Worüber Aldi ungern spricht

Der Discounter Aldi verkauft Waren in seinen Märkten, bei deren Produktion Arbeits- und Frauenrechte verletzt werden. Laut einer im Februar veröffentlichten Studie des kirchennahen Instituts Südwind verstoßen die sechs untersuchten Fabriken im südchinesischen Perl­flussdelta zum Teil auch gegen chinesische Gesetze zur sozialen Absicherung der Beschäftigten.

Geprüft wurden chinesische Großbetriebe, die Aktionswaren für Aldi herstellen. „Die Schnäppchenhits der Discounter werden mit systematischen Verletzungen von Arbeits- und Frauenrechten bei globalen Zulieferern erkauft", sagt die Autorin der Studie, Ingeborg Wick. Für die Untersuchung seien rund achtzig Beschäftige aus Fabriken befragt worden, die Elektronikprodukte, Haushaltswaren, Kosmetika und Textilien an die Aldi-Gruppe liefern.

Fünf der sechs Fabriken zahlten Gehälter knapp über dem Mindestlohn, und vier Betriebe böten kaum Zusatzleistungen wie freie Mahlzeiten. Diese sind laut der Studie aber wichtig für die Arbeiter und Arbeiterinnen, weil die Mindestlöhne niedrig sind und die Lebenshaltungskosten in China schnell steigen. Kranken- und Berufsunfallversicherungen oder Rentenbeiträge würden nur in zwei Fabriken gezahlt, obwohl laut Südwind die chinesischen Gesetze die Arbeitgeber dazu verpflichten.

Die Studie berichtet von zahlreichen Überstunden der Arbeiter, die Arbeitszeit pro Woche betrage bis zu 91 Stunden. Die Fabriken verweigerten den Arbeitern und Arbeiterinnen häufig schriftliche Arbeitsverträge oder zahlten kein Urlaubsgeld. Viele Arbeiterwohnungen seien zudem mangelhaft. Die Autorin bezeichnet es als „nicht überraschend", dass es „in keiner der untersuchten Fabriken irgendein funktionierendes System organisierter Arbeitsbeziehungen oder Organe zur Interessenvertretung der Beschäftigten gibt". Auch gegen Mutterschutzbestimmungen werde verstoßen. Die Studie schätzt den Anteil der Frauen an den Belegschaften der sechs untersuchten Fabriken auf 60 bis 80 Prozent, das Durchschnittsalter betrage 20 bis 25 Jahre.

Aldi profitiert von den niedrigen Lohnkosten. Der Konzern bietet laut Südwind jährlich circa 2500 Aktionswaren an, für die in ganz Deutschland mit der Überschrift „Aldi informiert" geworben wird. Textilien seien der umsatzstärkste Posten. Aktionswaren machen nach Angaben der Initiative 20 Prozent des Umsatzes von Aldi aus und sind ein wichtiger Zweig im Konkurrenzkampf der Discounter. Mehr als 40 Prozent der Aldi-Aktionswaren werden in China hergestellt.

Aldi-Süd in Essen erklärte, man werde die Ergebnisse der Studie prüfen. Das Unternehmen sei sich seiner Verantwortung bewusst. Südwind hatte bereits 2007 eine Studie über die Arbeitsbedingungen bei Aldi-Zulieferern in China und Indonesien veröffentlicht. Damals seien noch schwerere Verstöße festgestellt worden. Aldi sei daraufhin einer Initiative für Sozialstandards beigetreten. Diese strebe zwar eine Verbesserung von Standards in den globalen Zulieferketten an, setze dabei aber lediglich auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Südwind bewertet das als ungenügend.

Die „Supermarktinitiative", ein Zusammenschluss von 19 Organisationen aus den Bereichen Umwelt, Entwicklung und Gewerkschaften, hat deshalb das Bundeskartellamt aufgefordert, die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards in der gesamten Lieferkette von Supermarktgruppen zu überprüfen. Dem Bündnis gehören neben Südwind auch Misereor und Oxfam an. (fe)

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2009: Südafrika: Neue Freiheit, alte Armut

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