Geundheitspersonal
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Hiergeblieben, Frau Doktor!

Sie will die beste Ausbildung und war dafür schon in Deutschland, Italien und den USA. Dort könnte sie gut Geld verdienen, aber das reicht ihr nicht: Eine äthiopische Ärztin hat sich für die Patienten in ihrem Heimatland entschieden.

Fast täglich sieht Senait Tekeba im Internet Bilder von Äthiopiern auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Sie durchqueren zu Fuß die Wüste und fliehen in überfüllten Booten nach Europa. Manche von ihnen kommen später mit ihren Wunden an Körper und Seele zu ihr. Tekeba ist Ärztin in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Die 28-Jährige müsste nicht über das Meer fliehen – sie könnte sich in ein Flugzeug setzen und wenige Tage später einen gut bezahlten Job in den USA oder in Europa antreten. Die meisten ihrer Studienkollegen haben genau das gemacht. Senait Tekeba will ihnen nicht folgen.

„Ich gehöre hierher. Nirgendwo auf der Welt kann ich mehr Menschen helfen als in meiner Heimat. Es macht keinen großen Unterschied, ob ich als einer von Millionen Ärzten in den USA oder Europa arbeite. Aber hier kann ich jeden Tag Menschenleben retten“, sagt die gläubige Christin während ihres Visite-Rundgangs im staatlichen St.-Paul-Krankenhaus. Gerade hat sie einem stark unterernährten Baby eine lebensrettende Infusion gegeben. Zuvor hat sie einer Frau Mut zugesprochen, die wegen der Steißlage ihres Babys einen Kaiserschnitt braucht.

Sie hat untergewichtige, neugeborene Zwillinge versorgt und der Mutter Trost gespendet. Zum Dank bietet die mittellose Bäuerin der jungen Ärztin an, den Babys einen Namen zu geben. „Viele meiner Patienten wissen, dass ich im Ausland viel mehr verdienen und ein angenehmeres Leben haben könnte“, sagt Tekeba. „Sie schätzen es deshalb sehr, dass ich trotzdem hierbleibe.“ Rund 11.000 Birr, knapp 500 Euro, verdient sie monatlich im St.-Paul- Krankenhaus. Damit könnte sie sich kaum eine Wohnung leisten.

Zusatzschichten in der Privatklinik

Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie zusätzlich am Wochenende und vor oder nach ihren Schichten in einer privaten Klinik. Dort lassen sich nur die wenigen Äthiopier behandeln, die krankenversichert sind oder die Kosten aus eigener Tasche bezahlen können. Würde Senait Tekeba ausschließlich in einer solchen Klinik Dienst tun, könnte sie gutes Geld verdienen. Doch der jungen Frau liegen vor allem die Patienten am Herzen, die sich keine private Behandlung leisten können. Nicht immer kann sie ihnen jedoch helfen. „Dass Kinder, Frauen und Männer sterben, weil es uns an Medikamenten, Geräten und gut ausgebildetem Personal fehlt, macht mich immer noch fertig“, sagt Senait Tekeba und klingt eher wütend als traurig.

Die Medizinerin weiß, dass viele dieser Todesfälle anderswo vermeidbar wären. Sie hat bereits Uganda, Ruanda, Kenia, Zypern, Italien, Deutschland und Holland bereist. Nach ihrem siebenjährigen Medizinstudium sammelte sie zwei Jahre lang praktische Erfahrung im Attat-Hospital, einem abgelegenen Missionskrankenhaus vier Stunden westlich von Addis Abeba. In der Klinik, die von einer Tante des ehemaligen Topmodels Claudia Schiffer geleitet wird, hospitieren regelmäßig deutsche Medizinstudenten. Sie hätten es kaum ertragen, dass dort immer wieder Menschen an Krankheiten und Verletzungen starben, die in Deutschland leicht zu behandeln gewesen wären, erzählt Tekeba. Deshalb musste sie manchmal nicht nur ihre Patienten und deren Angehörige, sondern auch noch ihre jungen deutschen Kollegen trösten.

Eine große Hilfe waren die Nachwuchsmediziner aus Deutschland auch aus einem anderen Grund nicht. „Weil es bei uns einfach nicht genug qualifizierte Ärzte gibt, mussten wir schon während des Studiums viel arbeiten. Praktisch hatten wir deshalb schon einiges drauf, als wir mit der Uni fertig waren“, sagt Tekeba. Die deutschen Studenten dagegen nicht: „Sie hatten Angst, im Umgang mit Patienten Fehler zu machen, und waren ohne Hightech-Geräte ziemlich aufgeschmissen.“

"Die Ausbildung in Äthipioen war eine Katastrophe"

Zwei Jahre arbeitete Tekeba weit entfernt von ihrer Familie und ihren Freunden in dem abgelegenen Krankenhaus, um ihre Schulden beim äthiopischen Staat zu begleichen. Der hatte ihr das rund 500.000 Birr (21.600 Euro) teure Medizinstudium finanziert. Viele äthiopische Medizinstudenten kommen aus wohlhabenden Familien. Ihre Eltern zahlen die Ausbildungsgebühr oft unmittelbar nach Studienabschluss zurück. Wer das nicht will oder kann, muss seine Schulden abarbeiten. Die Dauer hängt vom Standort ab: In abgelegenen Krankenhäusern wie dem Attat-Hospital sind es zwei Jahre, an beliebten Kliniken in der Hauptstadt fünf. Erst dann dürfen die jungen Ärztinnen und Ärzte in Äthiopien oder im Ausland mit ihrer Facharztausbildung beginnen.

Tebeka wollte sich zur Gynäkologin oder zur Hals-Nasen-Ohren-Ärztin ausbilden lassen. Sie büffelte für beide Aufnahmeprüfungen am Black Lion-Hospital, dem größten Universitätsklinikum in Addis Abeba, und wurde für beide Fächer angenommen. Ihre Wahl fiel auf HNO. Doch schon der Beginn der vierjährigen Ausbildung war eine Katastrophe. Zwei HNO-Ärzte waren für die Ausbildung zuständig, beide hatten kaum Zeit für ihre Studenten. „Ich wollte lernen und Patienten behandeln. Stattdessen saß ich rum und langweilte mich. Am Ende hatte ich fast eine Depression“, erinnert sich Tekeba.

Autor

Philipp Hedemann

ist freier Journalist in Addis Abeba. Von 2010 bis 2013 berichtete er als Afrika-Korrespondent für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Sein Äthiopien-Buch „Der Mann, der den Tod auslacht“ ist 2013 im DuMont-Verlag erschienen.
Nach einem knappen Jahr kündigte sie und heuerte an einer Privatklinik für Dialyse-Patienten an. Die Leiter schickten sie für eine kurze Schulung an eine Universitätsklinik im Norden Äthiopiens und ein schwedischer Hersteller für Dialyse-Geräte finanzierte ihr den Besuch einer Diabetes-Konferenz auf Zypern. Mit der in Aussicht gestellten Ausbildung zur Fachärztin für Nierenheilkunde wurde es jedoch nichts: Die Privatklinik verlangte als Gegenleistung, dass Tekeba danach fünf Jahre für sie arbeiten müsse. Das wollte sie nicht. Sie kündigte erneut und trat ihren Dienst am staatlichen St.-Paul-Krankenhaus an.

Neben ihrer Arbeit als Allgemeinärztin unterrichtet sie Medizinstudenten. In ihren Vorlesungen über Innere Medizin, Untersuchungstechniken und den Umgang mit Patienten schärft sie ihnen immer wieder ein: „Bleibt hier. Hier werdet ihr am dringendsten gebraucht.“ Damit sie das tun, müssten sich allerdings nicht nur die Bezahlung, sondern auch die Lern- und Arbeitsbedingungen verbessern, findet Tekeba.

Inzwischen will die junge Ärztin selbst eine Facharztausbildung im Ausland machen. In Accra, Ghana, sowie im indischen Bangalore hat sie sich bereits beworben, an der Universität von Michigan in den USA absolvierte sie im August eine einmonatige Hospitanz. „Um noch besser helfen zu können, brauche ich die beste Ausbildung. Ich habe mittlerweile begreifen müssen, dass ich die nur im Ausland bekommen kann.“ Sobald sie ihren Facharzt habe, werde sie zurückkehren, betont Senait Tekeba. Das habe sie sich selbst, ihren Patienten und ihrem Land versprochen.

erschienen in Ausgabe 10 / 2015: Gesundheit: Ohne Fachkräfte geht es nicht

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