Hand geschnitten, die Blätter dienen als Dünger. Das ist klimafreundlich und schont die Bodenfauna sowie die Gesundheit der Arbeiter. Als ansonsten pflegeleichte Pflanze, die über fünf bis sechs Jahre nachwächst, könnte sich das Gras tatsächlich als gewinnbringendes Produkt für die Kooperative erweisen.

Die Nische „Bio“, auf Spanisch orgánico, wird auch in Costa Rica größer. Ferias Orgánicas (Biowochenmärkte) gibt es schon seit Jahren, mittlerweile haben auch Supermärkte Bio-Produkte im Angebot. Auch auf Festivals oder Flohmärkten verkaufen sie sich prächtig. „Die Zeiten, in denen man uns Biobäuerinnen noch als Verrückte belächelt hat, sind vorbei“, sagt Emilce Fuentes. Nach Jahren schwieriger Aufbauarbeit ernten die Bäuerinnen und Bauern von APOYA nun langsam die Früchte. „Ich weiß nicht, ob wir mit Bio die ganze Welt ernähren können“, resümiert die Bäuerin, „aber wir zeigen, dass Bio für Kleinbauern eine Perspektive ist, und garantieren, dass einige Böden auf der Welt nutzbar und fruchtbar bleiben.“ So wie die Böden an den Hängen des rauchenden Turrialba im Herzen von Costa Rica.

erschienen in Ausgabe 8 / 2016: Zucker: Für viele süß, für manche bitter

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