Afghanistan
Sie sind aufgrund ihrer Arbeit für westliche Institutionen in Gefahr.jpgKabul im Juli 2021: Einheimische Mitarbeiter der US-Truppen bitten um Hilfe. Afghanische Ortskräfte fühlen sich vom Westen im Stich gelassen - von den USA ebenso wie von Deutschland.

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Afghanistan

„Wer für das BMZ gearbeitet hat, hat Pech gehabt“

Die Bundesregierung lässt Afghanen, die für deutsche Ministerien oder Organisationen tätig waren, nach dem Abzug der Bundeswehr im Stich, sagt Marcus Grotian vom »Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte«.

 Marcus Grotian, Hauptmann der Bundeswehr, war vor zehn Jahren in Kundus stationiert. Er ist ehrenamtlicher Vorsitzender des »Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte« und arbeitet derzeit zusammen mit einem kleinen Team die Nächte durch, um gefährdeten Afghanen zu helfen.privat
Herr Grotian, die Bundesregierung hat ein neues Ortskräfteprogramm aufgelegt für Afghanen, die gefährdet sind, weil sie für die Bundeswehr tätig waren. Was finden Sie daran problematisch? 
Es gibt ein Programm? Das fände ich toll. Mein Eindruck ist, dass zwar von einem Programm gesprochen wird, es aber in der Praxis keins gibt. Die Ansätze eines Programms bringen den allerwenigsten Menschen etwas, weil alles viel zu lange dauert und viel zu bürokratisch ist. Tatsache ist: Wir sind losgeflogen und haben die Afghanen, die für uns gearbeitet haben, zurückgelassen. Die Behandlung der Ortskräfte ist so schäbig – dieses moralische Versagen kann ich nicht in Worte fassen. 

Von welcher Behandlung sprechen Sie? 
Als die Bundeswehr abzog, hatten rund 2400 Afghanen ein Visum erhalten. Diese Zahl umfasst Afghanen, die für uns tätig gewesen waren, und ihre Frauen und Kinder. Sie hätten sofort mit ausgeflogen werden sollen! Stattdessen wurde ihnen zusammen mit dem Visum ein Zettel ausgehändigt, auf dem stand, sie sollten sich im örtlichen UN-Büro melden, dort werde man ihnen weiterhelfen. Darauf warten viele noch immer. Anstatt die Menschen umgehend in Sicherheit zu bringen, hat die Bundeswehr 22.000 Liter Bier und Wein mit ausgeflogen sowie einen Gedenkstein. Neben denen, die immerhin ein Visum erhalten haben, gibt es  zwei weitere Gruppen, die noch schlechter dran sind.

Welche sind das?                                                                                                                   
Die eine Gruppe umfasst Menschen, die theoretisch einen Antrag stellen könnten, weil sie akut gefährdet sind, denen das aber kaum möglich ist: Afghanen, die im Camp Marmal bei der Bundeswehr vorstellig geworden sind, wurden dort weggeschickt – bis die Bundeswehr abgeflogen ist. Auch die Deutsche Botschaft verweist sie weiter an die Internationale Organisation für Migration, deren Büro vor Ort aber erst vor wenigen Tagen überhaupt eröffnet hat. Und schließlich sind da noch diejenigen, die einfach Pech gehabt haben, weil sie fürs falsche Ministerium gearbeitet haben. 

Das müssen Sie erklären.
Auf der Innenministerkonferenz wurde im Juni beschlossen, dass Afghanen, die als Dolmetscher oder in anderen Funktionen für die Bundeswehr in Afghanistan tätig waren, eine Gefährdungsanzeige stellen können, auch wenn ihre Tätigkeit schon einige Jahre zurückliegt. Dann haben sie die Chance, nach Deutschland zu kommen und dem Terror der Taliban zu entfliehen. Das gilt für Menschen, die ab 2013 fürs Bundesverteidigungsministerium gearbeitet haben. Wenn Sie allerdings als Afghane beim Bundesentwicklungsministerium (BMZ) oder beim Auswärtigen Amt angestellt waren, haben Sie leider Pech gehabt. Für diese Menschen gilt die Regelung nicht. Hier sagt die Bundesregierung: Nur wer in den letzten zwei Jahren für die entsprechenden Ministerien gearbeitet hat, ist gefährdet. Als ob es die Taliban interessieren würde, ob jemand nun fürs BMZ oder fürs Verteidigungsministerium tätig war und ob das nun vor zwei oder vor drei Jahren war.

Das heißt ein Afghane, der 2017 als Koch für die Bundeswehr tätig war, kann auf ein Visum hoffen, sein Kollege, der für die GIZ gekocht hat, nicht?
So ist es. Die Menschen und ihre Familien sind in Lebensgefahr und wir lassen sie einfach im Stich! Trotzdem beobachte ich bei vielen ein unsägliches moralisches Überlegenheitsgefühl. Bei so viel „Nächstenliebe“ seitens deutscher Politiker kann sich der eine oder andere Afghane schon fragen, ob die Deutschen im Vergleich zu den Taliban wirklich das bessere Gesellschaftsmodell vertreten. Die Bundesregierung sagt, Sammelanerkennungen für gefährdete Afghanen, die für die Deutschen tätig waren, kann es nicht geben. Das müsse im Einzelfall entschieden werden. Ich frage mich: Wieso gibt es dann von vornherein Sammelablehnungen für ganze Gruppen? Weshalb wird festgelegt: „Wer nicht in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit mit den Deutschen kooperiert hat, sondern zuvor, erhält keine Möglichkeit, eine Gefährdungsanzeige zu stellen“?  Warum prüft man nicht stattdessen auch hier jeden Einzelfall?   

Wie stellt sich die Situation für Subunternehmer dar?
Sie werden überhaupt nicht berücksichtigt. Das trifft Menschen wie den Afghanen, der zehn Jahre lang einen Copyshop für unsere Soldaten im Lager betrieben hat. Er hatte zwar kein reguläres Dienstverhältnis, galt in den Augen der Afghanen aber dennoch als Mitarbeiter des Camps. Dieser Mann hat noch nicht mal die Chance, eine Gefährdungsanzeige zu stellen. Oder ein anderer, der auf unseren Wunsch hin eine Kirche im Camp Marmal gebaut hat. Das ist in den Augen radikaler Islamisten eine Todsünde. Dieser Mann ist nun bedroht. Erklären Sie ihm mal, dass er leider den falschen Arbeitsvertrag hatte, um nach Deutschland kommen zu dürfen. Ich finde: Jeder, der für uns eine Kirche oder eine Straße gebaut hat, müsste zumindest antragsberechtigt sein. Aber es fehlt der politische Wille, die Menschen, ohne die in Afghanistan nichts gelaufen wäre, angemessen zu unterstützen. Eine Nachsorgepflicht scheint es nicht zu geben. 

Die Gefährdungsanzeige ist die erste Voraussetzung für eine mögliche Ausreise. Doch jüngst war in der Frankfurter Rundschau zu lesen, dass die GIZ Afghanen, die eine Gefährdungsanzeige gestellt hatten, gekündigt hat. Sind Ihnen solche Fälle bekannt? 
Ja, in einigen Fällen auch bei der Bundeswehr folgte auf diese Anzeige die Entlassung. Es wundert mich nicht, wenn das auch bei der GIZ so war oder ist. In der Folge haben Ortskräfte der Bundeswehr auf eine entsprechende Gefährdungsanzeige verzichtet – nur um nun zu erfahren, dass sie eine  Bedingung für die Aufnahme in Deutschland ist. Letztlich ist dafür aber nicht in erster Linie die GIZ, sondern das BMZ und die gesamte Bundesregierung zur Verantwortung zu ziehen. 

Wie gehen andere Länder mit den Ortskräften um? Läuft das unbürokratischer als bei uns?
In Großbritannien gibt es schon seit längerer Zeit ein Team, das sich die ganze Zeit um die Ortskräfte gekümmert hat. Bereits vor einigen Wochen wurden die in ein Flugzeug gesetzt, ins Vereinigte Königreich ausgeflogen und dort erst einmal in Hotels untergebracht. Und wie läuft das bei uns? Afghanen, die endlich ein Visum bekommen, müssen selbst schauen, wie sie rauskommen. Vielen fehlt schlichtweg das Geld, um den teuren Flug für sich und ihre Familie zu bezahlen. Und wenn sie dann hier sind, müssen sie sehen, wo sie unterkommen, wie sie zurechtkommen. Viele landen in der Obdachlosigkeit. Bei unserem Verein rufen täglich Menschen an, die Hilfe benötigen. Wir schieben mit einem fünfköpfigen Team momentan Nachtschichten. 

Wie hilft das „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“, dessen Vorsitzender Sie sind, bedrohten Afghanen und ihren Familien?
Wir vermitteln den Menschen sichere Unterkünfte in Kabul, während sie den Visumsprozess durchlaufen. Wir sammeln Spenden für Flugtickets, damit die Leute überhaupt nach Kabul reisen können. Wir unterstützen jene, die hier sind, damit sie nicht auf der Straße landen. Und wir überlegen, ein Flugzeug zu chartern, um die Menschen selbst ausfliegen zu können, wenn es der deutsche Staat, dessen Aufgabe das wäre, nicht tut. Aber das ist natürlich teuer – 280.000 Euro kostet eine solche Maschine. Dann hätten wir 200 Menschenleben gerettet. 

Sie kennen Afghanistan aus eigener Erfahrung, waren 2011 in Kundus stationiert. Wie geht es Ihnen in dieser Situation?
Ich erlebe derzeit eine Politik, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Dieses moralische Versagen belastet mich seelisch sehr. Es fällt mir jeden Tag schwerer, meine Uniform anzuziehen.

Das Gespräch führte Elisa Rheinheimer.

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