Unternehmen in Afrika
Unter chinesischer Aufsicht: Eine Baufirma aus der Volksrepublik errichtet eine Brücke über den sambischen Kafue-Fluss.  
Unternehmen in Afrika

China hat die Nase vorn

In Afrika haben Firmen aus China ein lohnendes Geschäftsfeld gefunden. Indische Unternehmen hinken hinterher, doch das Land hat für die Beziehungen zu Afrika noch einige Trümpfe in der Hand.

China ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum wichtigen Partner vieler afrikanischer Staaten geworden. Indien hat es lange verschlafen mitzuziehen, versucht nun aber aufzuholen. Doch bisher findet zwischen beiden kein echter Konflikt um Afrika statt. Sondern afrikanische Länder bieten sowohl China als auch Indien die Möglichkeit, ihre Rohstoffversorgung zu sichern, neue Absatzmärkte zu erschließen und mit Hilfe diplomatischer Zusammenarbeit Unterstützung aus Afrika und damit Einfluss in internationalen Organisationen zu gewinnen.

China ist seit den 1950er Jahren in Afrika tätig. Als das Land 1993 zum Nettoimporteur von Erdöl und anderen Rohstoffen wurde, hat sich das Engagement jedoch deutlich ausgeweitet: Chinesische Firmen und staatliche Akteure begannen, nach ausländischen Absatz- und Investitionsmöglichkeiten zu suchen. Der afrikanische Öl- und Gasmarkt wurde damals aufgrund von Sicherheitsrisiken von westlichen Firmen gemieden und bot sich für China an. Historische Verbindungen zwischen China und Afrika, der Opportunismus aufstrebender chinesischer Manager und die Chance auf wachsende Absatzmärkte trugen zum Engagement in Afrika bei.

Heute sind chinesische Firmen in ganz Afrika tätig, vor allem im Rohstoffhandel, großen Infrastrukturprojekten und dem Ausbau von Informations- und Kommunikationstechnik. Sie dominieren vor allem Infrastruktur-Großprojekte, in der Regel mittels Rohstoffe-gegen-Infrastruktur-Geschäften, bei denen afrikanische Länder für Großvorhaben mit künftigen Rohstoffproduktionen bezahlen. Bestimmend sind Unternehmen, die ganz oder teilweise dem Staat gehören, wie der Öl- und Gaskonzern China National Petroleum Corporation oder Huawei im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie. Darüber hinaus haben sich mittlerweile in vielen anderen Wirtschaftszweigen chinesische Staatsbürger in Afrika niedergelassen; Schätzungen reichen von 250.000 bis zu zwei Millionen.

Beziehungspflege auf höchster Ebene: Chinas Präsident Xi Jinping (links) und seine Amtskollegen Jacob Zuma aus Südafrika (Mitte) und Robert Mugabe aus Simbabwe auf einem Forum zur Kooperation China-Afrika 2015 in Südafrika. Siphiwe Sibeko/Reuters
Auch Indiens Politiker und Firmen bemühen sich seit Anfang der 2000er Jahre stärker um Afrika. Dies geschah wohl zunächst, weil sie den Erfolg und die Ausbreitung chinesischer Firmen in Afrika wahrnahmen. Aber mit dem zunehmenden Wohlstand dort wuchs auch die Bedeutung des Kontinents als Absatzmarkt für indische Produkte, vor allem in den Bereichen Telekommunikation, Informationstechnologie, Pharmazie und Landwirtschaft. Gleichzeitig blieb die indische Ölindustrie in der Entwicklung der heimischen Quellen weit hinter Zielvorgaben und es gab Probleme mit Ölimporten aus dem Iran; daher wuchs in Neu-Delhi der Wunsch, auch andere Importquellen für fossile Energieträger zu finden. Versuche staatseigener indischer Firmen, nach Afrika zu expandieren, scheiterten im vergangenen Jahrzehnt aber oft an der risikoscheuen indischen Bürokratie.

Indische Firmen in Afrika: im Schatten Chinas

Indische Firmen haben sich – von der Öffentlichkeit wenig beachtet – in Afrika vor allem in Pharmazie und Gesundheit, der Informations- und Kommunikationstechnik, der Agrarindustrie, der Textilindustrie sowie vielen anderen kleineren Bereichen etabliert. Staatseigene Betriebe sind dabei weniger von Bedeutung, ausgenommen im Rohstoffsektor. Stattdessen dominieren private indische Industriekonglomerate wie Bharti mit seinem Mobilfunk-Anbieter Airtel oder wie der Auto-Hersteller Tata. Daneben gibt es eine Reihe bedeutender afrikanischer Firmen, die historisch in der indischen Diaspora in Ostafrika entstanden sind, insbesondere die Supermarktkette Nakumatt und Chandaria Industries, das Gesundheitsprodukte herstellt.

Doch Indien steht in Afrika wirtschaftlich und politisch weiter im Schatten Chinas – und das, obwohl es geografisch nahe an Ostafrika liegt und die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen eine lange Tradition haben. Der Handel zwischen Indien und Afrika wurde im Jahr 2015 auf etwa 70 Milliarden US-Dollar geschätzt, deutlich weniger als das chinesisch-afrikanische Handelsvolumens von 250 bis 300 Milliarden US-Dollar.

Afrikanische Partner nehmen besonders chinesische, aber auch indische Firmen oft als einen verlängerten Arm der jeweiligen Regierung wahr, was diese jedoch nicht sind. Für das Engagement vieler Firmen in Afrika ist der Einfluss der Regierungen in Peking und Neu-Delhi – einschließlich der jeweiligen Afrikapolitik – weitaus weniger wichtig, als meist angenommen wird. Gleichzeitig wird der staatliche Einfluss weniger konsequent durchgesetzt als oft vermutet. Das Engagement in Afrika lässt sich angesichts der unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten kaum zentral steuern.

Gute Basis für gemeinsame Projekte: Indiens Premierminister Narendra Modi (rechts) versteht sich gut mit dem Chef der Afrikanischen Entwicklungsbank, Akinwumi Adesina, im Mai 2017 in Gandhinagar. Amit Dave/Reuters
Im Gegenteil sind vielen chinesischen und indischen Firmen die außenwirtschaftlichen Vorschriften aus Neu-Delhi und Peking ein Dorn im Auge. Obwohl staatliche Unterstützung und staatlich garantierte Kredite viele Projekte erst möglich gemacht haben, würden viele chinesische und indische Firmen mittlerweile gerne noch unabhängiger von ihren Heimatstaaten vorgehen.

Bisher sind indische Firmen und staatliche Akteure in Afrika noch keine ernstzunehmende Konkurrenz zu chinesischen. Ein Hauptproblem bleibt, dass indische Firmen weniger Geld für Afrika in die Hände nehmen als China und staatliche Entscheidungsverfahren oft zu bürokratisiert sind. Dass Indiens Premierminister Narendra Modi seinen außenpolitischen Fokus bislang auf Ostasien gelegt hat, wird die Genehmigung von Investitionsprojekten von Staatskonzernen in Afrika zumindest nicht erleichtern. Im Rohstoffsektor erschweren heute der niedrige Ölpreis und der späte Marktauftritt indischen Firmen den Zugang – viele Projekte in Afrika haben sich chinesische Ölkonzerne schon gesichert. Darüber hinaus funktioniert ein Tauschhandel, den China benutzt hat, für Indien nicht: China hat internationalen Konzernen wie Shell eine Zeit lang nur Zugang zu Märkten in China gewährt, wenn sie dafür chinesischen Ölkonzernen Zugang zu ihren Projekten in Afrika gaben. Indien hat dieses Druckmittel nicht, weil sein Öl- und Gasmarkt weniger entwickelt und vermutlich auch kleiner ist als der chinesische.

Immer mehr Kritik an den Rohstoffe-gegen-Infrastruktur-Geschäften

Auch bei den politischen Beziehungen hat China in Afrika weiter einen Vorsprung. Die Regierung in Peking hat mehr diplomatische Mittel und betreibt einen wesentlich höheren politischen Aufwand in Afrika. Im gesamten diplomatischen Dienst beschäftigt Indien rund 1800 Beamte, China rund 6000. Die Volksrepublik unterhält 52 diplomatische Vertretungen in Afrika, Indien kommt auf 29 Botschaften und Konsulate.

Auch bei regelmäßigen prominenten Gipfeltreffen hat China die Nase vorn. Das von Peking organisierte Forum für chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit (Forum on China-Africa Cooperation) hat seit dem Jahr 2000 bereits sechs Mal afrikanische Minister und Staatsoberhäupter mit Regierungsvertretern aus Peking zusammengebracht; jedes Mal wurden die zugesagten Investitionssummen größer. Als Reaktion auf dieses Forum und auf zunehmende Geschäfte indischer Firmen in Afrika zog Neu-Delhi 2008 nach und organisiert seitdem den Indisch-Afrikanischen Forum-Gipfel (India-Africa Forum Summit). 2008 und 2011 diskutierten indische Regierungsvertreter dort mit nur jeweils rund 15 afrikanischen Staaten; erst 2015 hat Neu-Delhi zum ersten Mal alle afrikanischen Staaten eingeladen.

Für China bringt das Engagement in Afrika aber zunehmend Konflikte. Gleichzeitig mit dem wirtschaftlichen Vordringen hat sich Peking stärker politisch und militärisch engagiert; zunächst nur im Rahmen von UN-Missionen, mittlerweile auch immer mehr in Eigenregie. Zum Beispiel haben die Evakuierung von rund 35.000 chinesischen Staatsbürgern aus Libyen im Jahr 2011 und der Bürgerkrieg im Südsudan Chinas Führung zu einem wesentlich bestimmteren außenpolitischen Auftreten gezwungen, als ihre Politik der Nichteinmischung normalerweise zulässt. Zurzeit wird eine chinesische Militärbasis in Dschibuti unter dem Vorwand aufgebaut, so die Beteiligung an UN-Missionen und humanitären Missionen besser organisieren zu können. Die Militärbasis wird China aber auch ermöglichen, eigene Staatsbürger und Investitionen in Afrika besser zu schützen und im Notfall schneller zu evakuieren. Über weitere Verwendungsmöglichkeiten schweigt China bisher.

Gleichzeitig häufen sich Beschwerden in Afrika über die chinesische Präsenz. Immer mehr afrikanische Regierungen stehen den Rohstoffe-gegen-Infrastruktur-Geschäften mit China kritisch gegenüber. In der Bevölkerung wächst der Unmut, dass ihre Regierungen Mittel aus China veruntreuen, und die Qualität der von China gebauten Infrastruktur wird bemängelt. Zum Beispiel beschweren sich Taxifahrer in Nairobi regelmäßig, dass die von chinesischen Firmen gebauten Straßen zu schnell verfallen. Zu Konflikten führt auch, dass eine steigende Zahl chinesischer Staatsbürger nach Ablauf ihrer Aufenthaltserlaubnis illegal in Afrika bleibt und sich oft zum Beispiel im illegalen Bergbau betätigt.

Modis Afrika-Agenda

Auf indischer Seite ist seit dem Amtsantritt von Narendra Modi im Jahre 2014 und dem dritten Forum-Gipfeltreffen von 2015 etwas mehr Bewegung zum Thema Afrika zu bemerken. Im vergangenen Jahr besuchte Modi auf einer großen Afrika-Reise Kenia, Mosambik, Südafrika und Tansania. Auf seiner Afrika-Agenda stehen vor allem, den Kontakt zur indischen Diaspora zu erneuern, weitere Absatzmärkte zu öffnen und mehr verschiedene Quellen für indische Rohstoffimporte zu erschließen. Dazu kommt das Ziel, Indien einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu verschaffen; hierfür wären die Stimmen afrikanischer Staaten von entscheidendem Vorteil.

Zudem beunruhigt die Präsenz der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Osten Afrikas und im indischen Ozean die Regierung in Neu-Delhi, wenn auch zunächst nur aufgrund der geografischen Nähe zu Indien. Das hängt damit zusammen, dass zwischen Indien und China ein Streit über die gemeinsame Grenze im Himalaja schwelt, der sich Mitte 2017 bedrohlich zugespitzt hat. Die politischen Differenzen in Asien wirken sich zumindest in Teilen auf das Engagement der beiden asiatischen Staaten in Afrika aus, sie sind dafür aber nicht allein ausschlaggebend.

Autor

Tim Steinecke

hat an der schottischen Universität St. Andrews zu Beziehungen zwischen Afrika und Asien promoviert und arbeitet für die norwegische Beratungsfirma Xynteo.
Dass Indien in Afrika später dran ist als China, muss sich nicht zwangsweise als Nachteil herausstellen. Die Regierung in Neu-Delhi und indische Firmen haben einige Trümpfe. So können sie sich auf das politische Erbe von Jawaharlal Nehru in Afrika berufen: Unter seinem ersten Ministerpräsidenten hat Indien die afrikanische Entkolonialisierung nach 1950 unterstützt. Gleichzeitig weist das Land mittlerweile eine Vielzahl erfolgreicher Unternehmen in Gesundheit und Landwirtschaft auf, also in Bereichen, in denen Afrika von bezahlbaren und einfachen Produkten und Technologien profitieren könnte. Hier und bei Bildung und Personalentwicklung steht Indien in der Entwicklungsstufe Afrika näher, als China dies tut.

Darüber hinaus ist der Mangel an Infrastruktur in Afrika so groß, dass er vielen Anbietern und Investoren Spielraum bietet. Im Rohstoffsektor ist gerade in Ostafrika der Markt stark in Bewegung und der niedrige Ölpreis mischt die Karten neu. Darüber hinaus sind kulturelle Aspekte in der indisch-afrikanischen Beziehung bedeutend: Historisch und durch die weite Verbreitung der englischen Sprache stehen weite Teile Afrikas Indien deutlich näher als China. Die indischen Diasporagruppen in Ost- und Südafrika hatten bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung beider Regionen. In Südafrika sind etwa 1,5 Millionen Menschen (drei Prozent der Bevölkerung) indischer Abstammung, in Ostafrika rund 1,2 Millionen.

Die Kooperation zwischen China und Afrika seit fast zwei Jahrzehnten hat dazu geführt, dass afrikanische Regierungen nicht mehr allein auf westliche Partner angewiesen sind. Bisher spielen afrikanische Staaten aber noch nicht häufig aktiv Indien und China als Partner gegeneinander aus. Dafür sind die von chinesischen und indischen Firmen besetzten Bereiche oft noch zu unterschiedlich. Und selbst in Bereichen, in denen sowohl chinesische als auch indische Firmen tätig sind, gibt es bisher kaum Beispiele, in denen afrikanische Auftraggeber aktiv einen Wettbewerb forciert hätten. Indien ist auch wegen geringer Investitionsbereitschaft und seiner heimischen Bürokratie für afrikanische Länder in vielen Fällen noch keine echte Alternative zu China.

Dennoch dreht sich vielerorts der Wind für chinesische Firmen und politische Institutionen. Die Kritik afrikanischer Gastländer am chinesischen Engagement wächst und der Vorwurf der neokolonialen Ausbeutung wird lauter. Indische Firmen und die indische Politik können das nutzen. Das politische und gesellschaftliche Klima in Afrika ist kein Hinderungsgrund für einen breiteren Markteintritt Indiens in Afrika.

erschienen in Ausgabe 11 / 2017: Süd-Süd-Beziehungen: Manchmal beste Freunde

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