Diaspora
Traditionen pflegen in der Fremde: Chinesische Einwanderer zeigen 2017 in New York die Kampfkunst Tai Chi beim chinesischen Neujahrsfest, ihrem ­wichtigsten Feiertag.  
Diaspora

Ferne Bürger mischen mit

Der politische und ökonomische Einfluss von Diasporagruppen wächst. Viele Regierungen nutzen sie inzwischen als Brücken­köpfe im Ausland. Doch nicht alle Migranten fühlen sich ihrem Herkunftsland eng verbunden.

Diasporagruppen gelten als wichtige Mitspieler in der Weltpolitik. Sie wirken daran seit einigen Jahrzehnten in zunehmend unterschiedlichen Rollen mit: Sie fördern im Herkunftsland wirtschaftliche Entwicklung, unterstützen dort Demokratisierungsprozesse oder beteiligen sich daran, am Wohnort die Öffentlichkeit zugunsten des Herkunftslandes zu beeinflussen (public diplomacy). Ein Grund für ihre wachsende politische Bedeutung ist die Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationstechnik. Sie macht es leichter, Verbindungen über große Distanzen zu pflegen und ein „grenzüberschreitendes Leben“ zu führen. Damit ist auf Seiten von Regierungen, politischen Parteien, internationalen Organisationen und Gruppen der Zivilgesellschaft das Interesse gewachsen, in der globalisierten Welt ihre Ziele mit Hilfe von Diasporagruppen zu verfolgen.

Was genau eine Diaspora ist, ist manchmal schwer zu beantworten – über die Definition wird gestritten. Nicht alle, die ins Ausland abwandern, betrachten sich als Teil einer Diaspora oder engagieren sich politisch für ihr Herkunftsland. Umgekehrt sind nicht alle, die sich als Mitglieder einer Diaspora verstehen, auch Migranten: Viele „klassische“ Diasporagruppen wie die der Juden oder der Armenier bestehen großteils aus Menschen, die nicht selbst ausgewandert, sondern Nachkommen von Migranten oder Flüchtlingen sind; einige haben nie einen Fuß in ihr sogenanntes Heimatland gesetzt, fühlen sich diesem aber trotzdem verbunden.

Mitglieder der armenischen Diaspora treffen sich in einem Park von Irans Hauptstadt Teheran Ende 2014 zum Kartenspielen. Erhan Arik/Narphotos/Laif
Die Bedeutung des Begriffs „Diaspora“ hat sich mit der Zeit gewandelt und hängt vom Kontext ab. Im Deutschen bezog er sich lange auf protestantische oder katholische Minderheiten im Gebiet der anderen Konfession. In der englischen Forschung bezeichnete der Begriff jahrzehntelang ausschließlich die jüdische Diaspora; dann wurde er erweitert und umfasste alle Gruppen, die als Folge einer traumatischen gewaltsamen Vertreibung in alle Welt verstreut wurden, etwa die Armenier.

Diaspora bezieht sich aber nicht nur auf Gruppen, die ausgewandert oder ins Ausland geflohen sind. Diaspora bezeichnet auch Gruppen, deren Siedlungsgebiet von ihrer Heimatregion abgetrennt wurde, weil neue Nationalstaaten entstanden und neue Grenzen gezogen wurden. Der Zerfall des Habsburgischen und des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und der Sowjetunion erzeugte ab 1990 die Diasporagruppen der Ungarn in Rumänien, der Kurden in der Türkei, im Irak, in Syrien und im Iran sowie der Russen in Estland und Lettland.

Subjektive Identität und Verbindung zum Herkunftsland

Heute wird Diaspora oft in einem weiten Sinn verwendet: Darunter fällt fast jede transnationale Gruppe, die in mehreren Staaten lebt, ein starkes Gefühl der ethnischen oder nationalen Zusammengehörigkeit hat, dieses durch Verbindungen untereinander pflegt und sich auf ein reales oder erstrebtes Heimatland bezieht. Doch Definitionen, die in erster Linie auf die ethnische oder nationale Herkunft abheben, können in die Irre führen und politisch pro­blematisch sein. Zu einer Diaspora gehört ein subjektives Element der Identität und der Verbindung zum Herkunftsland. Wie stark Einzelne sich einer ethnischen, nationalen oder religiösen Gruppe zugehörig fühlen, kann von Ort zu Ort verschieden sein und sich mit der Zeit ändern; die Identität als Diaspora kann verblassen und unbedeutend werden.

Der Begriff kann also zu dem falschen Eindruck verleiten, dass Menschen ein Herkunftsland vertreten und ihm verbunden sind, für das sie sich in Wirklichkeit kaum noch interessieren. Umgekehrt sind manche Diaspora-Aktivisten emotional oder politisch einem „Heimatland“ eng verbunden, in dem ihre Familie seit mehreren Generationen nicht mehr lebt. Daher ist es wichtig, Diasporagruppen nicht als natürliche Einheiten zu betrachten, sondern die Diasporapolitik zu betrachten: Wie wird die Identität als Diaspora gebildet und aufrechterhalten – von wem und zu welchem Zweck?

Wie stark eine Identität als Diaspora hervortritt, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören die politische Lage in dem Land, in dem die Gruppe lebt, und in ihrer „Heimat“, sowie die Möglichkeiten, die beide den Menschen bieten. Je nach politischer Konjunktur scheinen Diasporagruppen häufig zu „erwachen“ oder „einzuschlafen“. Der Arabische Frühling von 2011 hat in Europa

Bevölkerungsgruppen mit Verbindungen zu Libyen, Tunesien oder Ägypten zu starkem politischem Engagement für diese Länder veranlasst, obwohl sie sich vorher vielleicht gar nicht als Teil einer Diaspora begriffen hatten. Auch wie US-Amerikaner irischen Ursprungs sich politisch zu Irland stellen, hat sich mit der Lage in Nordirland stark verändert: Auf dem Höhepunkt der Unruhen in den 1970er und 1980er Jahren war die irische Gemeinschaft in den USA stark politisiert; mit dem Friedensprozess in Nordirland in den 1990er Jahren ließ das Engagement nach und die Diasporabindungen an die Insel wurden schwächer

Politische Einflussnahme über die Diaspora

Eine Diaspora kann ihre Identität mittels Mythen und Erinnerungen aufrechterhalten. Aber direktes Engagement im Herkunftsland setzt voraus, dass es dort Chancen dafür gibt und man Zugang bekommt – zum Beispiel, dass es gesetzlich möglich ist, vom Ausland aus zu wählen oder im Herkunftsland zu investieren.

Viele Staaten wollen es Migranten im Ausland und ihren Nachfahren erleichtern, wirtschaftliche oder politische Bindungen aufrechtzuerhalten, und haben dazu in den vergangenen Jahrzehnten politische Strategien entwickelt oder Diasporaministerien eingeführt. Sie mobilisieren zunehmend Diasporagruppen, um ausländische Direktinvestitionen und den Handel zu fördern oder nutzen die Diaspora als Mittel der „weichen Macht“ und der diplomatischen Einflussnahme. Indien hat lange seiner Diaspora die kalte Schulter gezeigt, umwirbt sie jetzt aber; es hat für im Ausland lebende Bürger sowie für Ausländer mit indischer Abstammung jeweils spezielle Rechtskategorien geschaffen. Südkorea verhält sich gegenüber Koreanern im Ausland je nach Wohnort unterschiedlich, etwa denen in den USA und in China. In einigen Fällen wetteifern zwei Staaten um die Loyalität derselben Diasporagruppen. So bemühen sich Süd- und Nordkorea beide um die in Japan lebende Diaspora der sogenannten Zainichi, und China und Taiwan konkurrieren um Einfluss auf die Chinesen in Übersee.

Viele Somalier leben von Geld, das ihnen Familienmitglieder im Ausland schicken: Auszahlung in einem Transferbüro in Mogadischu. Omar Faruk/ Reuters
Staaten können Abgewanderten die doppelte Staatsbürgerschaft oder Investitionsmöglichkeiten anbieten und sich so die Mittel und das Ansehen von Menschen jenseits der eigenen Grenzen zunutze machen. Das kann eine wertvolle Quelle von Kapital und Einnahmen sein. Die weltweiten Rücküberweisungen aus dem Ausland beliefen sich 2017 auf etwa 600 Milliarden US-Dollar und machten für manche Länder bis zu einem Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts aus. Organisationen wie die Weltbank treten dafür ein, Diasporas als wichtige Faktoren des Wirtschaftswachstums zu behandeln. Indien, Mexiko und viele andere Länder fördern gezielt Rücküberweisungen und nutzen sie für Entwicklungszwecke. Mexiko wirbt dafür, dass Vereine aus der Diaspora die Infrastruktur am Herkunftsort finanzieren, und stockt deren Mittel dann auf.

Doch das Selbstverständnis als Diaspora wird auch von den Verhältnissen am Wohnort beeinflusst. In demokratischen Gesellschaften, in denen Menschen sich frei zusammenschließen, äußern und politisch betätigen können, findet man eher eine Vielzahl politisch engagierter Diasporagruppen als in repressiven Ländern, wo es kaum solche Rechte gibt. In Europa betätigen sich Diasporagruppen viel eher politisch als in den arabischen Golfstaaten – und zwar ungeachtet ihres Herkunftslandes, sei es Palästina, Pakistan oder Bangladesch.

Diaspora-Mitglieder fördern Entwicklung in den Herkunftsländern

Auch Staaten, in denen Diasporagruppen leben, wenden sich diesen zunehmend zu – sie verfolgen damit Ziele der Außen- oder Entwicklungspolitik. So haben Entwicklungsagenturen in den USA, Großbritannien und Deutschland (hier die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ) Programme aufgelegt, um die Verbindungen zwischen Diasporas und ihren sogenannten Heimatländern zu fördern. Die USA haben begonnen, Rücküberweisungen von Migranten zur Auslandshilfe zu zählen. Die GIZ ermutigt Mitglieder von Diasporas in Deutschland, Entwicklung zu Hause zu fördern. Sie hilft denen, die zurückkehren wollen, beim Wissenstransfer, und setzt hoch qualifizierte Diasporamitglieder in Beratungsstellen in Ländern wie Afghanistan ein.

Wie alle Bereiche der Politik kann auch die Diasporapolitik nur im Kontext der größeren Macht- und Interessenspiele verstanden werden, in die sie eingebettet ist. Hierzu gehören die Machtkonstellation im Herkunftsland wie am Wohnort, das weltpolitische Umfeld (etwa die Interessen dritter Staaten und von internationalen Organisationen) und nicht zuletzt die Auseinandersetzung in einer Diaspora selbst. Der Bezug auf eine Diaspora kann verschiedenen Seiten politisch Vorteile bringen. Wer behauptet, für eine ganze Diaspora zu sprechen, kann Zugang zu Entscheidungsträgern, Geldgebern und Netzwerken erlangen – am Wohnort wie im Herkunftsland – und zugleich innerhalb der Gruppe, die er vertreten will, an Status gewinnen.

In manchen Fällen gibt es eine intensive Konkurrenz darum, wer die legitime Stimme einer Diaspora ist. Rivalitäten und Spaltungen spiegeln dabei oft die Politik im Herkunftsland. Die eritreische Diaspora ist gespalten in loyale Parteigänger der Regierung in Asmara, die von der Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit dominiert wird, und verschiedene Oppositionsgruppen. Diese Spaltung geht bis auf den Befreiungskampf von Äthiopien seit den 1960er Jahren zurück und hat sich nach der Unabhängigkeit des Landes 1993 fortgesetzt.

Politisch engagierte Diaspora: ­Kurden demonstrieren im März 2017 in Frankfurt am Main gegen die Pläne des türkischen Präsidenten Erdogan, die Verfassung zu ändern. Ralph Orlowski/Reuters
Die Dynamik der Diasporapolitik verdeutlicht das Beispiel Türkei. Türkische Diasporagruppen engagieren sich seit langem ohne großes Aufsehen in verschiedensten Formen für das Mutterland. Dazu gehört die Teilnahme an staatlichen Institutionen und Aktionen, etwa an Wahlen. An den Parlamentswahlen von 2015 und am Referendum über die neue Verfassung 2017 haben sich viele Türken im Ausland beteiligt – in Konsulaten und Botschaften in ganz Europa gaben sie ihre Stimme ab. Beide Urnengänge galten als wichtige Symbole für die Beziehung der Türkei zu ihrer Diaspora weltweit. Alle wichtigen politischen türkischen Parteien trieben in Europa zumindest in gewissem Umfang Wahlkampf. Und das Referendum von 2017 führte zu Streitigkeiten zwischen der türkischen Regierung und den Niederlanden sowie Deutschland über den Wahlkampf unter dort lebenden Türken.

Kontroverser sind andere Arten des politischen Einsatzes in der Diaspora. Kurdische Gruppen mit Verbindung zur Türkei haben immer wieder in Europa Proteste organisiert, als der Konflikt zwischen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK und dem Staat neu aufflammte und zum Teil des Krieges in Syrien wurde. Und strittige Aktionen in der Diaspora kamen nicht nur von Kurden. Hunderttausende Armenier, die in der ganzen Welt verteilt leben, sind Nachkommen von Vertriebenen aus dem Gebiet der heutigen Türkei. Viele von ihnen haben 2015 an Gedenkfeiern zum hundertsten Jahrestag des Völkermords dort teilgenommen und verlangt, dass die Türkei den Genozid von 1915 an den Armeniern als solchen anerkennt.

Aber nicht alle, die aus der Türkei ausgewandert sind oder Familienbande dorthin haben, zählen sich zur türkischen Diaspora. Viele halten sich von der Diasporapolitik fern, auch wenn Regierungen in Europa, Politiker in der Türkei und Diaspora-Organisationen daran interessiert sind, diese Menschen als „Diaspora“ zu mobilisieren. Der türkische Staat ist in Europa seit langem mit zahlreichen Konsulaten und mit Staatsbediensteten wie Lehrern und Imamen vertreten. 2010 hat die Türkei das „Büro für Türken im Ausland und damit verbundene Gemeinschaften“ gegründet, ein staatliches Gremium zur Mobilisierung der Diaspora. Doch Versuche, mit Hilfe der Diaspora im Ausland Einfluss zu nehmen, sind auch auf Widerstand gestoßen, sobald sie innere Konflikte und Spaltungen aus der Türkei exportiert haben. Wenn Politiker wie der türkische Präsident Recep Tayyib Erdogan behaupten, für die Diaspora zu sprechen, bekommt er auch in Europa Gegenwind – von Seiten kurdischer Gruppen und anderer Opponenten seiner Regierung. Leute, die Familienbindungen in die Türkei haben, sich aber als Bürger Deutschlands oder anderer europäischer Staaten betrachten, akzeptieren nicht, dass Erdogan für sie spricht; sie haben kein Interesse, sich in die türkische Politik einzumischen.

Autorin

Fiona Adamson

lehrt Internationale Beziehungen an der SOAS Universität London. Sie beschäftigt sich unter anderem mit transnationaler Identitätspolitik sowie mit Migration und Diaspora.
Auch übereifrige Diaspora-Aktivisten haben zuweilen die Interessen der Gruppe, für die sie angeblich sprachen, verzerrt und den Menschen manchmal sogar geschadet. So waren in Indonesien chinesischstämmige Einwohner seit Jahrhunderten Teil der Bevölkerung; sie waren wirtschaftlich erfolgreich, wurden aber systematisch diskriminiert. 1998 kam es infolge der Finanzkrise in Asien zu Angriffen auf ethnische Chinesen. Damals mobilisierte eine weltweite Diaspora der Überseechinesen, angeführt von Aktivisten in den USA, Unterstützung für ihre „Volksangehörigen“. Aber die Chinesen in Indonesien widersetzten sich diesem Vorhaben und betonten, dass sie sich als Indonesier verstünden, nicht als Mitglieder einer chinesischen Diaspora. Ähnlich haben Angehörige der koptischen christlichen Gemeinden in Ägypten Vorbehalte gegen den politischen Einsatz koptischer Diaspora-Organisationen in den USA und Europa vorgebracht.

Das Potenzial der Diasporapolitik wird von allen Seiten zunehmend genutzt – es ist ein Mittel der Einflussnahme in einer verflochtenen Welt. In vielerlei Hinsicht stellt das die traditionelle Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik infrage. Doch man muss im Blick behalten, dass auch die Diaspora-Politik mit der politischen Konjunktur stärker oder schwächer werden kann. Und nicht alle Migranten und Menschen mit Familienbindungen ins Ausland verstehen sich als Mitglieder einer Diaspora: Viele freuen sich vor allem auf ein Leben an ihrem neuen Ort.

Aus dem Englischen von Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 2 / 2018: Diaspora: Zu Hause in zwei Ländern

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