„Ein erster Schritt zu einem geeinten Ostafrika“

Seit einigen Jahren gibt es in Tansania Rückführungsprogramme für die zahlreichen Bürgerkriegsflüchtlinge aus Nachbarländern wie Burundi, Ruanda oder der Demokratischen Republik Kongo. Noch in diesem Jahr sollen die meisten Flüchtlingslager geschlossen werden. Flüchtlingen, die schon lange im Land sind, hat die Regierung allerdings auch die Einbürgerung angeboten. Paul Ruzoka, Erzbischof von Tabora im Nordwesten Tansanias und Mitglied im Päpstlichen Rat für Migration, befürwortet diese Pläne.

Tansania hat in den vergangenen Jahrzehnten eine sehr große Anzahl von Flüchtlingen beherbergt. Will die Regierung jetzt einen Schlussstrich ziehen?

Ja, wir hatten und haben eine sehr große Anzahl von Flüchtlingen im Land. Die ersten kamen Anfang der 1970er Jahre aus Burundi. Das eigentliche Drama aber begann in den 1990er Jahren, als erneut viele Menschen aus Burundi flohen, dann aus Ruanda und dann auch noch aus dem Kongo. Es waren mehr als eine Million Flüchtlinge im Land, und sie waren alle in Camps im Westen des Landes untergebracht. Es war nicht einfach für Tansania, so viele Flüchtlinge zu verkraften.

Die Regierung plant jetzt, alle Flüchtlingslager zu schließen. Ist das realistisch?

Es gibt ein Abkommen zwischen Burundi, der Demokratischen Republik Kongo und Tansania, wonach die Mehrzahl der Camps geschlossen wird und die Herkunftsländer die Flüchtlinge wieder aufnehmen. Der UN-Flüchtlingskommissar (UNHCR) hat zugesagt, bei der Rückführung zu helfen. Die ruandischen Flüchtlinge etwa sind in ihrer großen Mehrzahl inzwischen zurückgekehrt. Ihre Camps sind bereits geschlossen.

Sind die Flüchtlinge bereit, in ihre Heimatländer zurückzugehen?

Kein Flüchtling will für immer Flüchtling bleiben. Das Leben in den Camps ist hart. Das gilt auch für die Flüchtlinge aus dem Kongo. Sollten die Auseinandersetzungen im Osten des Landes anhalten, will die kongolesische Regierung sich darum bemühen, dass die Flüchtlinge auch in anderen Landesteilen aufgenommen werden. Die burundischen Flüchtlinge aus den neunziger Jahren wiederum können immerhin ihre alten Landrechte einfordern.

Aber viele Flüchtlinge haben sich in Tansania doch längst neue Existenzen aufgebaut?

Das gilt vor allem für die Burundi-Flüchtlinge aus den siebziger Jahren. Sie leben schon lange nicht mehr in Flüchtlingscamps, sondern in eigenen Siedlungen, weil die Regierung ihnen damals Landnutzungsrechte eingeräumt hat. In ihrer alten Heimat wiederum haben sie ihre Landrechte mittlerweile verloren, und viele haben nach all den Jahren in Tansania auch keinen allzu großen Heimatbezug mehr. Deshalb hat die Regierung dieser Gruppe die Einbürgerung angeboten. Allerdings unter einer Bedingung: Sie müssen bereit sein, sich irgendwo im Land neu anzusiedeln.

Ist das nicht eine sehr harte Bedingung?

Tatsächlich hat die Zahl der Einbürgerungswilligen abgenommen, seit diese Forderung bekannt geworden ist. Aber im Grunde genommen wird von ihnen nur dasselbe verlangt wie von anderen Tansaniern: Auch die 128 ethnischen Gruppen Tansanias leben überall im Land verstreut. Die Burundier aber leben bislang vornehmlich im Westen des Landes - eben in den Flüchtlingssiedlungen, die jetzt aufgelöst werden sollen. Da das Land in Regierungsbesitz ist, kann die Regierung ihnen auch an einem anderen Ort Landnutzungsrechte zusprechen.

Wie verhält sich die Kirche zu den Regierungsplänen?

Wir haben eine Kommission eingerichtet und ein Austauschprogramm mit Burundi gestartet, um die Gemeinden dort auf die Aufnahme der Rückkehrer vorzubereiten. Umgekehrt besuchen burundische Pastoren die Bewohner der Camps , um die Kontakte zu den Heimatgemeinden neu zu knüpfen. Ein ähnliches Programm planen wir für den Osten Kongos. Es geht darum, die alten Wunden des Krieges zu heilen und eine Versöhnung zwischen den ehemals verfeindeten Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen. Die Kirche befürwortet auch die Einbürgerungspläne. Mit ihnen wird einer Flüchtlingsgruppe nachträglich einmal ausdrücklich das Recht auf Migration zugesprochen. Für mich bedeutet das einen ersten Schritt in Richtung eines geeinten Ostafrika.

Das Gespräch führte Bettina Stang.

Paul Ruzoka ist Erzbischof von Tabora, Tansania, und seit 2008 Mitglied im Päpstlichen Rat für Migration.

 

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2009: Südafrika: Neue Freiheit, alte Armut