Globale Energiepolitik

Wolfgang Ammer

Globale Energiepolitik

Mehr Saft, bitte!

Energie für alle und gleichzeitig den Klima­wandel stoppen? Etwas mehr Ehrlichkeit in der Debatte wäre ein erster Schritt zum Erfolg.

Vor zehn Jahren war ich für ein Sabbatical an der Universität Oxford. Die britische Regierung startete damals eine Anhörung zum Ausbau des Flughafens Heathrow. Die Befürworter argumentierten, der Airport sei schon lange überlastet und müsse erweitert werden, damit Großbritannien international konkurrenzfähig bleibe. Die Gegner sagten, eine weitere Startbahn schade der Umwelt, vor allem weil als Folge noch mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen werde.

Anfang November, nach zehn Jahren Debatte, hat die Regierung entschieden, Heathrow zu erweitern. Trotzdem wird bestimmt weiter darüber gestritten werden. Für diese Diskussion sollte man größere Trends verstehen, doch leider ist das nicht immer der Fall. In den vergangenen 60 Jahren hat Großbritannien nicht einen einzigen Flughafen neu gebaut; nur einer wurde um eine neue Startbahn erweitert. Währenddessen hat China allein in den Jahren 2010 bis 2015 mehr als 50 neue Flughäfen gebaut; bis 2020 sollen noch einmal 40 dazukommen. Die britische Debatte mag aus lokaler Sicht wichtig sein. Weitet man aber die Perspektive, ist sie politisch kurzsichtig: ein Fall, in dem vor lauter Bäumen der Wald übersehen wird.

Diskussionen über globale Energiepolitik sind oft ähnlich kurzsichtig. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Aufmerksamkeit auf den Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre verlagert, vor allem wegen der Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energiequellen. Dafür gibt es gute Gründe. Dennoch: In der Debatte wird manchmal ignoriert, wie groß der Bedarf an Energie rund um die Welt ist und wie groß die damit verbundenen Aufgaben sind.

Ein weiter Weg

Zum Beispiel muss berücksichtigt werden, dass die ärmsten drei Viertel der Weltbevölkerung nur ein Zehntel der weltweit produzierten Energie verbrauchen. Den Zugang zu Energie auszuweiten, macht Klimaschutz schwieriger. Die Rechnung ist simpel und unerbittlich. Will man den CO2-Gehalt in der Atmosphäre stabilisieren, müssen die Emissionen fast auf Null reduziert werden. Das heißt, mindestens 90 Prozent der Energie weltweit muss aus CO2-freien Quellen kommen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg: 2015 traf das erst auf 14 Prozent der weltweit verbrauchten Energie zu.

Es geht aber nicht nur darum, bestehende fossile Energiequellen durch solche zu ersetzen, die kein CO2 emittieren, etwa Sonne, Wind, Atomkraft und Wasserkraft. Auch jeder neu geschaffene Energiezugang muss CO2-frei sein. Zwar wächst das Energieangebot aus erneuerbaren Quellen schnell, aber das gilt ebenso für Energie aus traditionellen fossilen Quellen.

Eins der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele gilt der Versorgung mit „erschwinglicher und sauberer Energie“. Die Unterziele dazu betreffen den Zugang zu Energie, effizienten Energieverbrauch und die Förderung erneuerbarer Quellen. Die „UN-Initiative für Nachhaltige Energie für Alle“ hat sich damit von früheren vereinfachten Maßstäben für Energiezugang verabschiedet zugunsten eines vielschichtigeren Verständnisses. Das wird der Aufgabe besser gerecht, macht sie aber auch komplizierter.

Große regionale Unterschiede

In den USA zum Beispiel verbrauchen die Leute im Durchschnitt 13.400 Kilowattstunden Strom im Jahr. Es gibt große regionale Unterschiede, die etwa mit dem Wetter zusammenhängen; an einigen Orten braucht man Klimaanlagen, an anderen Heizungen. Auch in Europa gibt es große Unterschiede: Die Schweden verbrauchen jährlich 15.000 Kilowattstunden, die Bulgaren 4500 Kilowattstunden. Die Deutschen liegen bei jährlich 7200 Kilowattstunden. Der Weltdurchschnitt beträgt 3000 Kilowattstunden im Jahr.

Aber wie viel ist eigentlich eine Kilowattstunde (kWh)? Der Gebrauch einer 60-Watt-Glühbirne für vier Stunden am Tag verbraucht übers Jahr gerechnet etwa 90 Kilowattstunden. Todd Moss, Mitarbeiter des Center for Global Development in Washington, hat einmal ausgerechnet, dass allein sein Kühlschrank etwa 459 Kilowattstunden im Jahr verbraucht – das ist mehr als der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch in Ghana (300 kWh), Kenia (156 kWh) und Nigeria (136 kWh).

Die „UN-Initiative für Nachhaltige Energie für Alle“ definiert vier Schwellenwerte für Energiezugang – von vier Kilowattstunden/Jahr bis 2993 Kilowattstunden/Jahr. Die Internationale Energieagentur spricht ab 250 Kilowattstunden/Jahr von Energieversorgung. Alle diese Schwellenwerte liegen unter dem globalen Durchschnittsverbrauch und sind Welten entfernt vom Konsum in Nordamerika und Europa. Wenn nun aber alle Länder schließlich eine ebenso hohe Versorgung haben wollen wie in Bulgarien, Deutschland oder gar den USA?

Um die Stromversorgung im gesamten Afrika südlich der Sahara auf das Niveau von Südafrika zu heben, wo pro Kopf etwa so viele Kilowattstunden wie in Bulgarien verbraucht werden, müsste auf dem Kontinent etwa 33 Mal so viel Strom produziert werden wie heute. Dazu müssten rund tausend neue mittelgroße Kraftwerke gebaut werden. Um das Niveau der USA zu erreichen, müssten die Kapazitäten verhundertfacht werden.

Infrastruktur zur Stromversorgung dramatisch ausgebaut

Diese Zahlen erklären, warum in den vergangenen Jahren überall auf der Welt die Infrastruktur zur Stromversorgung so dramatisch ausgebaut worden ist – und warum kein Ende dieses Wachstums absehbar ist. Die Zahlen sind außerdem wichtig für jüngere energiepolitische Debatten, in denen die dezentrale Energieversorgung, etwa über Solar-Heimanlagen, als Alternative zu Wasserkraft, Kernkraft und fossilen Kraftwerken gepriesen wird. Wenn es darum geht, eine Versorgung mit 250 kWh/Jahr zu sichern, dann mögen dezentrale Lösungen oft die richtige Wahl sein. Wenn es aber um die Stromversorgung für eine differenzierte, energieintensive Wirtschaft wie in Südafrika oder in Bulgarien geht, dann ist das etwas völlig anderes.

Es ist ziemlich einfach, sich in den reichen Ländern an Debatten zu beteiligen, wie Menschen ohne Zugang zu Elektrizität mit Strom versorgt werden sollten. Aber eine ehrliche Diskussion darüber sollte nicht willkürliche Schwellenwerte setzen, wann von Zugang zu Elektrizität gesprochen werden kann. Stattdessen sollte die Debatte darauf gründen, wie viel Strom die Leute an unterschiedlichen Orten brauchen, um ihre Kühlschränke, Computer, Mobiltelefone, Fahrstühle, Industrien, Schulen, Hospitäler und Transportsysteme zu betreiben.

Autor

Roger Pielke

ist Direktor des Sports Governance Center an der Universität von Colorado in Boulder. Davor hat er dort das Center for Science und Technology Policy geleitet.
Es ist kurzsichtig, Großbritanniens Rolle in der internationalen Luftfahrt davon abhängig zu machen, ob eine einzige neue Startbahn in Heathrow der Umwelt schadet. Ebenso kurzsichtig ist es, den zukünftigen globalen Energiebedarf künstlich kleinzureden. Eine wirklichkeitsnähere Perspektive zeigt, dass dieser Bedarf in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich nicht zu befriedigen ist, ohne weiter Kohle und Öl zu verbrennen, Atomkraft zu nutzen und große Staudämme zu bauen – während gleichzeitig versucht werden muss, die Emissionen möglichst gering zu halten. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass es eine technologische Aufgabe mit wichtigen sozialen und politischen Dimensionen ist, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und zugleich den Zugang zu Energie weltweit zu verbessern. Eine Politik mit derart ungetrübtem Blick verspricht am meisten Erfolg.

Aus dem Englischen von Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 12 / 2016: Energie für alle

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