Mehr Mut zu Wut und Tränen

Mehr Mut zu Wut und Tränen

Emotionen sind eine Voraussetzung für gerechtes Handeln

Von Christoph Stückelberger

Gefühle sind eine unverzichtbare Kraftquelle, die es zu nutzen gilt. Sie sind aus Sicht des christlichen Glaubens Gaben Gottes, ebenso wie die Vernunft. Emotion und Vernunft sind untrennbar verbunden und helfen uns gemeinsam, zum rechten Handeln zu gelangen. Aus Klage, Weinen und Wut angesichts von Ungerechtigkeiten entsteht der Mut, sich für Solidarität und Gerechtigkeit einzusetzen.

Ich besuche ein kleines Land­spital im Kwango, 500 Kilometer südlich von Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, und nahe der Grenze zu Angola – weitab von Straßen und Städten. Kranke im Freien unter Bäumen. Im Gebärsaal – hierhin kommen nur Frauen mit einer komplizierten Schwangerschaft, die andern gebären sowieso zuhause – stehen zwei eiserne Bettgestelle, sonst nichts. Sie sind ohne Matratze, ohne Federn, mit je sechs krummen, brüchigen, nackten Holzstäben als „Liegefläche“ weniger als notdürftig bedeckt.

Als ich den Raum mit dem heißen Blechdach verlasse, weine ich. Ich kann nicht anders. Auch vor der Mitarbeiterin kann und will ich es nicht verbergen.

Dann kommt die Wut über diese verdammte Ungerechtigkeit von Arm und Reich. Sogleich möchte ich das Wort „verdammt“ zurücknehmen oder mit Anführungszeichen dämpfen. Es ist unhöflich, unschön, grob. Nein. Nicht das Wort ist grob, die Realität ist grob, die Holzstecken sind verdammt kantig, unschön, lebensgefährdend. Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Diese Gefühle brauchen mehr Kraft als der Fußmarsch oder die Hitze.

Sie verbrauchen aber nicht nur, sondern schaffen zugleich neue Kraft: zum Weitermachen, zum Weiterkämpfen und dafür, die Gewissheit in die Kirchengemeinden, Vorlesungssäle und Zeitungskolumnen zu tragen, dass sich Entwicklungszusammenarbeit lohnt. Ich weiß, für wen ich arbeite.

Ich bin ein nüchterner Mensch, ein Mann mit Hemmungen gegenüber Gefühlen, ein Ethikprofessor mit ausgebauten Rationalisierungsmechanismen. Aber auch die Ethik entdeckt endlich wieder: Emotion ist ein zentrales Fundament der Wertebildung, und Intuition ist ein zentrales Element der Werteorientierung.

Diese an sich banale und doch nicht triviale Erkenntnis gewinnt an Boden. Eine Dissertation zur Relevanz von Emotionen für die christliche Ethik hat an der Uni Zürich einen Jahrespreis erhalten, Führungskräfte werden seit Jahren in „emotionaler Kompetenz“ geschult, und „Erfolg mit Emotionen“ lautet ein Werbespruch, der wirtschaftlichen Aufstieg verspricht. Gleichzeitig macht die Funktionsweise der medialen Welt mit ihrem Betroffenheitsansatz und dem konstanten Auswalzen scheinbar intimster Gefühle skeptisch; angesichts dessen möchte man zum vernünftig argumentierenden Rationalisten werden. Wie lässt sich in diesem Spannungsfeld das Gleichgewicht finden?

Empirische Datenerhebungen, rationale Analysen und die ethische, vernünftige Argumentation über Werteorientierungen sind unverzichtbare Instrumente für das menschliche Handeln. Emotionen sind eine unverzichtbare Kraftquelle. Der Einsatz für Solidarität und Gerechtigkeit, für Freiheit und Menschenwürde setzt die Fähigkeit zur Empathie, zum Einfühlen sowie zur Sympathie und zum Mitleiden voraus.

Aus der Sicht des christlichen Glaubens sind Emotionen ebenso wie die Vernunft Gaben Gottes. Sie müssen nicht möglichst unterdrückt oder überwunden werden, wie es gewisse philosophische Schulen – etwa die Stoa – und Religionen wie der Buddhismus  anstreben.  Sondern sie sind einzusetzen. Aus Klagen, Weinen und Wut entsteht Mut Das entspricht auch dem jüdisch-christlichen Gottesbild: Gottes überschäumender Schöpferwille ist eine rational nicht fassbare Explosion seiner Emotion für das Leben. Der Eifer Gottes ist Ausdruck seines unbedingten Einsatzes für Gerechtigkeit, sein Mitleiden am Kreuz Ausdruck seiner ohnmächtig-mächtigen Liebe. Sein Geist ist die mit der Vernunft gekoppelte Intuition, im richtigen Moment am richtigen Ort gegenüber den richtigen Menschen mit den richtigen Mitteln das Richtige zu tun.

Dieses Gottesbild drückt aus, dass für den christlichen Glauben Emotion und Vernunft untrennbar verbunden sind, um zum rechten Handeln zu gelangen. Und so lässt sich auch die schmerzliche Theodizeefrage, warum denn Gott die Ungerechtigkeit zulässt, nicht argumentativ lösen. Nur existenziell wie in den Klagepsalmen: Aus Klage, Weinen und Wut angesichts der Holzpritschen entsteht der Mut zum vernünftigen Einsatz für Gerechtigkeit.

Christoph Stückelberger ist Direktor des internationalen Ethiknetzwerks Globethics.net mit Sitz in Genf und Professor für Ethik an der Universität Basel.

welt-sichten 6-2008

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2008: Welternährung
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