Religion und Gewalt

Eine afrikanische Perspektive

Das katholische Missionswerk missio will ein Netzwerk von afrikanischen Theologen knüpfen, die sich mit Religion und Gewalt auf ihrem Kontinent auseinandersetzen. Ziel des mehrjährigen Forschungsprojekts ist es, die Menschen vor Ort für den interreligiösen Dialog zu sensibilisieren.

Zum Verhältnis von Religion und Gewalt ist schon viel geforscht worden. Das weiß man auch bei missio. Mit dem neuen Forschungsprojekt solle das Rad nicht neu erfunden werden, betont Marco Moerschbacher. „Wir wollen dem Thema  aus einer afrikanischen Perspektive auf den Grund gehen“, sagt der Referent für Afrika und für theologische Grundlagen. Ein Netzwerk von etwa 20 afrikanischen Theologinnen und Theologen soll das in den kommenden Jahren tun.  

Afrika ist im Hinblick auf das Christentum und den Islam ein interessantes Forschungsfeld. Beide monotheistische Religionen haben den Kontinent relativ früh als Missionsfeld entdeckt, hatten ähnliche Startbedingungen und gleichermaßen Erfolg. Acht von zehn Afrikanerinnen und Afrikanern sind heute entweder Christen oder Muslime. 

Die empirische Basis für das Projekt bilden umfangreiche Länderstudien, die missio bei Partnerorganisationen in Auftrag gegeben hat. Diese Studien beruhen auf Hunderten qualitativen Interviews, in denen es unter anderem um persönliche Erfahrungen und Sichtweisen geht. Befragt werden Christen und Muslime aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Tätigkeitsbereichen. Aus Tansania, Tschad und der Elfenbeinküste liegen bereits die ersten Berichte vor, die nun ausgewertet werden sollen.

Nur Muslime wurde Metzger

Das über Jahrhunderte gewachsene Miteinander zwischen Christen und Muslimen könne schnell kippen, erklärt Moerschbacher und verweist auf ein  Beispiel aus Daressalaam. Dort sei es lange üblich gewesen, dass nur Muslime Metzger werden. „Das hatte den Vorteil, dass bei gemeinsamen Feiern alle das Gleiche essen konnten, ohne Angst haben zu müssen, dass das Fleisch nicht nach islamischem Ritus geschlachtet war.“ Irgendwann hätten die Christen sich benachteiligt gefühlt und gefordert, dass sie auch den Metzger-Beruf ausüben dürfen. „Was ursprünglich Kernelement einer gegenseitigen Willkommenskultur gewesen war, wurde plötzlich zu einem Faktor der Abgrenzung“, sagt Moerschbacher.

Solche kleinen Verwerfungen zu erkennen, sei wichtig, wenn es darum gehe, den interreligiösen Dialog vor Ort zu fördern. Das sei das Ziel des Vorhabens. Auf afrikanischer Seite stößt das Projekt auf großes Interesse. „Im Laufe der Jahrhunderte wurden im Namen der Religion Kriege geführt und  viel zerstört“, sagt Steven Payne, Präsident des Tangaza University College an der Katholischen Universität von Nairobi. „Einige behaupten, dass im Alleinvertretungsanspruch der abrahamitischen Religionen bereits die Hauptursache eines Großteils der Gewalt angelegt sei.“ Das Forschungsvorhaben solle diese Thesen überprüfen und einen Beitrag zu Frieden und Verständigung leisten.

erschienen in Ausgabe 11 / 2016: Frauen: Gemeinsam stark

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