Namibia
Namibia

„Oshilongo heißt Zuhause“

Ab 1979 wurden einige Hundert Kinder aus Namibia in die DDR ausgeflogen, um sie vor dem Krieg in Sicherheit zu bringen. Am Ende des Ost-West-Konflikts wurden sie wieder zurückgeschickt. Lucia Engombe und Polly Shino waren zwei von ihnen.

Spiegelei, Kartoffeln und Spinat – ich liebe das deutsche Essen!“, schwärmt Lucia Engombe. Ihre schwarzen krausen Haare lugen unter dem Stirnband hervor, sie trägt schwere Stiefel, einen roten Minirock. 44 Jahre ist sie alt, ihre Lebensgeschichte bewegt sich zwischen Deutschland und Namibia. Zu Hause fühlt sie sich in beiden Ländern, sagt sie. Polly Shino (Name geändert), auch 44 Jahre alt, hingegen sagt: „Mein Zuhause ist bei mir. Wie eine Schnecke, die ihr Zuhause immer bei sich hat.“ Die beiden Frauen kennen sich seit frühester Kindheit, die sie in Deutschland verbracht haben, genauer: in der DDR. Lucia Engombe hat den Weg zurück nach Namibia gefunden, während Polly Shino mit Familie in Köln lebt.

In den 1970er Jahren herrscht Krieg in Namibia: Die marxistisch orientierte Befreiungsbewegung Swapo kämpft gegen die Armee des Apartheidstaates Südafrika. Die Vereinten Nationen haben der Swapo 1973 das Alleinvertretungsrecht für Namibia zuerkannt, doch Südafrika hält das Land besetzt. Tausende Namibier fliehen in Nachbarländer wie Botswana oder Angola. Doch bald sind auch die Flüchtlingslager dort nicht mehr sicher – 1978 etwa überfallen südafri­kanische Truppen das Flüchtlingslager Cassinga in Angola, etwa 600 Menschen sterben. Daraufhin bittet die Swapo weltweit um Hilfe: Wer kann Flüchtlingskinder aufnehmen?

Auch Lucia Engombe lebt zu diesem Zeitpunkt in einem Swapo-Camp in Sambia, als mehrere weiße Männer Kinder zusammenrufen und ihnen ein Abenteuer versprechen. Engombe erzählt, im Lager habe ein weißer Arzt gearbeitet, der die Kinder innerhalb von wenigen Stunden zum Flughafen gebracht habe. Lucia Engombe ist sieben Jahre alt, als sie in ein Flugzeug steigt. Auch Polly Shino fliegt mit: Ihr Vater ist bei der Swapo und hat erwirkt, dass sie mitgenommen wird. Das Ziel: Mecklenburg-Vorpommern. Im abgeschiedenen Schloss Bellin bei Güstrow kommen zunächst achtzig Kinder unter. Insgesamt nimmt die DDR 430 Kinder zwischen zwei und sieben Jahren aus Namibia auf, eine Geste der Solidarität mit der sozialistischen Swapo. Kurz vor Weihnachten kommen sie an, kalt ist es. Schnee kennen die Kinder nicht. „Ich dachte, das sei Zucker. Wir sind rausgelaufen, haben ihn angefasst und natürlich kalte Finger bekommen“, erinnert sich Shino lachend.

Behütet wachsen sie auf. Die anderen Kinder werden zu ihrer Familie, Bellin wird ihr neues, idyllisches Zuhause. Sie verbringen vergnügte Ferien an der Ostsee. Sie lernen Pionierlieder und sozialistische Werte. Das ist die eine Seite. Die andere ist weniger unbeschwert: Viele Kinder sind traumatisiert, sie werden die Erinnerungen an den Krieg nicht los, sehnen sich nach ihren Familien. Und es gibt Geschichten von gewalttätigen Erziehern.

Hinzu kommt: Die Swapo hat die Kinder nicht nur aus Schutz vor dem Krieg ins Exil geschickt. Die Partei will sie zu einer schwarzen Elite ausbilden lassen, die Namibia wieder aufbaut, wenn es unabhängig wird. Was zählt, sind Disziplin und Ordnung, Höchstleistungen im Unterricht und in der militärischen Ausbildung. Man will aus ihnen gehorsame Soldaten machen. Mit Drill, Spielzeuggewehren, Appell am Morgen und Märschen in der Nacht. Manche Kinder haben Angst, auch Lucia Engombe. Häufig betet sie während solcher nächtlicher Manöver.

Mitte der 1980er Jahre kommen die älteren Kinder an die „Schule der Freundschaft“, ein Internat in Sachsen-Anhalt. Von den Unruhen in Afrika oder dem Kalten Krieg vor ihrer Nase bekommen sie nicht viel mit. Sie sind Teenager, die Schule nervt, abends gehen sie in die Disko, haben den ersten Liebeskummer. Trotzdem, etwas ändert sich, immer häufiger fällt auf der Straße das Wort „Neger“, erzählt Polly Shino. Neid spielt eine Rolle, meint sie: „Im Heim wurde für uns gekocht, wir hatten einen Sportplatz, wir hatten alles. Ich glaube, es ging gar nicht um Rasse. Wir hatten mehr als die DDR-Kinder“, sagt Shino. „Ich habe gedacht: Kann ich nicht mal einen Ort haben, wo ich hingehöre?“

Dann kommt das Jahr 1989: Die Mauer fällt, zeitgleich finden in Namibia die ersten demokratischen Wahlen statt, ein Jahr später wird das Land unabhängig. Schnell ist klar: Lucia Engombe, Polly Shino und die anderen Kinder und Jugendlichen werden zurückkehren, nach elfeinhalb Jahren. Sie sprechen fließend deutsch, viele wollen ihren Schulabschluss machen, ihre Wurzeln haben sie fast vergessen. Und jetzt? Der zweite große Abschied in ihrem Leben.

Einerseits möchte Shino nicht weg. Doch gleichzeitig ist sie neugierig und aufgeregt: „Endlich Heimat, endlich zu meinen Eltern!“ Mit zwanzig Kilo Gepäck – Walkman samt Batterien, deutschen Süßigkeiten, dem neuesten Tom-Cruise-Poster – geht es im Sommer 1990 für alle nach Namibia. Dort angekommen erleben sie einen Kulturschock. Vorgestellt haben sie sich ihre Heimat ganz anders. Lucia Engombe vermisst die Wälder, an die sie sich dunkel erinnert. Das Land ist ein totaler Gegensatz zu ihrem Leben in der DDR, was für eine Enttäuschung.

Zunächst werden sie in ein Heim in einem Township von Windhuk gebracht. „Es war dreckig, die Kinder liefen ohne Schuhe herum“, erzählt Lucia Engombe. Das war nicht das Bild, das sie von Afrika hatten. Die junge Frau lebt dort einige Wochen in Ungewissheit, bis sie endlich von ihrer Mutter abgeholt wird. Sie ziehen auf einen Bauernhof ins Ovambo-Land, nördlich von Windhuk. Lucia Engombe muss bei der Farmarbeit helfen, die Wäsche mit der Hand waschen. „In Deutschland drehst du den Hahn auf und das Wasser fließt. Aber im Ovambo-Land gibt es keinen Hahn, da musst du Eimer schleppen.“

Es ist eine schwierige Zeit für Lucia Engombe. Sie weiß nicht, wo sie hingehört, überwirft sich mit ihrer Mutter, ist orientierungslos. Auf beiden Seiten fehlt das Verständnis. „Diese Kinder waren total entfremdet und mitten in der Pubertät, das brachte enorme Schwierigkeiten mit sich“, erzählt Burgert Brand. Zu jener Zeit arbeitet er als Pfarrer in Windhuk, heute ist er Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Land. „Die Frage nach ihrer Identität stand im Mittelpunkt. Sie kamen in ein Land, deren Sprachen sie nicht mehr sprechen konnten oder nie gesprochen haben. Und sie waren angewiesen darauf, dass Brücken gebaut werden zwischen Deutschland und Namibia.“ Brand versucht, diese Brücken zu bauen.

Lucia Engombe wird von einem deutschstämmigen Bauernpaar aufgenommen und unterstützt. Auch andere Kinder finden bei deutschstämmigen Bauern ein Zuhause. Während Engombe mit ihren Pflegeeltern gut klarkommt, gibt es woanders Pro­bleme. Die Jugendlichen sind andere Lebensstandards und Umgangsformen gewöhnt, ein richtiges Familienleben haben sie nie kennengelernt. Schnell wird ihnen Undankbarkeit vorgeworfen, erzählt Brand:  „Sie waren entsetzt, wie primitiv ein Bauernhof ist oder dass man sie in die Kirche mitschleppte – das war alles völlig fremd. Viele dieser Pflegeeltern haben versucht, sich auf autoritäre Art durchzusetzen. Da hat es viele Schiffbrüche gegeben.“

Polly Shino kommt zu ihren leiblichen Eltern. Doch sie fühlt sich nicht wohl in Namibia. Die Folgen der Apartheid sind noch präsent: „Dieser krasse Rassismus im Kopf dieser Menschen – da war das Gerede der DDR-Jugendlichen im Vergleich dazu harmlos.“ Shino und einige der anderen Jugendlichen gehen auf die Deutsche Höhere Privatschule in Windhuk. Bisher waren Weiße unter sich, die jungen Leute aus der DDR sind dort die ersten Schwarzen und sprechen teilweise besser deutsch als die anderen. Ihr wird klar: „Das ist nicht dein Land, sondern das Land von Deutschen, Buren, Engländern.“ Hinzu kommt: Mit der Unabhängigkeit 1990 wird Englisch zur Amtssprache Namibias mit der Folge, dass die Jungen und Mädchen in der Schule kaum folgen können, da sie in der DDR nur kurz Englischunterricht hatten. „Wir waren keine Deutschen wie die Deutschen dort, wir waren keine Ovambos wie die Ovambos dort. Wir waren eben aus der DDR.“ Polly Shino erinnert sich an die Verzweiflung. Schon wieder fühlt sie sich fremd. Den Namibiern sind sie zu Deutsch, den Deutschen zu schwarz.

Manche der Jugendlichen finden ihren Platz nicht. Die Familienverhältnisse sind bei einigen schwierig, sie greifen zu Drogen, landen auf der Straße, sind depressiv, manche Mädchen prostituieren sich. Es gibt Fälle von Selbstmord. Wer ist verantwortlich für die Situation der Jugendlichen? Leute, die den Jugendlichen helfen wollen, werfen der Swapo vor, sie habe die Rückkehr nicht ausreichend vorbereitet. Aber auch in Deutschland habe sich niemand die Folgen überlegt: „Die Führung der DDR hat von heute auf morgen entschieden, das Projekt abzubrechen, ohne daran zu denken, was mit uns wird“, sagt Polly Shino. Auch die Bundesregierung fühlt sich nicht verantwortlich.

Autorin

Juliane Ziegler

ist freie Journalistin für Print und Hörfunk in Frankfurt am Main. Sie beschäftigt sich vor allem mit Themen aus Gesellschaft und Psychologie.
Vereinzelt werden Hände gereicht: Nichtstaatliche Organisationen setzen sich ein, die Kirchen und die Bundesregierung stellen Geld zur Verfügung. Die deutsche evangelische Gemeinde in Namibia lädt die Jugendlichen aus der DDR in ihre Gemeinde ein. Bischof Brand erzählt von interessanten Begegnungen, auch für die Kinder in Windhuk. Aber worin genau die Not der Jugendlichen bestand, das hätten sie nicht gesehen, sagt Brand heute selbstkritisch. Dass viele den Wunsch hatten, so schnell wie möglich wieder in Deutschland zu sein.

Auch Polly Shino wird diesen Gedanken nicht los. „Aber die DDR gab es nicht mehr. Irgendwann war mir klar: Du musst etwas anderes finden.“ Sie hadert mit den Eltern, vor allem mit ihrer Mutter. Sie kann nicht verstehen, wie die Mutter sie wegschicken konnte. Heute, da sie selbst Kinder hat, sagt sie: „Ich würde meine Kinder nie weggeben. Das macht eine Mutter nur, wenn wirklich Not ist.“ Irgendwann hat sie schließlich verstanden, dass ihre Mutter sie weggeschickt hat, damit sie in Sicherheit aufwachsen kann. Aber als 16-Jährige sieht Polly Shino das nicht. Zu jener Zeit sucht sie immer noch „Oshilongo“, das Zuhause, wie es auf Oshivambo heißt, und kämpft gegen das Gefühl, verloren zu sein: „Ich wollte weg. Irgendwohin, wo mich keiner kannte, wo ich einfach Polly sein konnte.“

Sie beschließt, nach Kapstadt zu gehen. Ohne diese Vergangenheit, die an ihr zu kleben scheint. Einige Jahre später kommt sie zurück und lernt Namibia auf eine andere Art kennen: Als Reiseführerin zeigt sie Touristen das Land. Bis die Weltausstellung Expo 2000 sie wieder nach Deutschland führt. Auch zum Schloss Bellin fährt sie und schwärmt: „Wie schön das war! Wenn ich sehe, wie meine Kinder aufwachsen – da habe ich es tausendmal besser gehabt. Die Umgebung, die Erziehung, und diese Gemeinschaft.“ Polly Shino sagt, die militärische Ausbildung habe ihr nicht geschadet. Auch Lucia Engombe, die Oshivambo inzwischen genauso fließend spricht wie Deutsch, hebt das Positive ihrer Kindheit hervor: „Die DDR hat mir das gegeben, was ich sonst als Kind nicht gehabt hätte: Frieden, Meinungs- und Bewegungsfreiheit. In Namibia, wer weiß, da wäre ich wohl nie an eine Schule gekommen, an der weiße Kinder waren.“ Ihre Jahre in der DDR sieht Engombe als Geschenk – trotz der Schwierigkeiten, die sie nach ihrer Rückkehr hatte. Damals findet sie Halt bei Gott und ihrem Glauben. Geholfen hat ihr auch, ihre Geschichte aufzuschreiben und 2004 als Buch zu veröffentlichen.

Die meisten der 430 DDR-Kinder haben ihren Weg gefunden. Auch Polly Shino. Nach der Expo bleibt sie in Deutschland, macht eine Dolmetscher-Ausbildung. Seit mehr als 15  Jahren lebt sie nun in Köln, hat hier ihre Familie. Einerseits sagt sie: „Ich bin und werde immer Namibierin sein. Die Sonne, der Geruch, die Erde – sobald ich in Afrika ankomme, werde ich gelassener. Diese innere Ruhe finde ich nur dort.“ Andererseits: „Mein Zuhause ist da, wo ich mit meinen Kindern bin. Mittlerweile spielt das keine große Rolle mehr, wo der Ort ist. Das Zuhause bin ich.“

erschienen in Ausgabe 10 / 2017: Kongo: Das geschundene Herz Afrikas

Neuen Kommentar schreiben