Weltsozialforum
Protestmarsch zur Eröffnung des diesjährigen Weltsozialforums am 13. März in Salvador de Bahia.
Weltsozialforum

Nur noch zahmer Widerstand

Das Weltsozialforum ist 2018 nach Brasilien zurückgekehrt. Das Treffen hat an Sichtbarkeit verloren, bleibt aber wichtig für den Austausch über Alternativen für eine "andere Welt".

Bei tropischen Temperaturen haben sich Mitte März nach Angaben der Veranstalter rund 80.000 Menschen in der nordbrasilianischen Hafenstadt Salvador de Bahia am Weltsozialforum (WSF) beteiligt – das waren mehr als doppelt so viele Teilnehmer als vor zwei Jahren im kanadischen Montreal. Auf dem weitläufigen Campus der staatlichen Universität von Bahia fanden an fünf Tagen insgesamt 2000 Veranstaltungen zu 19 Themenschwerpunkten statt – zu Menschenrechten, Gender, Umwelt, Migration, Frieden und Solidarität. Nicht alle Veranstaltungen erfüllten den Anspruch eines globalen Treffens mit internationaler Ausstrahlung. Doch seit seiner Gründung 2001 in Porto Alegre bietet das Forum auch regionalen Initiativen ein Schaufenster und die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen.

In Salvador de Bahia besonders präsent waren afrobrasilianische Organisationen und Themen rund um Rassismus gegen Schwarze und Diskriminierung von Frauen. Entsprechend aufgewühlt und empört reagierten viele Forumsteilnehmer auf die Ermordung der linken Kommunalpolitikerin Marielle Franco in Rio de Janeiro am 14. März. Die in einer Favela aufgewachsene Menschenrechtlerin war eine Hoffnungsträgerin für Frauen, Schwarze und Ausgegrenzte in ganz Brasilien.

Das Weltsozialforum in Salvador de Bahia stand unter dem Motto „Widerstand heißt Aufbau, Widerstand heißt Transformation“. Die meisten Debatten lösten den Anspruch ein, über die Globalisierungskritik hinaus Alternativen für eine „andere Welt“ zu entwickeln. So zum Beispiel das internationale Treffen zu „Neuen Paradigmen“, gemeinsam getragen von der brasilianischen Vereinigung nichtstaatlicher Organisationen (Abong) sowie den drei katholischen Hilfswerken Misereor, Dreikönigsaktion und Fastenopfer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Prinzip der „glücklichen Genügsamkeit“

Dabei wurden Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung diskutiert, die auf dem Prinzip einer „glücklichen Genügsamkeit“ basieren, wie der französische Philosoph Patrick Viveret das Konzept des „Buen vivir“ bezeichnete. Unter anderem wurde eine Datenbank lanciert, die Informationen zu alternativen Praktiken sammelt, etwa in der ökologischen Landwirtschaft und zur umweltfreundlichen Energiegewinnung, und dieses Wissen anderen Interessierten zugänglich macht. Der ehemalige UN-Botschafter Boliviens, Pablo Solón, plädierte für Alternativen zu einem einseitig auf Produktion ausgerichteten System. Der Öko-Aktivist und frühere Minister ist bei der bolivianischen Regierung in Ungnade gefallen, nachdem er den Bau von großen Staudämmen kritisiert hatte.

Mit dem Austragungsort in Salvador de Bahia kehrte das Weltsozialforum wieder in den Süden zurück – 2016 hatte es in Kanada und damit erstmals in einem Industriestaat des Nordens stattgefunden. Die Aktivisten der studentischen „Occupy“-Bewegung hatten das Forum nach Montreal geholt, was im Vorfeld für Kontroversen gesorgt hatte. Die Befürchtung damals, dass Teilnehmern aus Ländern des Südens die Einreise wegen Visumsbeschränkungen verwehrt bleiben könnte, traf tatsächlich ein. Medienberichte führten immerhin dazu, dass die kanadische Regierung ihre Visapolitik lockern musste. Mit 30.000 Teilnehmern war das Forum in Kanada aber deutlich kleiner geblieben als das diesjährige in Brasilien. Der Abstecher nach Nordamerika trug jedoch zu einer Verjüngung des Weltsozialforums bei, und die kanadische Delegation war in Salvador de Bahia eine der aktivsten.

Manche zweifeln an der Zukunft des Formats

Trotzdem ist die Zukunft des Weltsozialforums offener denn je. „Wir sind in einer schwierigen Phase unseres Kampfs“, sagt Chico Whitaker, Mitbegründer des Forums von Porto Alegre und Mitglied des Internationalen WSF-Rates. Aus seiner Sicht hat das Forum nur eine Zukunft, wenn es eine offene Plattform des Austausches bleibt und nicht zu einer Politorganisation umfunktioniert wird, die Resolutionen beschließt.

Die Forderung nach einer stärkeren Durchschlagskraft des WSF wird seit den Anfängen immer wieder laut. „Doch das Weltsozialforum schafft keine Bewegungen, sondern kann nur verstärken, was existiert“, sagt Whitaker, der bedauert, dass das Forum in den vergangenen Jahren nicht mehr gleichzeitig mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos stattgefunden hat. Die anfängliche Positionierung als „Anti-Davos des Südens“ hatte für mehr Sichtbarkeit und mediale Präsenz gesorgt.

Ohnehin steht der 84-jährige brasilianische Aktivist der ersten Stunde globalen Treffen mittlerweile skeptisch gegenüber. Whitaker sieht die Zukunft eher in thematischen Foren. So fand unmittelbar im Anschluss an das WSF in Bahia ein alternatives Wasserforum in Brasília statt – als Gegenveranstaltung zum 8. offiziellen Weltwasserforum des World Water Council.

erschienen in Ausgabe 4 / 2018: Globale Politik von unten

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