Homophobie
Mit Regenbogenfahnen und bunten Federboas gegen den Hass: Parade von Schwulen und Lesben im ugandischen Entebbe im August 2015.
Homophobie

Das Feindbild Schwule und Lesben

In Uganda nehmen seit Jahren die Übergriffe auf Homosexuelle zu. Dabei spielen religiöse Aktivisten eine Rolle, aber auch Einflüsse von außen.

Das Thema Homosexualität birgt im ostafrikanischen Uganda seit ein paar Jahren zunehmend Sprengstoff in Politik und Gesellschaft. Im Oktober 2019 wurde ein LGBTQI-Aktivist zuhause ermordet, und die ugandische Polizei verhaftete 16 Männer, die sie der Homosexualität und des Menschenhandels verdächtigte. Diesen Ereignissen folgten Gerüchte, Uganda werde wieder ein „Anti-Homosexuellen-Gesetz“ einführen, so wie die Regierung das vor gut zehn Jahren schon einmal versucht hatte. Dieser Versuch hatte internationale Kritik hervorgerufen, weil das geplante Gesetz für „besonders verwerfliche Homosexualität“ die Todesstrafe vorsah. Eine überarbeitete Version wurde von Präsident Yoweri Museveni 2014 unterzeichnet, schließlich jedoch vom Verfassungsgericht aufgrund formeller Gründe gekippt.

Homosexualität war nicht immer ein konfliktbeladenes Thema in Uganda. Gegenwärtige Spannungen haben ihren Ursprung in den frühen 2000er Jahren, als die Boulevardpresse Homosexualität zum Thema machte und eine heftige Debatte folgte. Sie kreiste um einen Vorschlag einer der ugandischen Frauenbewegung nahestehenden Gruppe: Die ugandische Kommission für Gleichberechtigung möge Homosexuelle als marginalisierte und schützenswerte Gruppe anerkennen, so die Forderung. 

Auch andernorts auf dem afrikanischen Kontinent haben Vorbehalte gegen Homosexualität zugenommen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden gegen Homosexuelle gerichtete Gesetze in Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, in Simbabwe und Liberia eingebracht oder verabschiedet. In anderen Ländern wie dem Senegal hat die Homosexualität in den politischen Debatten einen prominenten Platz eingenommen und auch die Beziehungen zu Regierungen anderer Staaten beeinflusst.

Mehr als eine Kopie US-amerikanischer Homophobie

Es sind mehrere Faktoren, die zu den neuen öffentlichen Spannungen im Umgang mit Homosexualität in Uganda und anderen afrikanischen Staaten beigetragen haben. Im Zusammenhang mit dem ugandischen Gesetz aus dem Jahr 2009 richtete sich die Aufmerksamkeit internationaler Medien auf die Bemühungen konservativer religiöser Gruppen aus den USA, die in der politischen Auseinandersetzung Ugandas eine führende Rolle einnehmen wollten. Das sah dann so aus, als sei das „Anti-Homosexuellen-Gesetz“ ein Ergebnis US-amerikanischer Manipulation. Internationale Einflüsse haben die ugandische Gesetzgebung bestimmt beeinflusst. Doch die Einstellungen gegen Homosexualität in Uganda sind mehr als eine bloße Kopie US-amerikanischer Homophobie.

Autorin

Lydia Boyd

lehrt Afrikanische, Afroamerikanische und Diasporastudien an der Universität von North Carolina in Chapel Hill. Sie ist Mitherausgeberin des Buches „Legislating Gender and Sexuality in Africa: Human Rights, Society, and the State“ (Wisconsin University Press 2020).
Seit rund 15 Jahren führe ich in Uganda ethnographische Forschungen zu Fragen der Sexualität, Gesundheit, Aidsprävention und zu religiösem Aktivismus durch. Die meisten Ugander fühlen sich von Homosexualität bedroht, weil in ihren Augen Rechtsansprüche kulturell legitimiert sein müssen und aus der sexuellen Identität keine Ansprüche auf bürgerliche Rechte oder Menschenrechte abgeleitet werden können. Viele Ugander sind der Ansicht, das Konzept sexueller Gleichheit habe keine kulturelle Legitimität und bedrohe daher die ugandische Kultur.

Angesichts dieser Wurzeln des homophoben Diskurses liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Sprache, in der ausländische Aktivisten und Entwicklungshelfer über Sexualität sprechen, an den meisten Ugandern vorbeigeht – vor allem wenn es um auf internationaler Ebene diskutierte Schwulenrechte geht. Religiöse Aktivisten aus dem In- und Ausland waren hingegen sehr erfolgreich dabei, bei den Ugandern Abneigung gegen Schwule hervorzurufen. Dies gelang ihnen, indem sie Homosexualität mit umfassenderen Sorgen vor einem moralischen Verfall als Folge gesellschaftlicher Umbrüche verbunden haben – etwa wenn es um Heirat, Familie oder die Beziehungen zwischen den Geschlechtern geht. 

Mitglieder der Transgender- und LGBTQI-Gemeinschaft schminken sich im November 2019 anlässlich eines Gedenktags für die Opfer von Hassverbrechen. Sumi Sadruni/AFP via Getty Images
Zehn Jahre lang habe ich in mehreren Kirchen in Ugandas Hauptstadt Kampala geforscht, die maßgeblich zur wachsenden politischen Mobilisierung von Ugandas „wiedergeborenen“ Christen beigetragen haben. Wiedergeborenen Christen kam beim Entwurf des Gesetzes vor gut zehn Jahren eine Schlüsselrolle zu; Mitglieder und Gemeindeleiter führender Kirchen haben es unterstützt und seither die öffentliche Wahrnehmung von Homosexualität geprägt. David Bahati etwa, Verfasser des Gesetzes und Parlamentsmitglied, gehörte einer Bibelarbeitsgruppe an, die mit einer weltumspannenden christlichen Organisation verbunden ist. Dieses in den USA gegründete Netzwerk organisiert das jährliche Gebetsfrühstück in Washington, D.C., das sogenannte National Prayer Breakfast, das regelmäßig im Zentrum medialer Berichterstattung steht, weil es Politik und Religion auf internationaler Ebene zusammenbringt. Eine wichtige Rolle spielte auch Martin Ssempa, Pastor und Gründer einer Kirche in Kampala, die eine nur auf sexueller Enthaltsamkeit basierende Strategie zur Aidsprävention propagiert. Er trug dazu bei, das Gesetz zu formulieren, unterstützte es öffentlich und setzte sich dafür ein, Homosexualität auf die politische Agenda des Landes zu setzen.

Diese beiden Männer gehören Kirchen beziehungsweise religiösen Gruppen an, die Ugander als „wiedergeborene Christen“ bezeichnen – ein Ausdruck, der für die nichtkonfessionsgebundenen und pfingstlerischen Kirchen in Uganda steht, deren Zahl sich in den vergangenen drei Jahrzehnten stark erhöht hat. Viele dieser Kirchen sind städtisch geprägt, charismatisch und medienerfahren und haben viele vor allem junge Ugander von der seit der Kolonialzeit im Land dominierenden katholischen und der anglikanischen Kirche abgeworben. Wie die evangelikalen Gruppen in den USA sehen auch in Uganda viele Kirchengemeinden und ihre Führer die Kirche als Plattform für sozialen Protest, wenn es um Angelegenheiten rund um Sexualität und Familienleben geht.

Sex sei ein Akt, keine Identität

In Uganda ist die Arbeitslosigkeit insbesondere unter Jugendlichen groß und die Verstädterung schreitet zügig voran, was die weit verzweigten Verwandtschaftsbeziehungen stark belastet. Moralische Bedenken in Bezug auf Familie, Verhältnis der Geschlechter, Sexualität und Ehe sind deshalb wichtige Themen in Predigten und auf Veranstaltungen der Kirchen. Viele Gemeinden versuchen sich als weltläufige Institutionen zu positionieren, die sowohl der nichtchristlichen traditionellen Spiritualität wie auch globalen Werten, die als Bedrohung der ugandischen Kultur und des gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen werden, kritisch gegenüberstehen. Die Familie wird so in den Fokus von spiritueller Arbeit und politischem Aktivismus gestellt. 

Viele Ugander, sowohl Christen als auch Nichtchristen, teilen das Unbehagen gegenüber westlichen Diskursen zur Sexualität, die sexuelle Identität, Autonomie und Selbstverwirklichung betonen. Während die Vorstellung sexueller Identitäten im Westen weit verbreitet und akzeptiert ist, ist das in Uganda nicht der Fall. In Uganda ist Sexualität geprägt von Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen und an Fortpflanzung und Geschlechteridentität gekoppelt. Einige Aktivisten aus der queeren Szene Ugandas haben versucht, lokale Ausdrücke wie „kuchu“ zu etablieren, um gleichgeschlechtliche Beziehungen zu beschreiben. Das Wort ist gleichbedeutend mit queer und wird in Uganda von Homosexuellen als Alternative zu gebräuchlichen, meistens abwertenden Ausdrücken genutzt. Für die meisten Ugander bleibt die Idee einer sexuellen Identität unabhängig vom sexuellen Akt oder von sexuellem Verlangen jedoch ein fremdes Konzept.

Ein globaler Diskurs, der für „sexuelle Rechte“ oder „Schwulenrechte“ wirbt, scheint die Wahrnehmung zu verfestigen, Homosexualität sei „unafrikanisch“. Diese Haltung wurde deutlich, als im Jahr 2003 eine Gruppe von Frauenrechtlerinnen vorschlug, Homosexuelle als eine weitere staatlich geschützte Gruppe anzuerkennen. Sex sei ein Akt, keine Identität, und könne daher nicht Grundlage sein, eine Gruppe unter Schutz zu stellen. Die Kritiker argumentierten außerdem, dass das Konzept sexueller Identität unvereinbar sei mit der Kultur, die die soziale, politische und moralische Bedeutung hierarchischer Familienbeziehungen betont und der Sexualität die Rolle zuweist, diese Beziehungen zu festigen.

Kurz nachdem das Anti-­Homosexuellen-Gesetz im August 2014 gekippt worden ist, demonstrieren in Kampala Befürworter des Gesetzes.Isaac Kasamani/AfP via Getty Images
In Buganda, dem größten der traditionellen Königtümer Ugandas, werden bewährte Ideale mit dem Terminus „ekitiibwa“ bezeichnet, was mit Ehrenhaftigkeit übersetzt werden kann. Dieses Konzept betont die Wichtigkeit, sich so zu verhalten, dass sich dadurch die jeweilige Stellung in einer hierarchischen Gesellschaft festigt. Dies geschieht, indem Anstand, Loyalität und Rückhalt anderen gegenüber angemessen zum Ausdruck gebracht werden. Die Ehrenhaftigkeit von Frauen zeigt sich seit jeher anhand ihres Brautpreises bei Hochzeiten, ihrer Mutterschaft und einer Familienstruktur, in der die Integration eines Paares in ein größeres Netzwerk von Verwandtschafts- und Clanbeziehungen erfolgt.

Das gilt in Uganda für viele bis heute, und zwar sowohl in ländlichen wie auch in städtischen Gegenden. Zwar haben sich auch in Uganda wie in den meisten Ländern im Lauf der Zeit die Art der Beziehungen und das Zusammenleben der Menschen verändert. Unverheiratete Paare leben oft ohne Trauschein zusammen, weil die Kosten für den Brautpreis und die Hochzeitsfeier zu hoch sind. Aber eine traditionelle Hochzeit und Elternschaft gelten nach wie vor als Zeichen für einen gewissen moralischen und sozialen Status. Hochzeiten, bei denen ein Brautpreis gefordert ist, sind nach wie vor als Übergangsriten in eine neue Lebensphase sehr gefragt. Sowohl für Männer als auch für Frauen markiert die Elternschaft einen wichtigen Schritt in eine neue gesellschaftliche Rolle, und häufig gilt sie sogar als Voraussetzung dafür, als Erwachsene anerkannt zu werden.

Gleichgeschlechtlicher Sex ist okay

Individualistischere Formen des gesellschaftlichen Lebens sind in Uganda zweifellos weit verbreitet. Doch die meisten Ugander betrachten Sexualität als einen Teil der Persönlichkeit, der in die Gesellschaft eingebettet ist und im Zusammenhang mit wechselseitigen Verpflichtungen und erweiterten Familienbeziehungen steht. Homosexualität gilt als Bedrohung dieser Werte – erst recht, wenn sie im Rahmen eines Diskurses daherkommt, der sexuelle Autonomie und persönliche Freiheit in denVordergrund stellt.

Homosexualität wurde jedoch nicht immer als Bedrohung der sozialen Ordnung, von Heirat und Fortpflanzung betrachtet. Ein Pastor und Aktivist der Anti-Homosexuellen-Bewegung sagte mir, dass er sich nicht per se an gleichgeschlechtlichem Sex störe. Den habe es immer gegeben, gab er zu. Er beanstandete aber die neue öffentliche Präsenz von Homosexualität und den Anspruch, diese „sexuelle Identität“ sei gleichberechtigt mit allen anderen.

Die Einwände des Pastors verdeutlichen, dass Anti-Homosexuellen-Aktivisten mit ihrer Kritik erfolgreich nach außen verweisen. Sie beklagen, globale Entwicklungen hätten zu großen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in Uganda. Das Gesetz gegen Homosexuelle aus dem Jahr 2009 enthielt eine Klausel zu Organisationen, die Homosexualität „fördern“.

Auf diese Klausel beriefen sich Aktivisten, um internationale NGOs anzugreifen und schließlich des Landes zu verweisen, die mit Homosexuellengruppen arbeiten. In landläufigen Debatten und in den Medien werden ausländische Organisationen immer wieder als Unterstützer von Homosexualität dargestellt. Ihnen wird vorgeworfen, unschuldige Ugander mit Geld zu homosexuellen Beziehungen „zu verführen“.

An gesellschaftliche Werte anknüpfen

Solche Gerüchte verdeutlichen, dass das Gefühl der Bedrohung durch die Homosexualität verbunden ist mit weitergehenden Ängsten vor wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit, die sich direkt auf das Familienleben und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern auswirken. Nach dieser Lesart sind es ausländische NGOs, die die wirtschaftliche Unsicherheit junger Menschen ausnutzen und Geld einsetzen, um die moralischen Grenzen des Familienlebens auszuhebeln. Viele Ugander betrachten den Diskurs über Menschenrechte als Auswuchs ausländischer Einflussnahme auf ihre Kultur.

Unter diesen Voraussetzungen ist der Einsatz für Gleichheit und für die Rechte der ugandischen LGBTQI-Gruppen schwierig. Wichtig ist, dass sich die Uganderinnen und Ugander Argumente für sexuelle Gleichheit zu eigen machen können, damit sie im Land Gehör finden. Forderungen, die auf bestimmten Rechten gründen, müssen an bedeutsame gesellschaftliche und moralische Kontexte anknüpfen können. Sie müssten zum Beispiel an ein Gefühl von Mitmenschlichkeit gegenüber sexuellen Minderheiten appellieren.

Die Frauenbewegung, die sich einer ähnlichen Kritik ausgesetzt sieht wie das Engagement für Schwule und Lesben, hat erfolgreich eine Strategie entwickelt, mit der sie den Vorwurf von sich weist, sie sei unafrikanisch und gefährde die Familie. Sie konnte glaubhaft machen, dass die Werte, auf denen der Anspruch auf bestimmte Rechte gründet, nicht zuletzt auch afrikanisch sind. Die Wirkmächtigkeit und der Einfluss von Frauen in Politik, Gesellschaft und im Bereich moralischer Fragen sind ein Teil ugandischer Kultur, argumentieren Frauenrechtlerinnen. Wenn Aktivisten, die sich für Homosexuelle einsetzen, ihre Argumente an Konzepte wie Respekt, soziale Verpflichtung und Mitmenschlichkeit knüpfen, könnten sie sich von dem Verdacht befreien, sie seien der verlängerte Arm einer „ausländischen Agenda“. Der Hinweis, dass Diskriminierung auf Kosten der Menschlichkeit geht und dass jeder seinem Nächsten moralisch verpflichtet ist, dürfte wirkungsvoller sein als der bloße Verweis auf Rechte.

Aus dem Englischen von Julia Lauer.

erschienen in Ausgabe 4 / 2020: Willkommen – oder nicht?

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