Schweres Erbe für die Frauen

Die geschlechter­gerechte Verfassung kann die alltägliche Gewalt nicht unterbinden

Von Rita Schäfer

Südafrika bietet Frauen gleiche Rechte - aber nur auf dem Papier. In Wirklichkeit ist ihr Risiko, Opfer einer Vergewaltigung zu werden, größer als in jedem anderen Land der Erde. Die Entstehung und Verfestigung gewalttätiger Strukturen lässt sich von der Kolonialzeit über die Apartheid bis in die Gegenwart verfolgen. Dennoch bagatellisieren die Regierung und Vertreter staatlicher Institutionen die sexualisierte Gewalt. Das behindert Versuche von Frauenrechts­organisationen, daran etwas zu ändern.

Südafrika ist ein Land der Gegensätze. Das gilt auch für die Geschlechterverhältnisse. Auf den ersten Blick erscheint die frauenpolitische Entwicklung der vergangenen Jahre wie eine märchenhafte Erfolgsgeschichte: So verfügt das Land am Kap über eine geschlechtergerechte Verfassung und weitreichende Frauenrechte. Die Reformen von Land- und Erbrechten sowie der Gewaltschutzgesetze gelten als vorbildlich. Hinzu kommen „Gender"-Gremien und Abteilungen, ergänzt durch staatliche Maßnahmenkataloge gegen Diskriminierung. Bahnbrechend sind auch die geschlechtergerechten Haushaltsplanungen, sogenannte „Gender-Budgets", auf nationaler und lokaler Ebene. Diese verlangen, dass Ministerien und Kommunen bereits im Planungsprozess alle Ausgaben prüfen, ob sie Frauen in gleicher Weise erreichen wie Männer. Angesichts dieser Bilanz seit den ersten demokratischen Wahlen vor fünfzehn Jahren hätten Frauenrechtlerinnen und Parlamentarierinnen allen Grund, sich zurückzulehnen und stolz auf das bisher Erreichte zu blicken.

Doch der Schein trügt. Die südafrikanische Gesellschaft ist von Gewalt geprägt. Das schwere Erbe von Kolonialzeit und Apartheid wirkt sich noch immer aus. Südafrika steht an erster Stelle der Statistiken, die Vergewaltigungen und Gewalt in der Ehe weltweit vergleichen. 2007 wurden offiziell mehr als 52.000 Vergewaltigungen und 88.000 Fälle von häuslicher Gewalt registriert. Allerdings sind die Dunkelziffern weitaus höher.

Mitte 2008 ging die südafrikanische Polizei davon aus, dass etwa 150 Frauen täglich vergewaltigt werden. Außerdem lebt schätzungsweise jede fünfte Südafrikanerin in einer gewaltgeprägten Ehe. Viele Männer nehmen die neuen Frauenrechte als persönlichen Affront wahr. Sie fühlen sich in ihrem Selbstbild verunsichert, unter anderem weil die vom African National Congress (ANC) geführte Regierung es versäumt hat, ihnen die Bedeutung ihrer Gender-Politik zu erläutern. Etliche Männer reagieren mit Gewalt, um zumindest in ihrem privaten Umfeld die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und ihre Vormachtstellung abzusichern. Das bekommen vor allem Ehefrauen und Partnerinnen, aber auch Töchter und Stieftöchter zu spüren.

Diese Probleme durchziehen alle Bevölkerungsgruppen. Sie machen keineswegs vor den Villensiedlungen der Weißen halt. Schon während der Apartheid begingen Buren unzählige Morde im Familienkreis, wobei die gemeldeten Gewaltakte nur einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle erfassten. Auch die Scheidungsraten waren in dieser patriarchalen und militarisierten Gesellschaft hoch. Männer, die von ihren Ehefrauen verlassen wurden, weil diese Schläge und Demütigungen nicht mehr ertrugen, interpretierten die Trennungsversuche als Kontrollverlust und Angriffe auf ihre eheliche Machtstellung. Sie reagierten mit Gewalt und griffen häufig zur Waffe.

Wie in vielen anderen Siedlerkolonien, beispielsweise in den USA, definierten sich weiße Südafrikaner über einen ausgeprägten Waffenkult. Ihr Verständnis von „Selbstverteidigung" beschränkte sich nicht auf Waffengewalt gegenüber der als Bedrohung wahrgenommenen afrikanischen Bevölkerungsmehrheit, sondern richtete sich im Zweifel auch gegen die eigene Ehefrau. Bis 1984 galten weiße Frauen nicht als eigenständige Rechtspersonen, deshalb mussten sie Arbeits- und Kaufverträge von ihren Ehemännern oder Vätern unterschreiben lassen. Ihre umfassende Verfügungsmacht nutzten weiße Männer auch gegen ihre Kinder aus. Besonders ausgeprägt waren sexuelle Kontakte mit Töchtern oder Söhnen bei Militärs, sie bildeten die Kehrseite der in der südafrikanischen Armee praktizierten überzogenen Maskulinität.

Sexuelle Gewalt als Foltermethode

Auch Hausangestellte und Farmarbeiterinnen wurden Opfer sexualisierter Übergriffe ihrer Arbeitgeber. Unzählige weiße Farmbesitzer forderten noch im 20. Jahrhundert das Recht der ersten Nacht von ihren Arbeiterinnen und entwürdigten damit auch deren Ehemänner. Weder die Hausangestellten noch die Farmarbeiterinnen hatten eine Chance, rechtlich gegen ihre Peiniger vorzugehen. Von den Hausherrinnen konnten sie ebenfalls keinerlei Unterstützung erwarten. Diese unterstellten ihnen häufig sogar, die Männer mit afrikanischer Liebesmedizin verführt, also verhext zu haben.

Die Farmen und privaten Haushalte der Weißen bildeten den Mikrokosmos der Apartheid. So kamen viele Polizisten und Berufssoldaten von heruntergewirtschafteten Farmen, auf denen Auspeitschungen und andere Formen der körperlichen Gewalt zur Aufrechterhaltung der rassistischen Ordnung dienten. Als Sicherheitskräfte machten sie ihre Unfähigkeit und ihren Bildungsmangel durch besonders brutales Vorgehen wett. Gegenüber schwarzen politischen Aktivistinnen oder Partnerinnen politischer Gefangener setzten sie systematisch sexuelle Gewalt als Foltermethode ein. Auch Gruppen-Vergewaltigungen zählten zu den Verhörmethoden. Auf diese Weise sollten nicht nur die Opfer, sondern auch deren männliche Angehörige oder Partner gedemütigt werden. Dennoch hat kein einziger weißer Sicherheitspolizist Amnestie für politisch motivierte Vergewaltigungen bei der 1996 eingesetzten Wahrheits- und Versöhnungskommission beantragt.

Die meisten Gewaltopfer wagten es nicht, über die erlittenen Gräuel zu sprechen. Sie fürchteten, noch im Nachhinein angefeindet und ausgegrenzt zu werden. Denn mancherorts wurde den Vergewaltigten unterstellt, politische Aktivisten verraten zu haben, um die eigenen Qualen rasch zu beenden. Diese verzerrte Wahrnehmung konnten auch die wenigen Spezialanhörungen für Frauen nicht ändern, die die Wahrheits- und Versöhnungskommission anberaumte. Zudem betrachtete die Kommission Frauen vor allem als Mütter, die sich für ihre ermordeten Söhne einsetzten und den Killern großherzig verziehen, und nicht als eigenständige Aktivistinnen, die wegen ihrer politischen Arbeit vergewaltigt worden waren. Damit blieb sexualisierte Gewalt aus den öffentlichen Diskussionen über die Apartheidverbrechen weitgehend ausgeschlossen.

Während weiße Männer immer aus einer dominanten Position heraus handelten, gestaltete sich die maskuline Selbstdefinition für Schwarze viel schwieriger. Schon während der Kolonialzeit und insbesondere während der Apartheid verweigerte das weiße Regime Afrikanern die rechtlichen und ökonomischen Grundlagen, um ihr Selbstverständnis als Viehbesitzer, Gehöftsleiter und politische Entscheidungsträger fortzuführen. Vielmehr wurden die Menschen in großem Stil enteignet und in „Homelands" zwangsumgesiedelt. Hohe Steuerpflichten zwangen Männer, sich als Farm- und Minenarbeiter zu verdingen. Die Löhne waren miserabel. Mehrere hunderttausend Minenarbeiter, auch aus den Nachbarländern, wurden unter Tage von weißen Vorarbeitern schikaniert. Auspeitschungen und der Befehl, in schlecht gesicherten Schächten zu arbeiten, waren an der Tagesordnung. Südafrikas Minen galten wegen ihrer hohen Unfall- und Todesraten als gefährlichste weltweit.

Schwarze Minenarbeiter galten unabhängig von ihrem Alter und Familienstand als „boys", als unmündige Jungen. Sie waren rechtlos und durften nicht mit ihren Ehefrauen zusammenleben. Oft sahen sie ihre Familien jahrelang nicht und entfremdeten sich von ihren Partnerinnen. Wegen des geringen Einkommens und der Existenznot in den Herkunftsgebieten waren Konflikte vorprogrammiert. In vielen „Homelands" war es unmöglich, mit Landwirtschaft zu überleben oder eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Die Ehefrauen waren von den wenigen Geldsendungen ihrer Männer abhängig. Damit wurde die Kontrolle über sie zum einzigen und letzten Machtrefugium der Männer. Das gestand ihnen sogar die Apartheid-Regierung zu, denn schwarze Frauen wurden erst nach der politischen Wende rechtsmündig. Außerdem misstrauten viele Männer wegen ihrer langen Abwesenheit ihren Ehefrauen. Sie unterstellten ihnen Beziehungen mit anderen Männern - auch um Geld für das tägliche Überleben zu erhalten. Um mögliches Fehlverhalten zu bestrafen und ihre eheliche Machtstellung zu betonen, wandten viele zurückkehrende Wanderarbeiter Gewalt an.

Spätestens in den 1970er und 1980er Jahren nahmen schwarze junge Männer die Demütigungen und Schikanen durch Weiße nicht mehr hin. Auf der einen Seite bildeten jugendliche Arbeitslose - teilweise waren sie aus den Minen oder von Farmen geflohen - kriminelle Banden, sogenannte Gangs. Auf der anderen Seite gründeten Schüler politische Vereinigungen zum Kampf gegen das rassistische Regime. Die Banden setzten sich auf ihre Weise gegen die Entwürdigungen schwarzer Männer zur Wehr, denn sie forderten gewaltsam Respekt ein und zwar in den Townships, den Wohngebieten der Schwarzen. Die Apartheid-Polizei ließ sie weitgehend gewähren und versorgte sie mancherorts sogar mit Drogen und Waffen. Damit wollte sie den sozialen Zusammenhalt in den Townships brechen und den politischen Aktivisten Paroli bieten.

Polizei und Justiz bagatellisierencVergewaltigung und sexuelle Übergriffe

Die Gangs richteten sich auch gegen Schülerinnen. Mit systematischen sexuellen Belästigungen wollten sie die Mädchen zwingen, die Schule abzubrechen. Ihre Gewalt zielte gleichzeitig gegen die politisch aktiven Schüler. Die Banden wollten ihnen vorführen, dass sie unfähig waren, ihre Freundinnen und Schwestern zu schützen. Die Schüler setzten sich zwar verbal für die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen ein, faktisch praktizierten sie aber keine geschlechtergerechten Umgangsformen. Für sie stand der Kampf gegen die Apartheid im Mittelpunkt, dafür sollten alle Kräfte gebündelt werden. Deshalb bereitete die Überwindung der Rassenherrschaft keineswegs der männlichen Vorherrschaft im öffentlichen und privaten Leben ein Ende.

Vor allem die Macht der Gangs ist ungebrochen. Arbeitslosigkeit, Armut und mangelnde Zukunftsperspektiven sorgen weiter dafür, dass junge Männer sich kriminellen Banden anschließen. Sie suchen Bestätigung durch andere Männer. Viele Gangs praktizieren (Massen)-Vergewaltigungen als Initiationsriten, was angesichts der hohen HIV-Raten fatale Konsequenzen für die Opfer hat. Solange die ANC-Regierung, die Polizei und die Justiz sexualisierte Gewalt bagatellisieren, wie dies beispielsweise im spektakulären Vergewaltigungsprozess gegen den derzeitigen ANC-Vorsitzenden Jacob Zuma 2006 der Fall war, werden die Opfer weiter gebrandmarkt. Einzelne Frauenrechtsorganisationen und wenige Männer, die diese Gewaltakte verurteilen, werden angefeindet und gelegentlich sogar bedroht. Dennoch arbeiten zivilgesellschaftliche Initiativen weiterhin beharrlich daran, die politischen Machthaber an der neuen südafrikanischen Verfassung zu messen. Gerade wegen des Gewalterbes wären sie zu deren Verwirklichung verpflichtet.

Rita Schäfer ist Ethnologin. Sie arbeitet über Gender und Gewalt in Afrika und hat 2008 die Bücher „Im Schatten der Apartheid" sowie „Frauen und Kriege in Afrika" veröffentlicht.

welt-sichten 03-2009

 

 

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2009: Südafrika: Neue Freiheit, alte Armut