Illegal zum reichen Nachbarn

Von Béatrice Knerr

Mexiko ist seit Jahrzehnten einer der weltweit größten Exporteure von Arbeitskräften. Sie gehen überwiegend in die USA, wo nun über zehn Millionen gebürtige Mexikaner leben – zehn Prozent der mexikanischen Bevölkerung. Die meisten schicken Geld an ihre Familien in der Heimat. Doch für die Herkunftsregionen hat die Arbeitsmigration nicht nur Vorteile.

Der Traum von einem besseren Leben veranlasst jährlich zehntausende Mexikaner, sich auf den Weg in die USA zu machen – meist illegal und auf gefährlichen Pfaden. Schätzungsweise 15 Prozent der mexikanischen Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sind in den USA beschäftigt; die insgesamt rund 25 Millionen Menschen mit mexikanischen Vorfahren sind dort die größte Migrantengruppe.

Im Wohlstandsgefälle zwischen den USA und Mexiko liegen die entscheidenden Gründe dieser Wanderung: Das Bruttosozialprodukt pro Kopf beträgt in Mexiko rund 8500 US-Dollar, 36.000 US-Dollar in den USA. Zudem ist die Arbeitslosigkeit in den USA wesentlich niedriger. Armut herrscht in Mexiko vorwiegend im ländlichen Raum, wo die meisten Arbeitskräfte auf landwirtschaftlichen Kleinbetrieben beschäftigt sind. Auch das hohe Bevölkerungswachstum und der Mangel an außerlandwirtschaftlichen Arbeitsplätzen fördern die Abwanderung. Für Menschen mit geringem Ausbildungsstand ist es aber schwer, in den Städten Mexikos bezahlte Beschäftigung zu finden – und wenn, erhält man nur einen Bruchteil des in den USA zu erwartenden Lohns. Im nördlichen Nachbarland herrscht dagegen eine dauerhaft starke Nachfrage nach billigen Arbeitskräften vor allem für den Bausektor, Dienstleitungen wie den Tourismus sowie die Landwirtschaft, etwa den Gemüseanbau. Mexikaner finden sich hier größtenteils in prekären Arbeitsverhältnissen.

Die mexikanischen Zuwanderer leben in den USA vorwiegend in spanischsprachigen und von mexikanischer Kultur geprägten Gebieten, die meisten in Kalifornien, Texas und Illinois. Die Mehrheit hat keine legale Aufenthaltsberechtigung. Ende der 1990er Jahre hatten mehr als 90 Prozent der Mexikaner, die zur Arbeit in die USA gingen, keine offizielle Arbeitserlaubnis. Für illegale Einwanderer gibt es oft kein Zurück, auch keine Besuche in der alten Heimat, denn dies würde erneut die Kosten und Risiken des illegalen Grenzübertritts bei der Ausreise aus und der Rückkehr in die USA mit sich bringen. Diese ist aufgrund der Abwehrmaßnahmen der US-Behörden kostspielig und riskant (siehe Kasten).

Soziale Netzwerke erleichtern den Anfang in der Fremde

Eine zentrale Rolle spielen bei der Abwanderung die sozialen Netzwerke. Oft sind bereits Familienmitglieder, Freunde und/oder ehemalige Nachbarn in den USA, leisten Hilfe bei der Ansiedlung und Arbeitsplatzbeschaffung und sorgen dafür, dass die Sprachbarriere kein allzu großes Hindernis wird. Mexikanische Fiestas werden gefeiert, und Heimatvereine – so genannte Home Town Associations – fördern die dauerhafte Verbindung mit der alten Heimat. Für die, die es geschafft haben, wird der Migrationserfolg auch zum Statussymbol in der Herkunftsgemeinde.

Die Abwanderung in die USA hat eine erhebliche Binnenwanderung in Mexiko ausgelöst: Während Arbeitskräfte aus den nördlichen Bundesstaaten in die USA ziehen, rücken Menschen aus südlicheren Bundesstaaten und aus abgelegenen ländlichen Regionen nach. Auch steigt die Zuwanderung von Arbeitskräften aus Mittelamerika. Gesamtwirtschaftlich ist der Arbeitskräfteverlust für Mexiko aber nicht problematisch. Die meisten Arbeitsmigranten sind gering qualifiziert, und in dieser Gruppe herrscht in Mexiko Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Die Abwanderung von Fachkräften ist kein gravierendes Problem, denn das Arbeitsplatzangebot in Mexiko ist ohnehin unzureichend für die vielen Arbeitssuchenden, und der US-Arbeitsmarkt honoriert eine gute Ausbildung für Mexikaner nicht. Für sehr gut ausgebildete Mexikaner ist deshalb ein Arbeitsplatz in Mexiko-City attraktiver.

Die Geschichte der Arbeitsmigration von Mexiko in die USA reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Doch erst in allerjüngster Zeit gilt sie als wertvoll für die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos. Im Vordergrund stehen für den mexikanischen Staat die Rücküberweisungen, welche dem Land wertvolle Devisen bringen und Millionen armer Familien das Überleben sichern. Seit Anfang des Jahrzehnts erreichen sie jedes Jahr mehr als 10 Milliarden US-Dollar, das ist fast die Hälfte der Deviseneinnahmen des Landes. Weitere rund 30 Prozent dieser Summen werden nicht überwiesen, sondern persönlich überbracht. Die Motive für Rücküberweisungen sind unterschiedlich: Während die einen vor allem ihren Familien etwas zukommen lassen oder für deren Absicherung sorgen wollen, schicken andere das Geld eher, um sich selbst eine Zukunft in Mexiko aufzubauen – und sei es nur für den Lebensabend. Jeder in den Herkunftsgemeinden kann allerdings von Männern erzählen, die nach einiger Zeit kaum noch Geld schicken, eine neue Frau in den USA haben oder sogar eine „Zweitfamilie“.

Seit Ende der 1980er Jahre versucht die Regierung, die Rücküberweisungen zu steigern und ihre Verwendung zu beeinflussen. Man will die Transfers in das lenken, was als produktive Investitionen gilt. Unter dem so genannten Tres-por-Uno-Programm geben die Zentralregierung, der jeweilige Bundesstaat sowie die profitierende Gemeinde jeweils den Gegenwert eines US-Dollars zu jedem Dollar dazu, den Home Town Associations in den USA in öffentliche Projekte in der alten Heimat investieren wie Straßen, Schulen oder Sportplätze. Dies macht aber nur einen kleinen Teil der Gesamtinvestitionen von Migranten aus.

Die Ausgaben der Migrantenfamilien fördern zahlreiche Wirtschaftsbereiche, wenngleich ein erheblicher Teil für importierte Waren ausgegeben wird und somit gleich wieder aus dem Land fließt. Aber die Rücküberweisungen haben langfristig auch gravierende Nachteile. So trägt der starke Zufluss von Devisen dazu bei, dass der Wechselkurs des Peso gegenüber dem US-Dollar steigt. Das macht mexikanische Exporte auf dem Weltmarkt teurer und Importe im Inland billiger und schadet so der Entwicklung der mexikanischen Industrie. Investitionen werden vor allem in Sektoren gelenkt, die nicht international handelbare Güter herstellen wie Dienstleistungen oder leicht verderbliche Waren.

Gerade die Regionen Mexikos, aus denen die meisten Migranten kommen, weisen trotz jahrzehntelangem Zufluss von Rücküberweisungen die geringste wirtschaftliche Entwicklung auf. Ein Beispiel dafür ist Zacatecas im Zentrum Mexikos, der Bundesstaat, wo der Anteil der Haushalte mit internationalen Migranten am höchsten ist: ein Fünftel. Auch beim Anteil der Rücküberweisungen am regionalen Bruttoinlandsprodukt (14 Prozent) und bei den Pro-Kopf-Rücküberweisungen (rund 400 US-Dollar) steht er weit an der Spitze aller mexikanischen Bundesstaaten.

Mehr als die Hälfte der 156 Gemeinden von Zacatecas haben einen oder mehrere Clubs von ehemaligen Einwohnern oder temporär Abgewanderten in den USA. Diese spenden erhebliche Summen für ihre Heimatgemeinden, zum großen Teil unter dem Tres-por-Uno-Programm. Das Geld fließt vorwiegend in Infrastrukturprojekte, aber auch in kirchliche Einrichtungen, Stipendien, Spielzeug für Kindergärten und anderes. Es werden auch Fiestas damit  ausgerichtet, um den Zusammenhalt in den transnationalen Gemeinden zu stärken.

Trotzdem gehört Zacatecas noch immer zu den ärmsten Regionen Mexikos. Das Pro-Kopf-Einkommen erreicht nur wenig mehr als die Hälfte des mexikanischen Durchschnitts. Zacatecas hat kaum Industrie. Die Migration scheint sowohl eine Folge als auch eine Ursache der wirtschaftlichen Schwäche zu sein. Die Infrastruktur – Straßen, Eisenbahnlinien, Wasserleitungen – ist schlechter als im mexikanischen Durchschnitt, bei den Direktinvestitionen liegt Zacatecas an viertletzter Stelle der 32 mexikanischen Bundesstaaten. Das Bildungsniveau der Bevölkerung liegt deutlich unter dem nationalen Durchschnitt.Die starke Abwanderung macht sich in einem deutlichen Bevölkerungsrückgang und in Überalterung der Bevölkerung bemerkbar. Das war früher anders, als Familien im ländlichen Raum oft zehn und mehr Kinder hatten. Doch seit die Geburtenraten auch in Mexiko stark zurückgegangen sind, weist die Hälfte der Gemeinden von Zacatecas Einwohnerverluste auf. Insbesondere kleine und abgelegene Gemeinden und solche mit hohem Migrantenanteil schrumpfen.

Zweifellos haben die Rücküberweisungen die materiellen Lebensbedingungen unzähliger mexikanischer Migrantenfamilien entscheidend verbessert. Ihre Häuser sind leicht an ihrer Größe und an den riesigen Satellitenschüsseln zu erkennen – oft aber auch an den ständig heruntergelassenen Rollläden, denn viele werden nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Eine Befragung hat ergeben, dass in Zacatecas zwei Fünftel der Familien, die Rücküberweisungen erhalten, keine andere Einkommensquelle haben. 43 Prozent haben einen weiblichen Haushaltsvorstand, im Durchschnitt Mexikos sind es nur 29 Prozent. Ein sehr hoher Anteil der Empfänger ist unter 15 oder über 65 Jahre alt.

Doch nicht nur Geldüberweisungen, sondern auch technische, soziale und politische Transfers haben weit reichende Auswirkungen auf die Herkunftsregionen. So wirkt sich Migration insgesamt günstig auf die Gesundheit der Kinder aus. In Migrantenfamilien ist etwa die Kindersterblichkeit geringer, das Geburtsgewicht höher und die Ernährung der Kinder besser als in Familien ohne Migranten. Nicht nur werden mit Rücküberweisungen Medikamente und ärztliche Behandlung bezahlt – auch das vor allem von Frauen aus den USA mitgebrachte medizinische Allgemeinwissen ist eine große Hilfe und wird an andere Haushalte weitergegeben. Dagegen kommen Kinder aus Migrantenfamilein weniger in den Genuss präventiver Gesundheitsfürsorge, sie sind zum Beispiel seltener geimpft. Das wird darauf zurückgeführt, dass in Migrantenfamilien weniger Zeit für sie zur Verfügung steht.

Die Auswirkungen auf die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen sind nicht eindeutig. Einerseits besucht ein größerer Anteil der Kinder von Migrantenhaushalten die Schule, und die Alphabetisierungsrate ist höher als in vergleichbaren Haushalten ohne Migranten. Andererseits hat sich gezeigt, dass in die Ausbildung vieler Teenager aus drei Gründen wenig investiert wird: Sie wandern bereits in jungen Jahren ab; sie haben angesichts des Vorbilds ihrer Eltern, die auch ohne Ausbildung im Ausland viel Geld verdienen, keinen Anreiz dazu; und sie werden von ihren Eltern weniger überwacht.

Auch der Einfluss der Migration auf die Armut und die Einkommensverteilung ist zwiespältig: Zu Beginn wandern die ab, welche die dafür notwendigen Mittel aufbringen können; das sind nicht die Ärmsten. Die Ärmeren machen sich später auf den Weg, wenn Migrationsnetzwerke etabliert und damit die Kosten der Einreise in die USA gesunken sind. In der ersten Phase verschlechtert die Abwanderung daher die Einkommensverteilung, in späteren Phasen verbessert sie sie. Migrationsnetzwerke helfen insofern den Armen.

Dem Wunsch der Regierung, mit produktiven Investitionen die ländliche Entwicklung voranzutreiben, kommen die Migrantenfamilien jedoch kaum nach. In Zacatecas hat eine breit angelegte Umfrage Anfang der 2000er Jahre gezeigt, dass mehr als zwei Drittel der Rücküberweisungen für den täglichen Bedarf ausgegeben wurden und 12 Prozent für die Gesundheit. Lediglich knapp 6 Prozent wurden produktiv investiert, jedoch vorwiegend im Handel und in anderen Dienstleistungsbereichen. Die wenigen Investitionen im Industriesektor schufen allerdings die meisten Arbeitsplätze. Produktive Investitionen sind wahrscheinlicher, wenn ein Migrant bereits ein Unternehmen besitzt, etwa landwirtschaftlich genutzte Flächen oder ein Geschäft. Allerdings sank in vielen Familien die Unternehmenstätigkeit nach der Abwanderung; so gab ein Viertel an, wegen der Migration weniger Land zu bewirtschaften als vorher.

Die Weltwirtschaftskrise verschlechtert jetzt die Chancen für Migranten

Um ländliche Regionen zu fördern und Anreize für produktive Investitionen zu schaffen, müsste die Regierung für die notwendige Infrastruktur sorgen. Dies hat sie bisher nicht geleistet. Nur direkt produktive Anlagen als Investitionen in die Zukunft anzusehen, ist allerdings verengt: Ausgaben für Nahrung, Ausbildung und ärztliche Versorgung stellen Investitionen in das Humankapital und damit auch einen Beitrag zu Entwicklung dar.

Die Migration in die USA bringt bisher für den mexikanischen Staat und für die Migrantenfamilien erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise können aber die Rücküberweisungen nicht mehr als stabile Einnahmequelle gelten. Brechen sie ein und haben mexikanische Arbeitskräfte weniger Chancen in den USA, dann werden die wirtschaftlich rückständigen Herkunftsregionen keine ausreichenden Lebensgrundlagen mehr bieten. Ein wachsender Anteil der in die USA Abwandernden sind zudem Frauen und Kinder. Das ist ein Zeichen für Familienzusammenführungen in den USA, die bedeuten, dass weniger Geld in die alte Heimat überwiesen wird. Die Lage in den landwirtschaftlich geprägten Problemregionen Mexikos dürfte sich in den nächsten Jahren aber kaum verbessern und der Traum vom großen Geld in den USA wird weiter wirken.

Béatrice Knerr ist Professorin und Leiterin des Fachgebiets „Entwicklungspolitik, Migration und Agrarpolitik“ an der Universität Kassel sowie Associate Professor an der Universidad Autonoma de Zacatecas. Sie hat viel über internationale Migration und Rücküberweisungen geforscht.

 

Gefährlicher Weg nach Norden

Die große Mehrheit der Mexikaner, die sich auf den Weg in die USA macht, hat keine Chance, ein Visum zu erhalten. Illegal über die Grenze zu kommen wird aber immer schwieriger und riskanter. Die US-Regierung versucht, sich der mexikanischen „Invasion“ entgegenzustemmen. 2006 haben die USA beschlossen, von der 3200 Kilometer langen Grenze zu Mexiko 1100 Kilometer mit Zäunen, einer bis 4,5 Meter hohen Mauer, Infrarotkameras, Radarstationen und Fahrzeugsperren zu sichern. 2006 ordnete die US-Regierung zudem die Entsendung der Nationalgarde in das Grenzgebiet an. Täglich werden an der Grenze 30 bis 50 Migranten festgenommen; man geht davon aus, dass etwa doppelt so viele durchkommen.

Schleppern organisieren einen illegalen Grenzübertritt für rund 5000 US-Dollar, einschließlich eventueller Bestechungszahlungen. Die meisten Migranten können aber diese Summe nicht aufbringen. Um den Grenzkontrollen auszuweichen, wählen viele den gefährlichen Weg durch die riesige Sonora-Wüste. Nicht wenige, die dort ohne Schlepper unterwegs sind, verlaufen sich und sterben an Durst, Hunger, Erschöpfung oder Schlangenbissen, oder sie werden von Banden überfallen. Selbst Schlepper lassen Migranten zuweilen allein in der Wüste zurück. Von Mitte der 1990er Jahre bis 2007 sollen rund 5000 Menschen ihren Versuch, die Grenze illegal zu überqueren, mit dem Leben bezahlt haben. Im besonders armen Süden Mexikos versuchen Migranten, nachts auf die Güterzüge zu springen, die mehrmals in der Woche Richtung Norden fahren. In Chiapas warten wöchentlich Hunderte an den Gleisen auf diese Züge. Ständig werden Migranten bei Unfällen getötet oder verstümmelt oder von bewaffneten Banden überfallen.

Béatrice Knerr

 

 

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2009: Migration: Zum Schuften in die Fremde