Telemedizin
Jamus Mfinan­ga betrachtet ein Röntgenbild aus dem Süden Tansanias. Der Notarzt in Daressalam diagnostiziert eine Tuberkulose.
Telemedizin

Der Facharzt hilft von ferne

Telemedizin soll Patienten in Landgebieten Tansanias besser versorgen. Doch die Verfahren haben durchaus ihre Tücken – und stoßen nicht überall auf Gegenliebe.

Fast im Minutentakt rollen Kleinbusse und Taxen auf den vom Regen aufgeweichten Platz vor dem Krankenhaus. Sie bringen Patienten aus dem ganzen Land nach Daressalam. Viele haben eine lange Reise hinter sich, manche mussten dafür ihre letzten Schillinge zusammenkratzen. Da wo sie herkommen, wussten die Ärzte nicht weiter. Hier im Muhimbili National Hospital hoffen die Kranken auf den Rat und die Erfahrung der Fachärzte, der Internisten, Augenärzte oder Chirurgen.

Dank Telemedizin sollen bald weniger Patienten in die Metropole im Osten des Landes fahren müssen – und all jene besser versorgt werden, die das Geld für die Reise und den Aufenthalt in Daressalam erst gar nicht aufbringen können. Zumindest wenn es nach Jamus Mfinanga geht. Der quirlige Mittdreißiger hat vor fünf Jahren als einer der ersten Mediziner in Tansania eine Weiterbildung zum Notarzt absolviert, heute leitet er im Muhimbili die größte Notaufnahme des Landes. Ein Karrierearzt, der in Berufsverbänden aktiv ist und im dunklen Zweiteiler und Krawatte zur Arbeit kommt.

Für die Besucher aus Deutschland hat sich Mfinanga ausnahmsweise einen weißen Kittel übergezogen. Er steht vor einem großen Bildschirm in der Notaufnahme und nimmt den Videoanruf eines Arztes aus einem Krankenhaus im Süden des Landes entgegen. Der berichtet von einer 50-jährigen Frau, die unter Atemnot leidet. Auf dem Bildschirm poppt ein Röntgenbild auf; es zeigt den Brustbereich der Frau. Mfinanga kneift die Augen zusammen. „Beatmen und sofort isolieren“, sagt er. Seine Schnelldiagnose: Tuberkulose. Zur Bestätigung sollen die Kollegen später ein Röntgenbild der Lunge machen und an einen Radiologen schicken.

Kollegen in Notfällen beraten

Die Demonstration soll zeigen, wie der Austausch über das Internet die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern kann. „Wir haben das Fachwissen, das kleineren Krankenhäusern fehlt. Mit der Telemedizin können wir die Kollegen in Notfällen und bei komplizierten Erkrankungen beraten“, sagt Mfinanga.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gehört Tansania weltweit zu den Ländern mit der geringsten Dichte an voll ausgebildeten Medizinern. Während sich die Versorgung in ländlichen Gegenden nur langsam verbessert, haben immer mehr Menschen Zugang zum Internet. Nicht nur in Tansania gilt die Telemedizin deshalb als vielversprechende Innovation, die ärztlichen Rat auch in abgelegene Regionen bringen soll – und von internationalen Gebern gefördert wird.

Das Geld für das Projekt am Krankenhaus Muhimbili kommt von der Weltbank. Knapp vier Millionen US-Dollar sind in neue Computer, medizinisches Gerät, Software und Schulungen geflossen. Sieben Regional- und Distriktkliniken sind seit dem Start vor rund einem Jahr dabei. Bis Ende 2018 soll entschieden werden, wie es weitergeht – und ob überhaupt. Bislang ist das Interesse an Beratung aus der Ferne überschaubar: Mfinanga berichtet von durchschnittlich drei bis vier Anfragen pro Woche, vor allem von einem Krankenhaus auf der Insel Mafia. Und aus anderen Kliniken? Viele haben mit Stromausfällen zu kämpfen und der schlechten Internetverbindung. Außerdem fehle es oft am Bewusstsein für den Nutzen der Telemedizin.

Farida Ally findet, dass die Telemedizin in der jetzigen Form nicht an den Alltag in ihrer Klinik angepasst ist. Roland Brockmann
Doktor Farida Ally sieht das anders. Das System sei einfach nicht alltagstauglich, findet sie. Die 40-Jährige leitet eine der angeschlossenen Kliniken, das Sokoine-Krankenhaus in Lindi, einer Kleinstadt am indischen Ozean rund 450 Kilometer südlich von Daressalam. Die Region gehört zu den ärmsten in Tansania, viele Patienten leiden an Infektionskrankheiten, häufig an Malaria, sieben Prozent der Bevölkerung sind mit dem Aidsvirus infiziert.

Die Diagnose trifft oft erst Tage nach der Anfrage ein

Schwüle Hitze drückt in das Büro der Ärztin, über ihrem Schreibtisch hängt das Konterfei von Staatspräsident John Magufuli. Erst will Farida Ally nicht reden, dann ist sie kaum zu bremsen. Sie habe zu Beginn des Projekts einige Anfragen geschickt. Eine Antwort sei aber oft erst Tage später gekommen, manchmal gar nicht. „Die Patienten kommen zu uns, wollen eine Diagnose, Medikamente und dann wieder nach Hause. Wenn ich ihnen sage, dass sie ein paar Tage warten müssen, dann klappt das nicht.“

Mit den Ratschlägen aus Daressalam habe sie bislang wenig anfangen können. Sie erinnert sich an einen Patienten, der mit Verdacht auf einen Schlaganfall eingeliefert wurde. „Da hieß es, wir sollen eine Computertomografie machen. Aber wir haben gar kein Gerät dafür.“ In anderen Fällen hätten die Fachärzte empfohlen, diese oder jene Operation vorzunehmen. Dabei habe sie unter ihren 30 Ärzten keinen einzigen spezialisierten Chirurgen für kompliziertere Eingriffe. „Ohne ein bestimmtes Level an Expertise bringt uns die Telemedizin nichts. Wenn wir einen Chirurgen, Anästhesisten und einen Kinderarzt hätten, dann könnten wir damit schon mehr anfangen. Am Ende müssen wir die Patienten doch wieder überweisen.“

Autoren

Sebastian Drescher

ist freier Journalist in Frankfurt und betreut als freier Mitarbeiter den Webauftritt von "welt-sichten".

Roland Brockmann

ist freier Foto- und Videojournalist in Berlin.
Die Ärztin führt durch einen überdachten Freigang in ein kleines Nebengebäude, darin steht ein analoges Röntgengerät. Techniker aus Daressalam haben einen Scanner installiert, mit dem die Ärzte die Röntgenbilder digitalisieren und dann auf einem der beiden neuen Computer versenden können. Das Problem sei die Software, meint Farida Ally. Sie öffnet die Eingabemaske: Patientendaten, klinische Befunde, all das müsse sie eintippen. Viele Kollegen seien damit überfordert. Pro Anfrage brauche sie mindestens eine Stunde. Zeit, die ihr anderswo fehle. „Eine Technologie wie die Telemedizin soll das Leben einfacher machen. Für uns aber macht sie die Arbeit nur schwieriger.“ Deshalb nutze sie das nun gar nicht mehr.

Offenbar ist das auch in anderen Krankenhäusern der Fall. In einem Brief sollen die Verantwortlichen beteiligte Kliniken gebeten haben, doch bitte häufiger Anfragen zu stellen – mindestens eine pro Woche. Gut möglich, dass sich das Projekt bald in eine lange Liste erfolgloser Versuche einreiht, die Telemedizin in Afrika zu etablieren. Die gehen zurück bis in die 1980er-Jahre, als in Uganda eine EEG-Aufnahme via Satellit zur Diagnose übermittelt wurde. Es folgten telefonische Beratungen und SMS-Services, später Videokonferenzen über das Internet, ferngesteuerte Ultraschalluntersuchungen und Apps für virtuelle Sprechstunden. Trotz aller Ideen: Die Telemedizin steckt in der Region noch immer in den Kinderschuhen.

Äthiopien und Südafrika: Telemedizin-Projekte wieder eingestampft

Pilotprojekte starten oft mit großem Tamtam und sterben dann einen stillen Tod. 2015 hat der deutsche Pharmakonzern Merck angekündigt, in Kenia eine Teleklinik aufbauen zu wollen. Knapp drei Jahre später kann oder will das Unternehmen auch auf wiederholte Anfrage nicht sagen, wie weit das Vorhaben seitdem gediehen ist. Äthiopien und Südafrika haben in den vergangenen Jahren ihre nationalen Telemedizin-Projekte wieder eingestampft, weil das Internet zu langsam und die Systeme zu umständlich waren und die Gesundheitsarbeiter sie kaum nutzten.

Eigentlich, meint die Ärztin Farida Ally, sei die Telemedizin eine gute Sache. Aber bei all den schönen Konzepten würden die Konsequenzen für den Alltag im Krankenhaus vernachlässigt: „Die Leute haben nur ihre Ideen im Kopf, früher die Programme gegen Malaria oder Müttersterblichkeit, heute die Telemedizin.“ Die Ärztin hätte ihre Vorbehalte gerne von Anfang an eingebracht. Nur hat sie damals keiner gefragt.

Wer das Gefühl hat, ein Projekt mitgestalten zu können, ist eher bereit, sich daran zu beteiligen. Das weiß auch Jesaja Sienz. Der deutsche Arzt lebt seit zwei Jahren in Ndanda, rund zwei Autostunden westlich von Lindi. Sienz ist Missionar, ein Bruder aus der Gemeinschaft der Benediktiner, die hier seit mehr als hundert Jahren ein Buschkrankenhaus betreiben. Sienz leitet die Abteilung für Innere Medizin – ehrenamtlich. Wie alle Missionare bekommt er keinen Lohn. Er sagt: „Ich will hier etwas aufbauen.“

Assistenzarzt Hussein Mjawila wählt in Ndanda unter dem Mikroskop eine Gewebeprobe aus, fotografiert sie und bearbeitet die Bilder auf dem Laptop. Dann können deutsche Pathologen sie begutachten.Roland Brockmann
Ein Baustein seines Planes ist die Telemedizin. Fachwissen, das vor Ort fehlt, holt er sich im Ausland. Zwei bis drei Mal pro Woche setzt sich der großgewachsene Bruder an seinen Laptop und stellt eine Anfrage über das iPath-Netzwerk. Daran angeschlossen sind Pathologen und Hautärzte aus Deutschland und anderen Ländern, meist Ruheständler, die ihr Wissen unentgeltlich weitergeben.

Sienz kann von einigen Fällen berichten, bei denen die Diagnose aus der Ferne einen Unterschied gemacht habe. Etwa bei dem Mädchen mit den großen, blutigen Wunden an Ellbogen und Knien. Gängige Salben und Medikamente schlugen bei ihr nicht an, auch die Labortests brachten kein Ergebnis. Sienz fotografierte die Wunden und lud die Fotos auf den Server. Ein Dermatologe aus Saudi-Arabien erkannte darauf Buruli-Ulkus, eine durch Mykobakterien verursachte Hautkrankheit, die vor allem in den Tropen vorkommt. Die Ärzte konnten die Erkrankung mit Tuberkulosemedikamenten behandeln, die Wunden wurden kleiner. Ohne die richtige Diagnose wären sie wohl weiter gewachsen, bis eine Amputation nötig gewesen wäre.

Nur bei scharfen Bildern sind die Diagnosen verlässlich

Ähnlich fruchtbar findet Sienz den direkten Draht zu den deutschen Pathologen, die über die Plattform digitalisierte Gewebeproben beurteilen. „Wir können so feststellen, ob eine Schwellung oder ein Geschwür harmlose Zellen enthält oder ob eine Krebserkrankung dahinter steckt.“ Der Vorteil: Ist die Erkrankung gutartig, können sich die Patienten den weiten Weg nach Daressalam sparen. Und die Krebspatienten, deren Leiden dann doch meist nur die großen Krankenhäuser behandeln können, haben dank Telemedizin zumindest schnell Gewissheit. „Früher haben wir die Proben per Post nach Deutschland geschickt und dann drei Monate gewartet. Heute wissen wir in ein, zwei Tagen Bescheid.“

Das Verfahren ist allerdings nicht ohne Tücken. Für die zytologische Untersuchung entnimmt ein Arzt per Abstrich oder mit der Spritze eine Gewebeprobe, drückt sie auf einen Glasträger und reicht ihn zur Färbung an einen Labortechniker weiter. Unter einem Mikroskop wählt der Arzt später einzelne Bereiche aus, fotografiert sie und bearbeitet die Bilder auf einem Laptop. Sienz schaut dem jungen Kollegen, den er vor einiger Zeit angelernt hat, über die Schultern. Später wird er die Probe wiederholen. Denn nur wenn die Bilder sauber ausgewählt und aufgearbeitet werden, können die Pathologen am anderen Ende der Leitung auch eine verlässliche Diagnose stellen.

Die Telemedizin berge großes Potenzial, meint der Benediktinermönch. Aber man müsse sich dahinterklemmen. Diese Motivation vermisst er bei manchen Kollegen. Er beobachtet, dass die Mediziner bei Patienten oft vorschnell von einer Malaria ausgehen, ohne andere Ursachen auszuschließen. „Dass sich einer die Zeit nimmt und sich intensiv mit einem Fall beschäftige, ist hier leider selten.“ Ob Innovationen wie Telemedizin Fuß fassen, ist für ihn nicht nur eine Frage der Zeit und des Geldes, sondern auch der Einstellung der Mediziner.

Die Recherche wurde durch ein  Stipendium des European Journalism Centre (EJC) ermöglicht. 

erschienen in Ausgabe 6 / 2018: Neu ist Kult

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