Herausgeberkolumne
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Frieden braucht Zivilgesellschaft

Es gibt verschiedene Initiativen, um die Sahelzone zu stabilisieren: Zum Beispiel durch die internationale Sahel-Allianz. Dennoch bleibt es eine Krisenregion, auch weil es nicht nur eine einzige Lösung für die gesamte Region gibt, meint Cornelia Füllkrug-Weizel.

Cornelia Füllkrug-Weitzel ist Präsidentin von Brot für die Welt.
Die Sahel-Region erfährt gerade öffentliche Aufmerksamkeit, nicht zuletzt weil jüngst einige deutsche Politikerinnen und Politiker dorthin gereist sind. Ihnen gilt der Sahel als Synonym für Krise, für eine Transitregion für Flüchtende auf dem Weg nach Europa. Diese Wahrnehmung ist aber falsch.

Nur ein kleiner Teil der Menschen, die in Afrika eine bessere Zukunft suchen, macht sich auf den Weg nach Europa. Die allermeisten bleiben in ihrer Region. Wie Gilles Yabi, Leiter des westafrikanischen Thinktanks WATHI, erklärt, gehört Migration zur kulturellen Identität in Afrika. Die Menschen sind schon immer umgezogen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Was sie dazu vor allem brauchen, ist eine gute Infrastruktur.

Um die Regierung in Mali zu stabilisieren, entsendet Deutschland seit Februar 2013 im Rahmen der UN-Mission MINUSMA Bundeswehrsoldaten in die Region. Seit Juli 2017 koordiniert die „Sahel-Allianz“, eine gemeinsame Initiative Deutschlands, Frankreichs und der Europäischen Union, Anstrengungen für eine nachhaltige Entwicklung in Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und Tschad. Die Allianz versteht sich als Antwort auf das in diesen Staaten gegründete Regionalbündnis „G5 du Sahel“ und vor allem auf dessen „G5 Sahel Joint Force“, eine Eingreiftruppe aus 5000 Soldaten und Polizisten. Auch die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank und das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) haben sich der Allianz angeschlossen, ebenso inzwischen sieben weitere europäische Länder. Laut eigener Aussage hat die Sahel-Allianz bereits rund 600 gemeinsame Projekte in den Bereichen Jugendbeschäftigung und Bildung, Landwirtschaft, Energie und Wasser, gute Regierungsführung, Dezentralisierung sowie innere Sicherheit umgesetzt.

Gerade in Zeiten, in denen der Multilateralismus schwindet, schien die Idee einer Sahel-Allianz durchaus sinnvoll. Warum aber ist dann die Lage im Sahel unsicherer und schlechter als je zuvor? Warum steigt die Anzahl der Attentate weiter? Warum ist MINUSMA zum gefährlichsten Einsatz der Vereinten Nationen geworden, von dem man mittlerweile als „neuem Afghanistan“ spricht?

Die Konfliktinien sind vielfältig

Die Antworten sind kontrovers. Die Fronten sind nicht eindeutig und die Konfliktlinien vielfältig. So nehmen etwa Auseinandersetzungen zwischen Hirten und Bauern um dürrebedingt knapp werdendes Acker- und Weideland zu. Es kommen sowohl von Seiten der Regierung Malis als auch von Rebellen Rufe nach militärischen Interventionen. Doch wenn man sich in Ländern wie Mali oder Niger umhört, die sich schon länger in einer Krise befinden, wird schnell deutlich, dass die Präsenz der europäischen Soldatinnen und Soldaten weder zu einer Befriedung des Konfliktes beigetragen noch die Anzahl terroristischer Anschläge gesenkt hat. Und, nicht unwichtig für die Argumentation vor allem deutscher Politikerinnen und Politiker: Sie hat nicht dafür gesorgt, dass weniger Menschen nach Europa auswandern möchten. Stattdessen hat sie die Gesellschaft im Sahel stärker militarisiert und dazu beigetragen, dass sich die Gesamtsituation verschlechtert. Die Zahl der Anschläge hat zugenommen und diese werden inzwischen von unterschiedlichen Gruppen verübt.

Wir müssen endlich anerkennen, dass es nicht die eine Antwort für die Lösung des Konfliktes in der Region gibt, weil es eben auch nicht nur einen Konflikt gibt. So gern wir allgemein über den Sahel reden, ist es doch notwendig, die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern genau im Blick zu haben. So sind beispielsweise die politischen Rahmenbedingungen und auch die Konfliktursachen im Tschad ganz anders als in Niger. Sicher ist aber auch, dass kein Land der Welt die vielschichtigen Konflikte allein bewältigen kann, wenn zugleich Ungleichheiten auf globaler wie auch nationaler Ebene zunehmen.

Zugang zu grundlegender Infrastruktur

Am 24. April, dem internationalen Tag des Multilateralismus, hat UN-Generalsekretär António Guterres gefordert, dass internationale Organisationen „vernetzter“ arbeiten und ihre Verbindung zur Zivilgesellschaft ausbauen müssen. Hier kommen nichtstaatliche Organisationen ins Spiel: Sie haben Zugang zur örtlichen Zivilgesellschaft, die im Sahel bis heute kaum angehört wurde. Brot für die Welt und das Netzwerk Fokus Sahel haben im Rahmen einer Tagung zum Thema „Sicherheit im Sahel“ Expertinnen und Experten aus der Region zu einem Erfahrungsaustausch eingeladen. Dabei ist deutlich geworden, dass Sicherheit mehr ist als die Abwesenheit von Gewalt. Für die örtliche Bevölkerung bedeutet Sicherheit vor allem Zugang zu grundlegender Infrastruktur wie Bildung, Wasser, Nahrung und Sanitäreinrichtungen. Unser aller Auftrag ist, sich gemeinsam mit den Menschen dort für Sicherheit in diesem erweiterten Sinne stark zu machen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2019: Multilaterale Politik: Zank auf der Weltbühne

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