Auch München braucht den Amazonas

Das Münchner Netzwerk Nord-Süd-Forum diskutiert anlässlich seines 30-jährigen Bestehens über die Zukunft des entwicklungspolitischen Engagements. Die Klimapartnerschaft zwischen der Stadt München und einer indigenen Gemeinschaft in Peru gilt als Beispiel für Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Die Globalisierung einer nur auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Politik stößt an ihre Grenzen. Auch in den westlichen Industrieländern gibt es krasse soziale Gegensätze. Klimakatastrophe und Umweltzerstörung machen ein Umdenken notwendig. Was versteht die lokale Eine-Welt-Arbeit heute unter Entwicklung? Muss man von einer „anderen Entwicklung“ sprechen? Oder sollte man ganz auf den Begriff verzichten?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich das Nord-Süd-Forum München in einer losen Themenreihe im Laufe dieses Jahres. Das Netzwerk umfasst rund 60 entwicklungspolitische Gruppen und blickt in diesem Jahr auf sein 30-jähriges Bestehen zurück. Bei einer ersten Veranstaltung haben Engagierte vorgestellt, wie sich ihre Sichtweise auf Entwicklung über die Jahre verändert hat. Unter dem Motto „Entwicklung anders denken“ sind weitere Veranstaltungen geplant, etwa zu feministischen Perspektiven auf Entwicklung oder zur Wachstumskritik.

„Unter Entwicklung kann man sehr unterschiedliche Dinge verstehen“, sagt Kai Schäfer, geschäftsführender Referent des Netzwerks. „Wenn Entwicklung nicht mehr Wachstum bedeutet, was dann? Mit dieser Frage wollen wir uns aus­ein­andersetzen.“ Er verspricht sich vom Themenschwerpunkt, dass die Mitgliedsgruppen ihr Engagement vertieft reflektieren. Die Gruppen vertreten ein breites Spektrum von ehrenamtlichen regionalen Initiativen bis zu nichtstaatlichen Hilfsorganisationen wie Handicap International oder Missio München.

Echte „Augenhöhe“ zu erreichen ist für beide Seiten schwer

Manche Nord-Süd-Kooperationen verfolgten auch heute noch einen klassischen Hilfsansatz, meint Schäfer. Dann werden zum Beispiel Schulen gebaut, die die Geldgeber im Norden finanzieren. Die Menschen im Süden sind die Empfänger. Der karitative Impuls präge in weiten Teilen der Öffentlichkeit das Bild von Entwicklungszusammenarbeit – aber auch einzelne Mitgliedsgruppen des Nord-Süd-Forums verstehen ihre Arbeit noch in diesem Sinn. „Der Impuls, Menschen helfen zu wollen, ist ja zunächst etwas Gutes“, sagt Schäfer. Die Frage sei aber, wie man es schaffe, dass sich beide Partner als gleichberechtigt verstehen. Die viel beschworene „Augenhöhe“ zu erreichen, sei in der Praxis „unendlich schwer für beide Seiten“. Man müsse daher darüber nachdenken, wie die eigene Projektarbeit in den Ländern des globalen Südens wirke.

Die Klimapartnerschaft Münchens mit der indigenen Gemeinschaft der Asháninka im zentralen Regenwald von Peru sei ein Beispiel für den Wandel von der Hilfe hin zu einer gemeinsamen Solidaritätsarbeit, sagt Schäfer. München unterstützt die Selbstorganisation der Indigenen, so dass sie ihren natürlichen Lebensraum besser schützen können, etwa gegen eindringende Konzerne. Gleichzeitig nützt der Schutz des Regenwaldes den Münchnern, weil die grüne Lunge in Südamerika für den weltweiten Klimaschutz essenziell ist.

Georg Stoll, beim Hilfswerk Misereor zuständig für globale Zukunftsfragen, hält die Diskussion über das Verständnis von Entwicklung für sehr wichtig: „Der Begriff ist bei einigen unserer Partner im globalen Süden inzwischen verbrannt.“ Sie bringen „Entwicklung“ mit einem kapitalistischen Wirtschaftsmodell in Verbindung, das sie als zerstörerisch erlebt haben – auch wenn man den Begriff durch den Zusatz „nachhaltig“ ergänzt.

"Wir brauchen einen Perspektivwechsel“, sagt Stoll. Weg von einem Verständnis des Westens als privilegiertem Akteur, der Geld oder Know-how gibt, hin zu einem Bewusstsein von gemeinsamen Problemlagen. Um dahin zu gelangen, müsse man in einen Dialog treten und Selbstverständlichkeiten kritisch hinterfragen. Diese Überlegungen seien nicht neu, aber „in der Praxis häufig noch nicht so präsent“, sagt Stoll. Denn sie erfordern ein radikales Umdenken. Wenn es keine global geteilte Blaupause mehr für Entwicklung gibt, muss jeder seinen eigenen Weg suchen: die Asháninka in Peru ebenso wie die Menschen in München. Und statt dem Süden Rezepte zu empfehlen, muss für politische Veränderungen hier bei uns gesorgt werden.

erschienen in Ausgabe 4 / 2019: Erde aus dem Gleichgewicht

Schlagworte

Neuen Kommentar schreiben