Humanitäre Hilfe
Humanitäre Hilfe

Panikmache mit Flüchtlingszahlen

Humanitäre Helfer behaupten oft, es gebe so viele Flüchtlinge wie nie zuvor. Das zeugt von einem geschichtsvergessenen Bewusstsein, es schadet dem eigenen Anliegen – und befeuert im schlimmsten Fall einen migrantenfeindlichen Diskurs.

Bei einer Veranstaltung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz hat der britische Geschäftsmann Richard Branson Alarm geschlagen: „Weltweit hat die Zahl der Flüchtlinge ein beispielloses Ausmaß erreicht“, sagte Branson in seiner Rede.  Am selben Tag hat der Nachrichtensender „BBC“ berichtet, dass es mehr Vertriebene als jemals zuvor gebe: 70,8 Millionen Menschen, jeder hundertzehnte Mensch auf der Welt sei heimatlos.

Dass die Zahl der Vertriebenen eine Rekordhöhe erreicht hat, ist in den vergangenen Jahren von humanitären Helfern gebetsmühlenartig wiederholt worden. Und jede vom UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR neu veröffentlichte Statistik befeuert diese Behauptung.

Aber stimmt sie auch? Wahrscheinlich nicht. Im besten Fall ist die These irreführend. Doch wenn sie zur Begründung humanitärer Hilfe vorgetragen wird, ist sie wohl eher schädlich.

200 Millionen Vertrieben während des Zweiten Weltkriegs 

Falsch ist die Behauptung aus zwei Gründen. Erstens, weil ihre Vertreter keine Ahnung von Geschichte haben. Während des Zweiten Weltkriegs wurden in Europa und Asien 200 Millionen aus ihrer Heimat vertrieben – alleine in China waren es 100 Millionen. Die aktuelle Zahl der weltweiten Flüchtlinge müsste sich also verdoppeln oder sogar verdreifachen, um tatsächlich „Rekordhöhe“ oder ein „beispielloses Ausmaß“ zu erreichen.

Autor

Benjamin Thomas White

ist Historiker und forscht an der Universität Glasgow zur Flüchtlingsgeschichte.
Zweitens, gibt es für die länger zurückliegende Vergangenheit keine aussagekräftigen Statistiken. Das UNHCR erfasst die unter ihr Mandat fallenden Flüchtlinge seit 1951; das UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten UNRWA zählt die palästinensischen Flüchtlinge seit 1948. Zudem war der ursprüngliche Auftrag des UNHCR eng gefasst: Die UN-Organisation war ausschließlich für Menschen zuständig, die vor dem 1. Januar 1951 in Europa vertrieben wurden. Erst nach 1967 fielen alle Flüchtlinge unter das Mandat des UNHCR – mit Ausnahme der Palästinenser.

Die größere Wissenslücke existiert derweil hinsichtlich der Binnenflüchtlinge, die etwa zwei Drittel der vom UNHCR registrierten Vertriebenen ausmachen. Für Menschen, die innerhalb ihres Landes auf der Flucht sind, ist das UNHCR erst seit Mitte der 1990er Jahre zuständig. Für die Zeit davor gibt es kaum verlässliche Statistiken. Zwar versucht das in Genf ansässige Beobachtungszentrum für interne Vertreibung seit den 1990er Jahren die Binnenflüchtlinge zu zählen. Aber das ist ein schwieriges Unterfangen – auch weil Regierungen, die an der Vertreibung möglicherweise schuldig sind, das verhindern wollen.

Die mindestens zehn Millionen Menschen, die nach der Teilung der britischen Kolonie auf dem indischen Subkontinent vertrieben wurden, sind in den historischen Flüchtlingszahlen nicht erfasst. Genauso wenig enthalten sie die drei Millionen algerischen Muslime, die während des Unabhängigkeitskriegs zwangsweise umgesiedelt wurden – oder all die chinesischen Flüchtlinge während der Hungersnot in der Zeit von Maos „großem Sprung nach vorn“ und seiner kulturellen Revolution. Die Zahl der historisch nicht erfassten Flüchtlinge liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Relative Zahlen sind entscheidend

Mit anderen Worten: Wir wissen schlichtweg nicht, ob es heute mehr Flüchtlinge gibt als jemals zuvor. Also sind solche Behauptungen für gewöhnlich inkorrekt. Sie sind zudem irreführend, weil die absoluten Zahlen ohnehin weniger wichtig sind als die relativen. Bezogen auf die gesamte Weltbevölkerung sind die heutigen Zahlen nicht außergewöhnlich hoch. In den späten 1940er Jahren lebten etwa zwei Milliarden Menschen auf der Erde: Die insgesamt 200 Millionen Flüchtlinge während des zweiten Weltkrieges machten also fast zehn Prozent der Weltbevölkerung aus. Heute sind von 7,7 Milliarden Menschen etwa 70,8 Millionen heimatlos, also weniger als ein Prozent – ein viel kleinerer Anteil als früher.

Aber nicht nur die Bevölkerungszahl spielt eine Rolle: Während die Weltbevölkerung heute etwa viermal so groß ist wie 1945, hat sich die Weltwirtschaft um ein Vielfaches davon vergrößert. Die wirtschaftlichen Kapazitäten zur Versorgung von Flüchtlingen haben sich im Vergleich zu den 1940er, den 1970er und auch den 1990er Jahren enorm gesteigert. Zudem gibt es viel effektivere staatliche, internationale und zivilgesellschaftliche Organisationen zur Unterstützung von Flüchtlingen.

Das Kernproblem sind nicht die Zahlen

Also: In Relation zur Gesamtbevölkerung gibt es heute weniger Flüchtlinge als früher und die Möglichkeiten zur Unterstützung sind zahlreicher und effektiver. Deshalb ist es irreführend zu behaupten, die Flüchtlingszahl sei „rekordmäßig“ oder habe ein „beispielloses Ausmaß“ erreicht – vor allem, weil das Kernproblem nicht das Ausmaß ist, sondern der fehlende politische Wille, das Thema anzugehen.

Warum sind solche Behauptungen nicht nur falsch und irreführend, sondern auch kontraproduktiv? Hinter der Behauptung steht bei humanitären Helfern eine gute Absicht: Sie glauben, dass sie dadurch öffentliche und politische Unterstützung mobilisieren. Sie glauben, Menschen spenden dann eher Geld oder engagieren sich als Aktivisten oder Freiwillige. Und sie glauben, dass Regierungen dann Hilfsgelder bereitstellen, selbst aktiv werden, ihre diplomatischen Kanäle aktivieren, um fluchtverursachende Krisen zu beenden, mehr Flüchtlinge aufnehmen und so weiter und so fort.

In einigen Fällen stimmt das vielleicht. Aber ich glaube, meistens wird so das Gegenteil bewirkt. Ständig auf dem „beispiellosen Ausmaß“ der Flüchtlingskrise herumzureiten, kann ein Gefühl des Entsetzens oder der Hilflosigkeit hervorrufen, die lähmt – und nicht zum Handeln anregt.

Einen migrantenfeindlichen Diskurs anheizen

Wenn die Zahl der Vertriebenen, Asylbewerber und Binnenflüchtlinge größer ist als die Bevölkerung Kolumbiens, Großbritanniens oder Kenias, wie kann man dann von Kolumbien, Großbritannien oder Kenia erwarten, sie alle aufzunehmen? Doch nicht nur das. Das Bild der „Millionen Flüchtlinge, die an unsere Tür klopfen“ zeigt, dass die Betonung des „beispiellosen Ausmaßes“ auch einen migrantenfeindlichen Diskurs anheizen kann.

Zuletzt gibt es in den Statistiken über Flüchtlingen und Vertreibungen oft ein fundamentales Problem. Immer nur über das ungeheuerliche Ausmaß von Vertreibung zu reden, reduziert die Komplexität verschiedener Fluchtursachen zu einer einzigen, unvorstellbaren „Krise“. Das macht es für die Öffentlichkeit und für Politiker schwer, spezifische Formen von Flucht und Migration zu verstehen, einzuordnen und kleinere – aber dafür effektivere – Lösungen zu entwickeln.

Außerdem werden die Biografien von Millionen unterschiedlicher Menschen auf diese eine große Zahl reduziert: 70,8 Millionen. Das ist problematisch, weil man für Statistiken keine Empathie entwickeln kann. Einzelne Menschen aus dem Bild zu streichen und stattdessen nur von der Rekordhöhe zu sprechen, verringert die öffentliche Sympathie und Unterstützung, statt sie zu vergrößern. Die weltweit Vertriebenen verdienen etwas Besseres.

Der Beitrag ist zuerst auf der Online-Plattform „The New Humanitarian“ erschienen. Die Verantwortung für die Übersetzung liegt bei "welt-sichten".

Aus dem Englischen von Moritz Elliesen.

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

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