Entwicklungskredite

"Straßennetze kann man nicht privat finanzieren“

Straßenbau in Liberia. Für solche Arbeiten muss man keine Kredite in Devisen aufnehmen.
Deutschland tut es, ebenso Frankreich und Japan, viele andere Geber aber nicht: Entwicklungshilfe in bestimmten Fällen auf Pump vergeben. Norbert Kloppenburg, der scheidende Chef der KfW Entwicklungsbank, erklärt, warum das sinnvoll ist.

Sie haben 28 Jahre in der KfW gearbeitet. Wie hat sich die Finanzielle Zusammenarbeit (FZ) in der Zeit verändert?
Damals wie heute war und ist es unser Ziel, die Lebensbedingungen der Menschen in unseren Partnerländern zu verbessern. Aber wir haben den Mitteleinsatz deutlich erhöht, von jährlich rund 1,7 Milliarden Euro im Jahr 1989 auf rund neun Milliarden 2016 inklusive der Kredite unserer Tochter DEG an die Privatwirtschaft. Wir haben heute mehr Instrumente, von Zuschüssen über Beratungsleistungen und Beteiligungen bis hin zu situationsgerechten Krediten. Neu ist auch, dass wir gerade in fragilen Kontexten deutlich enger und direkt mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. In der Demokratischen Republik Kongo wurde zum Beispiel ein Friedensfonds aufgelegt, der im Wesentlichen im Osten des Landes private Institutionen unterstützte.

Die KfW sagt mehr Geld zu, aber viele Länder können inzwischen ihre Entwicklung selbst finanzieren. Welche benötigen überhaupt noch Entwicklungskredite?
Der Kapitalbedarf vieler Entwicklungsländer wird häufig unterschätzt. Nach Analysen der Vereinten Nationen besteht ein riesiger Nachholbedarf in der Infrastrukturausstattung. Das gilt sowohl für die wirtschaftliche als auch für die soziale Infrastruktur wie Wasser, Abwasser, Abfallwirtschaft, Gesundheit, Bildung. Der Bedarf ist vor allem in Afrika groß, aber auch in Lateinamerika und Asien. Gleichzeitig werden mit den Vorhaben transparente Prozesse und Geschäftspraktiken gefördert, was letztlich allen zugutekommt. Die Frage ist eher, in welchen Ländern und unter welchen Bedingungen man Kredite oder Zuschüsse vergeben sollte.

Norbert Kloppenburg arbeitet seit 1989 in der deutschen Förderbank KfW; seit 2007 gehört er ihrem Vorstand an und verantwortet das internationale Geschäft. Ende Oktober geht er in den Ruhestand.KfW-Bildarchiv
Warum wenden sich Schwellenländer an die KfW, wenn sie auf dem freien Markt ähnliche Zinsen mit weniger Auflagen bekommen?
Der Zugang zum Kapitalmarkt wird häufig überschätzt. Zum einen sind die Summen aufgrund regulatorischer Anforderungen, die viele Investoren zu erfüllen haben, begrenzt, die Laufzeiten kurz und die Länder müssen sehr hohe Renditen zahlen. Zum anderen finanzieren wir nicht nur. Wir begleiten die Vorhaben sozusagen von der Planung bis zur Fertigstellung, selbst noch einige Jahre nach Inbetriebnahme.

Wo sind Kredite sinnvoll und wo Zuschüsse?
Zuschüsse sollte man in Ländern einsetzen, die wirtschaftlich wenig entwickelt sind und besonders in Sektoren, die man nicht rein ökonomisch betrachten kann wie Gesundheit und Bildung. Aber je leistungsfähiger ein Land und ein Sektor sind, desto eher sollte man Kredite vergeben. Wir haben auch statistisch feststellen können, dass die Ergebnisse teilweise schlechter sind, wenn zu hohe Subventionierung stattfindet. Die Länder machen sich die Vorhaben weniger zu eigen und werden nicht genügend gefordert.

Sie finanzieren zum Beispiel Wasserversorgung im Kongo mit Zuschüssen und Energieversorgung in Kenia überwiegend mit Krediten?
Genau. Die Energieversorgung sollte man so gestalten, dass Nutzer ihren Beitrag leisten und so Kredite abgezahlt werden können. Das gilt besonders bei einem leistungsfähigen Land wie Kenia. Aber ländliche Wasserversorgung und erst recht der Gesundheitssektor sind kaum voll kostendeckend zu gestalten.

Hat sich die Einbindung von Privatinvestoren in die FZ deutlich verändert – Stichwort Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPP)?
Ja, als ich 1989 anfing, gab es das noch gar nicht und inzwischen ist es üblich. In vielen Fällen ist es auch sinnvoll. Aber solche Partnerschaften werden die Probleme der Entwicklungsländer allein nicht lösen. Energieprojekte, Telekommunikation, Häfen oder Flughäfen kann man über ÖPP-Modelle mitgestalten. Im Transportsektor allerdings, der immer an erster Stelle genannt wird, werden die Möglichkeiten oft überschätzt. Man kann die eine oder andere Brücke oder Straßenabschnitte privat betreiben, aber den größten Teil des Straßennetzes – ländliche Wege, städtische Straßen, Landstraßen – kann man nicht privat finanzieren. ÖPP allein bezogen auf die Infrastruktur greift allerdings zu kurz. Wir brauchen privates Kapital in erster Linie zur Förderung von privaten Unternehmen, sowohl lokalen als auch internationalen. Man kann zum Beispiel Fonds auflegen, die mit Entwicklungsmitteln einen Teil des Risikos abnehmen und damit Kapital für private Unternehmen in Entwicklungsländern mobilisieren. Diese schaffen dann Arbeitsplätze und zahlen Steuern.

Heißt das, man ermöglicht mit Entwicklungshilfe unseren privaten Anlegern Renditen, die sie hier nicht erzielen könnten?
Wir wollen es für Privatanleger attraktiver machen, Geld in private Unternehmen in den Entwicklungsländern zu investieren. Aus öffentlichen Mitteln lässt sich der hohe Investitionsbedarf allein nicht decken. Wenn Firmen oder Privatanleger in diesen sogenannten strukturierten Fonds Geld anlegen, kommt das in erster Linie den Unternehmen vor Ort zugute. Grundsätzlich ist das Risiko einer Investition in Entwicklungsländern hoch, das drückt sich durch höhere Zinsen aus.

Inzwischen haben China und die BRICS-Staaten auch Entwicklungsbanken. Sind die eine Konkurrenz für die KfW?
Überhaupt nicht. Der Kapitalbedarf im Süden ist so groß, dass alle Geber willkommen sind. Wir haben enge Kontakte zur New Development Bank der BRICS-Staaten und zur Asian Infrastructure Investment Bank/AIIB; letztere haben wir in der Gründungsphase beraten und ehemalige KfW-Kollegen sind heute dort als Projektmanager tätig. Wir tauschen uns aus und streben auch gemeinsame Finanzierungen an.

Die hohen Investitionen Chinas und anderer im Süden sind kein Grund zur Sorge?
Das sind sie nicht, solange sie die Länder finanziell nicht überfordern. Die Gefahr besteht allerdings. Die Kredite werden ja in Fremdwährungen, also etwa Euro oder Dollar, Yen oder Renminbi vergeben und es ist für ein Land angesichts Inflation und Abwertung nicht leicht, den Schuldendienst lange Jahre in Devisen zu erbringen. Deshalb sollten Entwicklungsländer die Auslandsverschuldung auf das Nötigste beschränken. Mit lokaler Währung kann man keine Turbinen kaufen, aber Bauleistungen, Arbeitslöhne und ähnliches sollten soweit wie möglich lokal finanziert werden. Dazu muss man lokale Finanzmärkte stärken. Wir helfen zum Beispiel beim Aufbau von Einlagensicherungsfonds. Das macht es für die Sparer leichter, ihr Geld unter der Matratze hervorzuholen und zur Bank zu bringen, die es dann an Firmen ausleihen kann. Gleichzeitig müssen lokale Kapitalmärkte weiter entwickelt werden.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann

erschienen in Ausgabe 10 / 2017: Kongo: Das geschundene Herz Afrikas

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