Umweltschutz
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Schluss mit dem Selbstbetrug!

Immer mehr Großunternehmen erklären, dass sie in einigen Jahrzehnten klimaneutral wirtschaften wollen. Leider kann man den allermeisten dieser Versprechen nicht trauen. Das liegt nicht einfach am bösen Willen von Managern: Die Rechnung kann gar nicht aufgehen.

 Bernd Ludermann ist Chefredakteur von „welt-sichten“.welt-sichten
Die Klimaschutzpläne von 25 großen Unternehmen wie Apple, BMW, Deutsche Post und Nestlé sind alle mehr oder weniger unzureichend – das zeigt der „Corporate Climate Responsibility Monitor“. Viele Firmen machen nicht transparent, welche Emissionen wie verringert werden sollen. Viele lassen Emissionen aus, die nicht im eigenen Betrieb, sondern auf- oder abwärts in der Lieferkette entstehen. So bezieht sich das Netto-Null-Ziel des brasilianischen Fleischproduzenten nur auf die Schlachthöfe, obwohl über 90 Prozent der Emissionen seiner Fleischerzeugung auf Farmen, Mastfabriken und durch Entwaldung entstehen. Die Deutsche Telekom erklärt nicht, wie sie die Emissionen aus der Nutzung ihrer Netze senken will.

Noch schwerer wiegt: Die Firmen setzen durchweg darauf, mehr Kohlenstoffbindung in der Natur gegen eigene Emissionen zu verrechnen, das sogenannte Offsetting. Zum Beispiel will IKEA 2030 „klima-positiv“ werden, aber seine Emissionen laut der Studie nur um 15 Prozent gegenüber 2016 senken; der Rest soll mit Schritten wie Waldschutz und Aufforstung kompensiert werden.

Einladung zu Trickserei, Irreführung und Greenwashing

Das ist Augenwischerei. Zwar ist diese Art, der Atmosphäre CO2 zu entnehmen, sinnvoll und nötig (und kostengünstiger als andere Methoden). Aber erstens ist das Potenzial global begrenzt, sodass unmöglich alle Firmen gleichzeitig längere Zeit auf diesem Weg Emissionen kompensieren können. Zweitens bindet die Natur CO2 nicht dauerhaft, Waldbrände zum Beispiel setzen es schnell wieder frei. Und drittens zeigen realistische Klimaszenarien: Es ist zu spät, das 2-Grad-Ziel oder gar das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, ohne dass eine Zeitlang in Summe mehr CO2 aus der Atmosphäre entnommen als freigesetzt wird. Folglich sind solche negativen Emissionen keine Alternative zur drastischen Verringerung des Ausstoßes, sondern zusätzlich nötig.

Nur wenn beides getrennt ausgewiesen wird, statt es zu verrechnen, sind also Klimaschutzpläne etwas wert. Die Staaten sollten Firmen diese Berichtsart vorschreiben – was heikel ist, weil viele Regierungen, etwa die Schweiz, selbst aufs Verrechnen setzen. Es nicht vorzuschreiben, lädt geradezu ein zu Trickserei, Irreführung und Greenwashing.

Das nutzen die Firmen gern. Allerdings betrügen sie damit Gesellschaften, die betrogen werden wollen: Viele möchten ihre Lebensweise samt Konsum beibehalten, aber dafür ein gutes Gewissen haben. Dabei können Nestlé, BMW oder JBS gar nicht klimaneutral werden, wenn sie zugleich den Umsatz mit Fertigessen, Autos oder Fleisch weiter steigern. Der Umstieg auf grünen Strom allein hilft da nicht. Das ist eigentlich leicht zu erkennen – nicht nur in den Firmenetagen.

erschienen in Ausgabe 3 / 2022: Tod und Trauer

Kommentare

Lieber Herr Ludermann, danke für Ihren - wie immer - sehr treffenden Kommentar.
Diese Augenwischerei betrifft aber uns alle in weiten Teilen der Gesellschaften: Regelmäßig spricht sich in Umfragen ein beeindruckender Prozentsatz der Befragten natürlich für nachhaltigeren Lebensstil, für regionale und ökologische Produkte usw. aus. Wenn dann aber die Frage kommt: Wären Sie zu Mehrkosten für die Umwelt bereit ? - dann heißt die erschlagend oft gewählte Antwort: Nein.... Also entweder: Es sollen mal die anderen finanzieren. Oder: Wir wollen unseren fürstlichen Lebensstandard nicht missen, aber bitte auf Öko-Niveau und weiter zum Ramschpreis. So wird das dann leider auch nichts....

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