Tiefseebergbau

Der Pazifik als Versuchsfeld

Fischer in der Bismarcksee vor Madang. Meeresfrüchte sind hier die wichtigste Proteinquelle.

Bergbau in der Tiefsee ist eine Technik mit kaum erforschten Folgen. Ausgerechnet im Pazifik, wo früher Atombomben getestet wurden, will ein Konzern nun Erze vom Meeres­boden holen. Doch er hat den Widerstand unterschätzt.

Ein Wettlauf um Rohstoffe auf dem Meeresboden zeichnet sich ab – besonders im Pazifik. Das mag überraschen angesichts der gegenwärtig niedrigen Rohstoffpreise und des nach wie vor hohen Investitionsrisikos im Tiefseebergbau – bisher ist noch nirgends in der Tiefsee ein Gramm Edelmetall kommerziell gefördert worden. Doch der Hightech-Industrie und der Politik im globalen Norden ist in den Jahren vor der Weltfinanzkrise von 2007-2008 klar geworden, wie abhängig sie von Metallen und so genannten strategischen Rohstoffen sind. Damals wurden Rekordpreise an den Rohstoffbörsen erzielt, und Fachleute sagten vorher, die Vorkommen an Land würden knapp. In Europa wurden deshalb zu Beginn des Jahrtausends Initiativen eingeleitet, um die Versorgung mit Rohstoffen zu sichern. Dabei wurden insbesondere in Deutschland die Lagerstätten im Meeresboden in Tiefen zwischen 1000 und 5000 Metern als eine Option gehandelt. Relevant sind dafür erstens Manganknollen auf dem Boden der Tiefsee-Ebenen, zweitens Kobaltkrusten an den Hängen der Seeberge und drittens Ablagerungen von Erzen in Verbindung mit Schwefel, die sogenannten Massivsulfide, die sich an den mehrere hundert Grad heißen Quellen am Meeresgrund absetzen. Alle diese Vorkommen enthalten Metalle in höheren Konzentrationen als die Lagerstätten an Land.

Die Inselstaaten des Südpazifiks sind zum Versuchsgebiet für die Hebung dieser Schätze geworden. Das liegt auch daran, dass die Staatengemeinschaft die Schätze des Meeresbodens zum gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt hat und die Internationale Meeresbodenbehörde für den Bergbau dort Regeln festlegen und überwachen wird. Der überwiegende Teil der Meeresfläche im Südpazifik – sie ist rund dreimal so groß wie Europa – fällt aber nicht unter diese Regeln: Obwohl nur zu zwei Prozent mit Land bedeckt, gehört sie fast vollständig zur nationalen Wirtschaftszone der kleinen Inselstaaten. Lagerstätten von Manganknollen oder Massivsulfiden liegen dort mehrere tausend Meter tief, aber zugleich vergleichsweise nahe an der Küste.

Diese Umstände macht sich ein Konsortium zunutze: die in Kanada notierte Aktiengesellschaft Nautilus Minerals. Ihre Mehrheitseigner stammen aus Russland und Oman, auch der Bergbaumulti Anglo American zählt dazu. Nautilus führt die schlechten Erfahrungen mit Minen an Land in Papua-Neuguinea für sich ins Feld. Das an Bodenschätzen reiche Land wird seit Jahrzehnten von Bergbaukonzernen durchpflügt; dabei werden Menschen vertrieben und die Umwelt zerstört. In Broschüren wirbt Nautilus nun damit, in Papua-Neuguinea eine neue Ära zu beginnen: Der Tiefseebergbau werde eine sozial und ökologisch saubere Sache.

Obwohl Papua-Neuguinea bis heute keine Gesetze oder Regeln für den Tiefseebergbau hat, hat es auf der Grundlage der Bergbaugesetze an Land seit 1997 insgesamt 13 Erkundungslizenzen für die Bismarck-See an Nautilus vergeben. Das Unternehmen hatte der Regierung vor allem hohe Gewinne aus der Förderung von Gold, Silber und Kupfer versprochen, deren Preise weniger stark schwanken als die anderer Rohstoffe.

Mit diesem Gerät will Nautilus am Meeresboden Erz abbauen. Noch wartet es in einer britischen Fabrik auf den Einsatz. Nigel Roddis/Reuters
Nach erfolgreicher Erkundung startete 2006 die genauere Untersuchung (Exploration) der Vorkommen in der gesamten Bismarcksee. Die Ergebnisse waren vielversprechend und Solwara 1 kristallisierte sich für Nautilus Minerals als erstes Abbaugebiet heraus. Für eine Abbaulizenz ist in Papua-Neuguinea eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben. In der Tiefsee war eine solche Prüfung 2008 noch Neuland. Nautilus entwickelte die Kriterien dafür eigenständig und gründete für das Projekt Solwara 1 eine Tochtergesellschaft, an der die Regierung von Papua-Neuguinea eine Option für einen Anteil von 30 Prozent hatte.

Kein Wunder, dass das Unternehmen die Umweltprüfung bestand und 2011 die Abbaulizenz erhielt: Unternehmen und Regierung prüften sich schließlich selbst. Damit steht fest, dass Nautilus Minerals sein erstes Projekt im Tiefseebergbau ausgerechnet in einer der ökologisch bedeutsamsten, artenreichsten und empfindlichsten Meeresregionen der Welt in Angriff nehmen will: im pazifischen Korallendreieck. Diese Wahl widerspricht der angeblich so umweltbewussten Orientierung des Unternehmens.

Derweil formierte sich bereits 2008 Widerstand in den Regionen um die Bismarcksee mit solidarischer Unterstützung im ganzen Land. Ausgehend vom Gebiet um die Stadt Madang, versuchten Menschen mit Demonstrationen, Protesten und Eingaben an Gerichte das Projekt zu verhindern. Aufgeschreckt vom Widerstand und dem Imageschaden, gab Nautilus nach und verzichtete auf bereits genehmigte Vorhaben an Land: Der Bau eines großen Hafens für Transportschiffe und für die Zwischenlagerung der geförderten Erze in Rabaul auf der Insel Neubritannien wurde abgesagt. Die Abraumschiffe sollen nun direkt vom Förderschiff zur Verhüttung nach China fahren.

Nautilus hat die Lage und die Stimmung der Bevölkerung im Südpazifik verkannt. Seit Nautilus Minerals 2011 die Abbaugenehmigung für Solwara 1 erhalten hat und gleichzeitig auch Fidschi, Vanuatu und die Solomonen erste Explorationslizenzen vergeben haben, wächst der Widerstand gegen den Tiefseebergbau überall in der Südsee. Die Menschen wollen verhindern, dass ihre Inselwelt erneut zum Testgebiet für eine zerstörerische Technik gemacht wird. Die Erfahrungen mit 50 Jahren Atombombenversuche im Südpazifik von 1946 bis 1995 wirken nach: Sie haben die Bewohner für die Folgen fremdbestimmter Großprojekte sensibilisiert.

Nautilus ist heute klar, dass der Abbau von Massivsulfiden in der Bismarcksee nur schwer gegen Widerstand an Land durchzusetzen ist. Das gesteht der Konzern sogar öffentlich auf seiner Website ein. Daher hat das Unternehmen 2015 das Küstengebiet, das dem Solwara-Projekt am nächsten liegt, ausgewählt, „freiwillige“ Entschädigungsleistungen der Firma zu empfangen: Die Hygieneverhältnisse in den Fischerdörfern sollen mit dem Bau von Latrinen verbessert werden. Die dortige Bevölkerung war nicht in die Entscheidung über den Nutzen dieser Maßnahme eingebunden, und so lieferte das Vorhaben prompt einen guten Protestslogan: „Wir brauchen keine Latrinen – sondern unsere See für den Fischfang.“ Es gibt auch deftigere Parolen.

Nautilus bezeichnet solche Leistungen im Rahmen eines Programms zur Unternehmensverantwortung als freiwillig, weil Solwara 1 keinen schädlichen

Einfluss auf das Leben der Menschen in der Bismarcksee haben könne. Der Bergbau finde schließlich in 1600 Metern Tiefe statt; auf dem nach der neuen Planung mehr als 200 Meter langen Förderschiff würden alle schmutzigen Prozesse des Abbaus erledigt und die Erze direkt auf Transportschiffe verladen. Genau so argumentieren viele Befürworter des Tiefseebergbaus aus Politik, Wissenschaft und Unternehmen – auch in Deutschland. Sie beschreiben diese Art Abbau als bessere Alternative zum Bergbau an Land. Denn es würden keine Menschen vertrieben und keine Menschenrechte verletzt, es gebe keine Sklavenarbeit, keinen Landraub, keine Trinkwasserverseuchung. Tiefseebergbau wird als saubere Methode dargestellt, sich Rohstoffe anzueignen – Bergbau 4.0 mit Joystick und Bildschirm.

In Papua-Neuguinea und im gesamten Südpazifik glauben die Menschen nicht an diese Verheißungen. Hier wird „Entwicklung“ nicht als Versprechen verstanden, sondern als Drohung. Die Mär von den Jodtabletten, die Wissenschaftler während der Atombombenversuche verteilten und die doch nicht gegen die bis heute nachwirkenden Strahlenkrankheiten halfen, wird von Generation zu Generation weitererzählt. Die Südsee dürfe nie wieder zum Testgelände westlicher Phantasien und ihrer Experimente werden, lautet der Konsens. Zunehmend wird im Pazifik das kapitalistische Entwicklungsmodell in Frage gestellt, das auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht und von immer mehr Rohstoffen und Technologien abhängt. Das Schlagwort auch in den pazifischen Kirchen ist „Rethinking“, ein grundlegend neues Denken.

Nautilus Minerals und andere Befürworter des Tiefseebergbaus ignorieren auch zumeist, dass die Menschen im Pazifik – anders als in den Ländern der Investoren – in ihrem Bewusstsein das Land nicht vom Meer trennen. Für sie ist der Ozean ihr gemeinsamer, verbindender Raum. So wie das Land keine Besitzer hat, gehört auch das Meer allen. Die Menschen bezeichnen den Südpazifik als ihren „flüssigen Kontinent“. Er ist ein Gemeingut, an dem ihre Gemeinschaften traditionelle Rechte haben. Ihr Selbstverständnis verlangt, sie in Entscheidungen einzubeziehen.

Auf der Insel Neuirland etwa ist der traditionelle Haifischfang Teil der Verbundenheit mit den Ahnen: Deren Seelen leben in Haien weiter und folgen dem Ruf der Haifischfänger, wenn diese ihre Muschelhörner erklingen lassen. Werden die Haie durch den Tiefseebergbau vertrieben, verschwindet mit ihnen auch diese Tradition und ein kultureller Ausdruck der spirituellen Verbundenheit mit den Vorfahren. Auch aus solchen Zusammenhängen speist sich der Widerstand.

Die Südsee soll nie wieder zum Schauplatz westlicher Experimente werden: Bewohner des Rongelap-Atolls erinnern im März 2014 an den ersten Test einer Wasserstoff-Bombe auf dem Bikini-Atoll vor 60 Jahren. IssaC Marty/Afp/Getty Images
Zum Meer gehört nach pazifischem Verständnis auch der Meeresboden. Daraus leiten die Menschen in der Bismarcksee ab, dass ohne ihre Zustimmung kein Tiefseebergbau möglich ist. Folgerichtig schreibt die Verfassung von Papua-Neuguinea fest, dass der Bevölkerung absolute Nutzungsrechte auf Land, Flüsse, Seen und das Meeresgebiet zustehen, und zwar auch auf die Böden dieser Naturflächen. Die Regierung und Nautilus haben von Anfang das in der UN- Deklaration über die Rechte indigener Völker verankerte Prinzip verletzt, dass für alle Projekte, die ihre Rechte an Land, Wald oder See berühren, die informierte Zustimmung der indigenen Bevölkerung eingeholt werden muss.

Gleichzeitig ignoriert Nautilus wissenschaftliche Bedenken über die möglichen ökologischen und ökonomischen Risiken der unerprobten Verfahren. Die Bismarcksee ist nicht nur eines der artenreichsten Meere, sondern auch eines mit den größten Thunfischvorkommen der Welt; Fangschiffe aus der ganzen Welt fischen dort. Viele beliefern die Fabriken in den Städten Lae und Madang und ermöglichen dort Vollbeschäftigung für etwa 15.000 Menschen. Daneben verdienen Tausende von Kleinfischerfamilien ihren Lebensunterhalt mit Fischfang in der Bismarcksee und versorgen die Bevölkerung mit Fisch. Da Tierzucht an Land in dieser Region kaum betrieben wird, sind Fische und Meeresfrüchte die entscheidende Proteinquelle.

Autoren

Francisco Mari

ist Referent für Agrarhandel und Fischerei bei „Brot für die Welt“.

Kai Kaschinski

ist Projektleiter beim Arbeits­schwerpunkt „Fair Oceans“ des Vereins für Internationalismus und Kommunikation.
Nautilus sieht keinen Zusammenhang zwischen dem Fischfang und dem Bergbau in der Tiefsee. Aber die Gefahren sind nicht zu bestreiten. Sie reichen vom andauernd hohen Lärm infolge der ununterbrochenen Förderung bis hin zu möglichen Umweltschäden durch den Abraum und das dazugehörige Abwasser. Zudem werden Meeresströmungen die Sedimentwolken in der Region verteilen, die während des Abbaus entstehen und mit teilweise schädlichen Kleinstpartikeln angereichert sind. Diese Partikel können mit Strömungen oder mit der Nahrungskette an die Meeresoberfläche gelangen, sich dort anreichern und Lebewesen schädigen. Die Tatsache, dass die Ökologie der Tiefsee noch nicht eingehend erforscht und eine vorsorgende Umweltpolitik deshalb nicht umsetzbar ist, sollte jeden Eingriff verbieten.

Die Menschen in Papua-Neuguinea wollen ihre kulturelle und ökonomische Lebenswelt erhalten und sich in ihrem eigenen Tempo neu ausrichten, wenn sie es für nötig halten. Ihre Erfahrungen mit Bergbau an Land sind durchweg schlecht. Vielen von ihnen haben diese Großprojekte außer viel zu geringen Entschädigungszahlungen vor allem eine verschmutzte Umwelt, Krankheiten und Hunger gebracht; sie gehören heute zu den Ärmsten im Inselstaat, obwohl ihnen etwas völlig anderes versprochen worden war.

Und ganz gleich, wie umfangreich die Umweltschutz-Anstrengungen auch sein mögen: Sie zielen lediglich auf Folgewirkungen der Eingriffe, die der  Bergbau verursacht. Die Zerstörung von Ökosystemen in der Tiefsee kann nicht rückgängig gemacht werden und stellt den ersten Schritt hin zu einer Industrialisierung des größten und bisher weitgehend ungenutzten Teils unserer Biosphäre dar. Mit dem Projekt Solwara 1 kommt dieser Stein ins Rollen. Der Tiefseebergbau wird dann kaum mehr zu bremsen sein – nicht im Pazifik und wohl auch nicht in der Hohen See. Das widerspricht dem Ziel, die planetaren Grenzen zu berücksichtigen und Ansätze der Kreislaufwirtschaft gegenüber dem ungebremsten Wachstum zu bevorzugen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2016: Zucker: Für viele süß, für manche bitter

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